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Kommentar:Bewusst zulassen

Wer den Kiesabbau im Wald vor der eigenen Haustür partout verhindern will, denkt möglicherweise zu kurz: Der Abbau in der Nähe könnte für die Umwelt schonender sein, als den Rohstoff aus der Ferne heranzukarren. Befürworter und Gegner sollten deshalb nach einem verträglichen Kompromiss suchen

Ohne Lehm daat's München net geb'n" lautet ein Schlagwort, das ein wesentliches Faktum der Münchner Stadtgeschichte beleuchtet: Viertel wie Laim oder Berg am Laim zeugen noch heute von der Bedeutung des Baustoffs Lehm für den Aufschwung der Stadt. Heutzutage macht sich die Baustoff-Industrie reichlich Gedanken zu Sand und Kies, deren verwertbare Vorkommen, glaubt man den Branchen-Experten, ähnlich endlich sind wie die Ölfelder der Welt.

Dass die vom Klima- und Ressourcenschutz getriebene Debatte im Münchner Südwesten für Kiesabbau-Unternehmen eine gefährliche Dynamik angenommen hat, darf man der jetzt angestoßenen PR-Offensive unmittelbar entnehmen. Deren Argumente, man möge die Ökobilanz schon in ihrer Gesamtheit ziehen und nicht bloß auf die drohende Zerstörung des Waldes vor der eigenen Haustür schauen, sind nicht völlig von der Hand zu weisen. So wird firmennah abgebauter Kies naturgemäß nicht so weit durch das Land gefahren, als käme er aus Niederbayern oder dem Osten Deutschlands. Wer schon einmal Kies für den eigenen Garten von einem ansässigen Kiesunternehmen abgeholt hat, weiß, dass er selbst für eine ganze Tonne nur ein paar Euro hat zahlen müssen. Die Zeiten billiger und billigster Rohstoffe gehen dem Ende zu, ja sie müssen dem Ende zugehen - auch diese Wahrheit muss akzeptieren, wer jetzt fordert, man möge woanders fördern, nur nicht im schönen Forst.

Festgefahren ist die Situation um den Kiesabbau im Großraum München, und das schreit geradezu nach einer Mediation oder Koordination. Vielleicht lässt sich ein klassischer Kompromiss finden, der ökologisch sensible Abbaugebiete ausschließt, andere aber bewusst zulässt. Schließlich gibt es doch Koordinationsgremien wie etwa den Planungsverband Äußerer Wirtschaftsraum München.

Man kann es sich natürlich auch einfach machen und das Eigentumsrecht so oder anders exekutieren: Wenn eine Stiftung oder die hinter ihr stehende Stadt ein mögliches Abbaugebiet nicht zur Verfügung stellen will, wird eben auch nicht abgebaut. Oder umgekehrt: Wenn ein Eigentümer mit der Verpachtung seiner Wiese Geld verdienen will und die Rahmenbedingungen dies zulassen, können die Bagger anrollen. In beiden Fällen bleibt der Gedanke der Nachhaltigkeit auf der Strecke.

© SZ vom 23.08.2019
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