Kommentar:Auswüchse des Wachstums

Der Umgang mit Plätzen und Freiflächen muss ernsthaft diskutiert und am besten zur Chefsache gemacht werden. Denn allerorten ploppen Konflikte auf

Von Thomas Kronewiter

Für sich allein betrachtet mögen die Vorkommnisse in einem kleinen, feinen Park in Berg am Laim vom Rathaus aus gesehen Petitessen sein. Da haben ein paar Jugendliche gefeiert, hin und wieder gezündelt und reichlich Müll hinterlassen. Na ja, die Jugend halt. Hat ja zuletzt kaum Gelegenheit zum Feiern gehabt. Ein bisschen Verständnis muss man da schon aufbringen. Wer so denkt, hat - für sich allein betrachtet - mit dem Kernargument gar nicht einmal unrecht.

Nur ist das Thema eben nicht für sich allein zu betrachten. Konflikte ploppen allerorten auf. Gestern in einer Grünanlage in Untergiesing-Harlaching, in der auffällige junge Leute nicht bloß "Beer Pong" spielten. Allsommerlich an In-Schauplätzen wie dem Gärtnerplatz oder der Occamstraße, zuletzt etwa als hemmungslos feiernde Meute in der Türkenstraße.

Das klassische Rezept der Politik, man gebe den Menschen genügend Freiraum und coole Locations, von Isarauen und Hirschgarten bis zum Werksviertel und zur Alten Utting, scheint nicht mehr aufzugehen. Da wird es auch nichts helfen, weitere Naherholungsflächen zu erschließen wie etwa in Freiham, auf dem Gelände des ehemaligen Siemens-Sportparks, im Bogenhauser Pühnpark oder dem Aubinger Klimapark (zumal auch daran reichlich geknabbert wird) - wenn die Feierwut diese Stellen am Ende womöglich sogar aus dem Spiel nimmt wie jetzt vielleicht in Berg am Laim.

Hatten die Münchner Bezirksausschüsse vor zehn Jahren noch in jeder warmen Jahreszeit über neu aufgestellte Sitzbänke diskutiert, die man - nächtlich okkupiert durch alkoholisierte Menschen - womöglich wieder abbauen müsse, steht inzwischen der Umgang mit ganzen Plätzen und Freiflächen zur Debatte. Wie die Politik dazu beitragen will, zu einer Kultur der gegenseitigen Rücksichtnahme, zum münchen-eigenen, dabei aber nicht völlig grenzenlosen "Leben und leben lassen" zurückzufinden, sollte dringend zum Thema für Entscheidungsträger in der Stadt werden - ebenso Chefsache wie die Frage nach bezahlbarem Wohnraum oder staufreien Verkehrswegen. Auch die sozialen Folgen des Wachstums gehören auf die gesellschaftspolitische Agenda.

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