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Kommentar:Arbeitslos und glücklich

Matthias Lilienthal kann man sich schwer beim "Nichtstun" vorstellen. Wäre aber schön, wenn sich dem mehr Menschen annehmen würden

Von Christiane Lutz

Dass Matthias Lilienthal mal zuhause still sitzt, statt internationale Projekte einzutüten oder auf der Straße vor dem Theater zu stehen, an ein dickes Auto gelehnt, das ihm nicht gehört und das Publikum beobachtet, das ist schwer vorzustellen. Genau das aber hat Matthias Lilienthal, gerade nicht mehr Intendant der Münchner Kammerspiele, jetzt vor. Er hat sich arbeitslos gemeldet. Genau so, wie er es in Gesprächen in den vergangenen Wochen immer wieder ankündigte.

Das mag manche überraschen, weil sie denken, einem ehemaligen Stadttheater-Intendanten fliegen die Anschluss-Jobs doch zu. Und wenn ihm kein Angebot gut genug ist, dann macht er irgendwas anderes Hochtrabendes. Memoiren schreiben. Jungregisseure beraten. In Jurys seinen Senf zu irgendwas geben. Darauf hat Lilienthal offenbar keine Lust. Also arbeitslos. "Darf man das als Ex-Intendant nicht?", fragt Lilienthal im Interview mit der Berliner Zeitung zurück. Klar darf er. Muss er vermutlich steuerrechtlich sogar, wenn er nicht irgendwelchen freiberuflichen Pseudo-Projekten nachzugehen vorgibt, die gerade kein Mensch braucht. Eigentlich hatte er vor gehabt, im Herbstein Theaterfestival in Beirut zu kuratieren. Das wurde erst wegen Corona abgesagt, nach der verheerenden Explosion im Beiruter Hafen aber hätte es möglicherweise ohnehin nicht stattgefunden.

Lilienthal ist gefühlt mit der letzten Sekunde seiner Kammerspiele-Intendanz zurück nach Berlin gezogen. In die Stadt, aus der er kommt und in der er sich auch oder erst recht nach fünf Jahren in München zuhause fühlt. Und macht dort jetzt erst mal: nichts. Besser gesagt: nichts. Faktisch aber wird er jede Menge zu tun haben, denn er hat angekündigt, sich um sein kleines Kind kümmern zu wollen, während seine Partnerin arbeitet. So selbstverständlich das heutzutage sein sollte, gerade am Theater leiden Eltern oft unter familienfeindlichen Strukturen. Auch dort sind es noch immer die Frauen, die im Zweifel zurückstecken. Eine Intendanz in Teilzeit ist sowieso völlig unmöglich in einem Betrieb, der auch von der Selbstausbeutung seiner Mitarbeiter lebt. Daher ist es begrüßenswert, wenn sich Matthias Lilienthal erst mal dem Kinde widmet und "nichts" macht. Ganz nebenbei tut es bekanntlich gut, sich nach großen Aufgaben mal eine Weile zu sammeln und zurückzuziehen, statt sich direkt ins nächste Hamsterrad zu stürzen. Wäre also schön, wenn das viel mehr Menschen täten: eine Weile einfach mal nichts.

© SZ vom 11.08.2020

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