Das deutsche Namensrecht ist gnadenlos. Mit den entsprechenden Eltern bekommt man hinter die Vornamen das Nachnamensungetüm „Prinzessin von Sachsen Gessaphe“ angehängt. Mit Adelsangelegenheiten freilich will die Betroffene „gar nichts zu tun haben“ und nennt sich seit einiger Zeit schlicht und abgekürzt Fernanda von Sachsen. Die junge Sängerin und Komponistin (Jahrgang 1999) ist allerdings auf dem besten Weg – man verzeihe das Wortspiel -, junger Jazz-Adel zu werden.
Falls die Liebe zur Musik erblich ist, dann würde das jedenfalls erklären, warum Musik früh eine Hauptrolle in ihrem Leben gespielt hat. Fernandas Mutter ist Opernsängerin, so saß auch sie sehr schnell im Kinderchor. Ihre ältere Schwester bekam Klavierunterricht, „und ich habe dann heimlich nach Gehör nachgespielt, was sie gelernt hat“, erinnert sie sich. „Irgendwann durfte ich dann selbst Unterricht haben.“ Das Talent war schnell ersichtlich, eigentlich war klar, wohin der Weg führen würde.
Und doch machte Fernanda von Sachsen nach dem Abitur erst einmal ganz etwas anderes: Sie begann ein Ethnologie-Studium. „Ich wollte meinen Horizont erweitern. Es geht nicht nur um die Dinge, die man da lernt, man verändert über die Ethnologie auch seine Denkweise.“ Sie schloss das Studium brav mit dem Bachelor ab, ohne berufliche Absichten: „Musik und vor allem Schauspielerei waren schon damals die interessanten Sachen.“ Fernanda nahm Schauspielunterricht, war im Jugendclub der Kammerspiele, spielte in einem Stück mit und durfte als Regieassistentin hospitieren.
„Mein Leben ist geprägt von unerwarteten Wendungen. Ich war zu diesem Zeitpunkt felsenfest davon überzeugt, dass es die Schauspielerei wird. Aber die Musik hat mir irgendwie gefehlt. Dann kam Corona, ich hatte Zeit, nochmal in mich zu gehen und habe gemerkt: Nein, Musik ist das, was ich machen will.“ Klar war auch, dass der Gesang den Vorrang vor dem Klavier bekommt, und der Jazz vor der Klassik. „Das Schöne am Jazz ist natürlich die Freiheit. In seiner Sprache geht es nicht darum, eins zu eins wiederzugeben, was schon alle anderen zuvor gemacht haben, nur vielleicht ein bisschen besser. Sondern um einen individuellen Ausdruck, der weit über den in der Klassik hinausgeht. Kommt dazu, dass ich schon sehr früh zu komponieren angefangen habe, was im Jazz immer gefragt ist.“
Sie bekam 2020 einen Studienplatz an der Münchner Musikhochschule, und dann ging es rasend schnell, „richtig turbo“, wie sie selbst sagt. Schon im Jahr darauf rutschte sie ins Landesjugendjazzorchester Bayern und gewann ein Stipendium für das New York Voices Vocal Camp sowie die Teilnahme am Deutsch-Koreanischen Jazzworkshop. 2024 wurde sie Stipendiatin der Yehudi Menuhin Live Music Now Stiftung, heuer erhielt sie den Bayerischen Kunstförderpreis.
Nur die äußeren Zeichen einer intensiven studienbegleitenden Aktivität. Fernanda von Sachsen war währenddessen unter anderem Solistin des Tourneestückes „Glikl Oratorye – A Musical Herstory“, des Volta-Kammerorchesters, der „Mass in Blue“ mit Bigband und Chor sowie auf dem Jazzfestival im rumänischen Craiova. Am meisten Aufsehen freilich erregte ihr gemeinsam mit Marina Schlagintweit umgesetztes, vom Jazz-Mäzen Andreas Schiller angeregtes Werner-Richard-Heymann-Projekt „Das gab's nur einmal“. Mit modernen eigenen Jazz-Arrangements wurde hier an den von den Nazis vertriebenen deutsch-jüdischen Komponisten von zahllosen Filmmusiken und Evergreens wie „Irgendwo auf der Welt“ oder „Ein Freund, ein guter Freund“ erinnert.
An die vielen Künstler erinnern, die vor den Nazis fliehen mussten
Womit das eben mehr als nur ein Musik-Projekt war, wie Fernanda von Sachsen erklärt: „Es ging uns auch darum, an die vielen Künstler zu erinnern, die wegen ihres Glaubens, ihrer Herkunft oder ihrer geschlechtlichen Orientierung während des sogenannten Dritten Reiches aus Deutschland fliehen mussten.“ Eine Botschaft also. Die versucht Fernanda von Sachsen auf die eine oder andere Weise all ihrer Musik mitzugeben.
„Eine Message zu haben, ist mir wichtig. Dafür braucht es eine Dramaturgie, aber vor allem Ehrlichkeit. Ich versuche alles, was ich singe, komponiere und arrangiere, ehrlich zu meinen.“ Dementsprechend soll ihr Debütalbum, das fest in Planung ist, auch ein Konzeptalbum werden. So etwas wie die Crossover-Suite „Outside Land“, die mit einer prominent besetzten Rhythm Section und einem Streichquartett der Münchner Philharmoniker im Januar uraufgeführt wurde.
Der Drang nach Aussage entspringt nicht nur zum Teil ihren schauspielerischen Wurzeln, diese helfen ihr umgekehrt in Sachen Ausdruck, Bühnenpräsenz und Bewusstheit. Was man seit jeher über die glasklare, variable, kraftvolle Stimme mit klassischem Fundament und großer Range hinaus erleben kann. Schon bei ihrer ersten Band Jazz D'Apartment, inzwischen bei ihrem Duo mit Pablo Struff und bei ihrem Quartett, das im Moment die Hauptrolle spielt.

Für dieses Quartett hat Fernanda von Sachsen jetzt ein rundes Programm mit Standard-Arrangements und eigenen Stücken fertig. Am 23. Oktober stellt sie es im Münchner Künstlerhaus vor, und mit Auszügen daraus kämpft sie am 7. November im Finale des Jungen Münchner Jazzpreises in der Unterfahrt um den Sieg. Einziger Wermutstropfen: Ihr Quartett mit Pablo Struff am Klavier und dem aktuell im Bundesjazzorchester sitzenden Bassisten Sebastian Claas hat gerade seinen Schlagzeuger Khuslen Baasanbayar verloren. Mit Jonas Sorgenfrei im Künstlerhaus und Niklas Wittig in der Unterfahrt sind zwar zwei der besten jungen Drummer des Landes und damit weit mehr als nur Ersatz am Start. Aber die Suche nach einem festen Drummer wird Fernanda von Sachsen demnächst ebenso beschäftigen wie die nach einem Label. Bislang freilich ist noch immer alles in ihre Richtung gelaufen.

