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Kommen und Gehen:"Wir wollen riechen, fühlen, schmecken"

Die geheime Sprache der Blumen: Anne Büscher (links) und Sanne Vaassen befassen sich in ihrer Kunstaktion mit der Symbolik der Pflanzen.

(Foto: Privat)

Anne Büscher und Sanne Vaassen haben in der Künstlerresidenz Villa Waldberta die Natur in sich aufgesogen. Jetzt lassen sie Blumen sprechen und fordern Besucher auf, es ihnen gleich zu tun

Interview von Martina Scherf

Anne Büscher und Sanne Vaassen haben gerade drei Monate gemeinsam in der Villa Waldberta, der Künstlerresidenz der Stadt München am Starnberger See, verbracht. Ein Ort mit Magie, umgeben von einer märchenhaften Kulisse. Seit einigen Jahren sind die beiden Frauen befreundet und haben schon zusammen an verschiedenen Ausstellungen teilgenommen. Beide studierten in Maastricht an der Kunstakademie. Büscher, 1991 in Stuttgart geboren, studierte zunächst Schmuckdesign und danach Materialstudien in Amsterdam. Sie lebt seit einigen Jahren in den Niederlanden und arbeitet als Künstlerin, Kuratorin und Gastdozentin an der Kunstakademie. Vaassen, 1991 in Maastricht geboren, wurde in ihrer Heimat schon mehrfach für ihre konzeptionelle Arbeit ausgezeichnet. In Feldafing haben die beiden natürliches Material der Umgebung gesammelt. Was daraus entstanden ist, lässt sich in zwei Ausstellungen und einem Workshop sehen und erfahren (Informationen am Ende des Texts). Es geht um Natur, Sprache und Symbolik - und letztlich auch um die Fragilität unseres Seins.

Sie bringen den Menschen in Ihrem Workshop Blumen, wie schön. Was steckt hinter Ihrer Aktion?

Sanne Vaassen: Blumen sind in allen Kulturen ein Mittel der Kommunikation. Wir Europäer verbinden die rote Rose mit Liebe, die weiße Lilie war früher ein Symbol für Keuschheit, aber auch für den Tod. Sie wird heute noch bei Beerdigungen gerne auf den Sarg gelegt. Meine Auseinandersetzung mit Pflanzen allgemein geht aber auf ein Forschungsprojekt zurück, das ich vor einiger Zeit unternahm: "Die geheime Sprache der Blumen".

Um was geht es dabei?

Sanne Vaassen: Im Viktorianischen Zeitalter entwickelten die gehobenen Schichten eine eigene Sprache, um mit Blumenarrangements Botschaften zu übermitteln. Es gibt ein Lexikon dafür. Da liest man dann zum Beispiel bei der Rose nicht nur das Wort "Liebe", sondern den Satz: "Die Schönheit ist deine einzige Attraktion."

Schwingt da Ironie mit?

Anne Büscher: Man hat mit dieser Blumensprache jedenfalls keineswegs nur Komplimente verteilt. Es ging vielmehr darum, bestimmte Dinge nicht direkt sagen zu müssen, sondern eben Blumen sprechen zu lassen.

Und dazu wollen Sie jetzt Ihre Workshop-Teilnehmer inspirieren?

Anne Büscher: Ja. Wir bringen Blumen mit, die wir am Starnberger See gesammelt haben, und lassen sie daraus eigene Arrangements anfertigen. Weder die Teilnehmer noch wir wissen vorher um deren symbolische Bedeutung. Anschließend gibt es eine Tee-Zeremonie, die ich eigens für diesen Workshop entwickelt habe. Danach übersetzen wir anhand des Viktorianischen Lexikons die Sprache der Blumen. So entsteht ein Gespräch. Am Schluss werden wir noch ein Konfekt verteilen, mit Honig, den die Bienen von den Blüten rund um die Villa Waldberta gesammelt und produziert haben.

Sie, Frau Büscher, waren einige Zeit in Japan, dort steht die Tee-Zeremonie auch für Kontemplation.

Anne Büscher: Ja, es geht dabei auch um Entschleunigung und darum, sich gewahr zu werden, dass jeder Augenblick vergänglich, aber einzigartig ist. Die Sinne auf die unmittelbare Umgebung zu richten, alle Reize bewusst wahr zu nehmen. Wir hasten ja viel zu oft durch die Welt. Ich arbeite in der Tee-Zeremonie mit blauer Malve und mit hauchdünnem Glas. Die Malve steht in der Symbolik für das Unsichtbare, das Glas für das Zerbrechliche. Fragilität wird in unserer Gesellschaft ja meist als Schwäche ausgelegt. Das ist in anderen Kulturen anders.

Transcendence betitelten Sie den Workshop. Das klingt wie eine kurzfristige Ausflucht aus der corona-bedingten Zwangslage.

Anne Büscher: Nein, so ist das nicht gemeint. Wir haben drei Monate in der wunderbaren Villa Waldberta verbracht, umgeben von einer mächtigen Natur. Die Idee, unsere beiden Arbeiten zu diesem Workshop zu verbinden, entstand dort spontan. Der Titel Transcendence wird einer Blume zugeordnet, die zur Zeit überall rund um die Villa blüht: der Herbstkrokus. Aber natürlich fließt die Wahrnehmung dieser besonderen Zeit, in der wir uns gerade befinden, in die künstlerische Arbeit ein.

Sie sind beide in Städten aufgewachsen und gehören der Generation der Digital Natives an. Was bedeutet Ihnen die Natur?

Sanne Vaassen: Wir sind beide 29, das heißt, wir erinnern uns noch an die Zeit ohne Smartphone! Ich war als Kind viel draußen.

Anne Büscher: Wir wollen riechen, fühlen, schmecken. Die Jugend identifiziert sich heute sehr über Bilder. Die Instagram-Präsenz ist fast wie ein zweites Leben. Aber trotz aller Veränderungen in der Kultur ist unsere Verbindung zur Welt doch immer noch sowohl physisch als auch mental. Die Auseinandersetzung mit der Natur ist für mich deshalb unverzichtbar.

Sanne Vaassen: Die künstlerische Arbeit bedeutet für mich immer auch: Dinge hinterfragen. Das gilt auch für die Natur. Wir waren in Feldafing unglaublich produktiv, dieser stille, abgelegene Ort inspirierte uns sehr.

Was interessiert Sie an der Macht der Symbole?

Sanne Vaassen: Ich kann mich da sehr vertiefen, bis ich nachvollzogen habe, woher sie kommen und welche Wirksamkeit sie entwickelt haben. In einem anderen Projekt beschäftigte ich mich mit Flaggen, auch sehr mächtige Symbole. Mit den sozialen Medien wird deren Macht zum Teil noch mehr aufgeladen. Da ist es umso wichtiger, nicht alles für selbstverständlich zu nehmen.

Practical Magic, Ausstellung im Palmenhaus der Villa Waldberta, Höhenbergstr. 25, 82340 Feldafing, bis Sonntag, 25. Oktober ( Samstag, 24. Oktober, 11 bis 18 Uhr, Sonntag, 25. Oktober, 11 bis 15 Uhr; Anmeldung unter info@sannevaassen.com); Transient Matter, Ausstellung im Super+Centercourt, Adalbertstr. 44, bis 25. Oktober; Transcendence - Teezeremonie und florale Analytik, Fructa Space, Leonrodstr. 89, www.fructa.org, Workshop am Dienstag, 20. Okt., 13 bis 19.30 Uhr in mehreren Gruppen; bis 25. Oktober als Stillleben zu sehen; die Plätze sind wegen Corona limitiert auf fünf Personen; Anmeldung unter contact@fructa.org

© SZ vom 20.10.2020
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