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Kommen & Gehen:Lost in Gauting

Spuren in den Köpfen der Menschen hinterlassen: Die französische Multimedia-Künstlerin Sylvie Marchand betreibt gerne ethnologische Studien in der S-Bahn und im Biergarten

Die Französin Sylvie Marchand ist promovierte Ethnologin, Filmemacherin und Leiterin der multimedialen Gigacircus Company. In ihrer Arbeit verbindet sie unterschiedliche Menschen, es geht ihr um kulturelle Fragen der Migration. Marchand hat viele Projekte mit indigenen Künstlern in Amerika und Asien entwickelt, genauso wie mit Einwanderern aus aller Welt. Derzeit arbeitet sie in der Villa Waldberta, dem Künstlerhaus der Stadt München, an ihrem Film über Elvira Palma, eine Poetin aus dem Volk der Raramuri in Mexiko, die traditionelle Gesänge ins Spanische übersetzt. Zur Eröffnung des Frauen-Kunst-Festivals "Knot" zeigt sie den Film an diesem Donnerstag um 19.30 Uhr im Instituto Cervantes, Alfons-Goppel-Straße 7 (Eintritt frei) und am Samstag, 15 Uhr im Eine-Welt-Haus, Schwanthalerstraße 80.

SZ: Frau Marchand, was hat München, was Ihre Heimat nicht hat?

Sylvie Marchand: Ich bin für meine Projekte viel auf Reisen, aber mein Basecamp ist ein alter Bauernhof in der Nähe von La Rochelle. Dort ist es sehr ruhig. Verglichen damit ist München eine richtige Großstadt. Aber eine Großstadt mit einer fantastischen Natur ringsum. Und dann gibt es da noch zwei Orte, die ich noch nirgendwo sonst gesehen habe: diese umgebaute Toilette ( das "Klohäusl", Anm. de r Red.). Was für ein wunderbarer Ort! Und in der Nähe das Schiff über den Bahngleisen - ein wahres Traumbild!

Sylvie Marchand interessieren besonders die neuen Impulse, die entstehen, wenn Menschen aus unterschiedlichen Kulturen sich begegnen.

(Foto: privat)

Erinnern Sie sich an Ihr erstes prägendes Erlebnis in München?

Die Villa Waldberta, in der ich wohne, liegt in Feldafing. Die Zugfahrt in die Stadt ist jedes Mal ein Erlebnis. Einmal erzählte mir eine Freundin, sie sei in Gauting verloren gegangen. Ich dachte: Das gibt es doch nicht. Ich bin schon in einer afrikanischen Wüste verloren gegangen und im mexikanischen Hochgebirge, aber in Gauting? Doch dann ist mir genau das passiert, auf dem Rückweg von einer Vernissage in der Stadt: Die S-Bahn fuhr nicht weiter. Aber es sind immer Menschen da, die helfen. Und noch ein schönes Erlebnis hatte ich: Ich musste in Starnberg umsteigen. Den Bahnhof finde ich wunderbar, weil er direkt am See liegt. Dort traf ich zwei Eritreer, beide hießen Ibrahim und waren Geflüchtete. Ich rede gerne mit den Leuten, das bereichert jede Fahrt. Die beiden waren gekommen, um den See zu sehen. Sie sagten, er erinnere sie an den großen Fluss in ihrer Heimat. Ich kenne diese Gegend, die Elefanten, die Bäume, das Wasser. Es muss furchtbar sein, für lange Zeit von seiner Heimat getrennt zu sein, von der Sprache, den Gerüchen, den Klängen. In dieser Situation waren wir beide Fremde, sie aus Ostafrika, ich aus Westeuropa, und wir teilten die Schönheit dieses Augenblicks.

Wen wollen Sie in München unbedingt kennenlernen?

Weil ich selbst mit Migranten arbeite, möchte ich auf jeden Fall die Menschen kennenlernen, die das Kulturzentrum Bellevue di Monaco in der Müllerstraße betreiben, und mich mit ihnen austauschen.

Welches Vorurteil von München wollen Sie gerne widerlegt sehen?

Gibt es das? Ich kenne es nicht. Ich denke, Vorurteile schränken uns nur ein. Franzosen hatten nach dem Zweiten Weltkrieg lange Zeit Vorurteile gegenüber Deutschen, und München war die "Hauptstadt der Bewegung". Aber das haben wir zum Glück längst überwunden. Auch wenn jetzt die Rechten wieder stärker werden, bin ich hoffnungsvoll und stehe auf der Seite des Lebens. Wir Künstler müssen positive Visionen schaffen.

Kommen & Gehen

Mit jedem Menschen, der zuzieht, verändert sich die Stadt. Und auch mit jedem Menschen, der München verlässt, verliert die Stadt ein Stück Identität. Wir stellen sie vor.

Wenn Sie an München denken, welche drei Adjektive fallen Ihnen ein?

Bier, Lachen, Grün. Ich liebe es, wie die Münchner sich in den Biergärten, unter dem Einfluss von ein bisschen Alkohol, fremden Menschen öffnen und ihre schönsten Seiten zeigen.

Wären Sie gerne zu einer anderen Zeit nach München gekommen?

Nein. Mich interessiert die Zukunft mehr als die Vergangenheit. Wir leben in einer spannenden Zeit und sind heute mit der ganzen Welt verbunden. Das ist schön.

Welche Spuren möchten Sie in München hinterlassen?

Spuren in den Köpfen der Menschen, denen ich hier begegne. Das passiert ja schon. Einige befreundete Münchner Künstlerinnen haben mich schon in Mexiko besucht. Ich fühle mich wie ein Bindeglied zwischen Menschen.

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