bedeckt München 14°
vgwortpixel

Kommen & Gehen:"Ich bin ein Chaos-Kopf"

Khadija Diedhiou vermisst München, weil die Stadt ihr Ruhe gibt

Adja Khadija Diedhiou

Adja Khadija Diedhiou, genannt Khadija, fühlt sich im Senegal und in Deutschland zu Hause. "Ich liebe beide Länder", sagt sie.

(Foto: Privat)

Adja Khadija Diedhiou, 23, war sechs Jahre alt, als sie mit ihrer Mutter aus dem Senegal nach Deutschland gezogen ist. Sie hat in Düsseldorf gelebt, in Berlin und München. Sie singt, tanzt, schauspielert und hat 2017 an der Plus-Size-Model-Show "Curvy Supermodel" teilgenommen. Nach einem schweren Unfall verbringt sie gerade einige Monate im Haus ihrer Mutter in Dakar, der Hauptstadt des Senegal. Während des Telefonats begrüßt sie manchmal eine vorbeikommende Person mit "Salam Aleikum", aber dann redet sie gleich auf Deutsch weiter. Schnell, selbstbewusst, lebensfroh. Khadija hat noch viel vor.

SZ: Du hast drei Jahre in München gelebt, was vermisst du am meisten?

Adja Khadija Diedhiou: Den Münchner Sommer, der ist einfach der Hammer. Und überhaupt, dass München so viele Grünflächen und vor allem so schöne Grünflächen hat. Das gibt es weder in Düsseldorf noch in Berlin, dieses Gefühl, so nah an der Natur zu sein.

Was war dein erster Eindruck von München?

Ich bin 2015 nach München gekommen, weil ich einen Studienplatz für Eventmanagement an der Internationalen Hochschule IUBH bekommen hatte. Ich kam an und wusste sofort: That's home, das ist meine Stadt. Ich bin ein Chaos-Kopf. Und in einer Stadt wie Berlin, wo sieben Tage die Woche Party ist, da bin ich dann genauso wirr wie die Stadt und falle in einen Strudel aus Motivationslosigkeit. Das ist in München anders. München gibt mir Ruhe und die Kraft, all meine Pläne umzusetzen.

Was war dein prägendstes Erlebnis in München?

Einen Monat nach meiner Ankunft war ich quasi wohnungslos, weil ich da, wo ich zwischenzeitlich gewohnt hatte, rausmusste. Das war gerade zu der Zeit, als am Hauptbahnhof ganz viele Flüchtlinge ankamen, und ich habe direkt gesehen, dass viele helfen wollten. Und ich wollte das auch. Eine Gruppe von Jungs aus dem Senegal, die ich dort kennengelernt habe, hat mir dann für ungefähr eine Woche einen Schlafplatz in einer Flüchtlingsunterkunft in Lenggries organisiert. Ich will gar nicht sagen, das war positiv oder negativ, es war aber ganz bestimmt prägend. Das erste Mal von zu Hause weg und dann gleich mal im Flüchtlingsheim.

Du hast viel Zeit am Hauptbahnhof verbracht. Was hast du dort sonst noch gemacht?

Ich habe geholfen, wo ich konnte, vor allem beim Übersetzen. Darüber habe ich auch einen Job beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge als freie Übersetzerin bekommen. Das war eine interessante, auch krasse Zeit. Ich weiß noch, nach der ersten Übersetzung habe ich meine Mama angerufen und geweint. Aber ich habe gelernt, es zu händeln.

Was ist ein Unterschied zwischen Dakar, wo du gerade bist, und München?

Hier im Senegal sind die Türen immer offen. Die Gastfreundschaft ist hier wirklich riesig. Wenn du da bist, dann bist du hundertprozentig Gast, es ist einfach, sich wohl zu fühlen. Gleichzeitig fehlt so ein bisschen die europäische Mentalität, dass man seine Meinung offen sagen kann, auch wenn das nicht gerade die allgemein akzeptierte Ansicht ist. Damit ecke ich hier manchmal an.

Möchtest du wieder zurück nach München?

Unbedingt, ich habe so viele Pläne. Ich würde zum Beispiel gerne als Synchronsprecherin arbeiten. Mir ist aufgefallen, dass in Deutschland die meisten dunkelhäutigen Schauspieler in englisch-sprachigen Filmen von weißen Sprechern synchronisiert werden, dabei haben dunkelhäutige Menschen eine ganz andere Stimmtonalität.

Erfahrung im Fernsehen hast du ja schon. 2017 hast du bei der RTL 2-Show "Curvy Supermodel" mitgemacht.

Ich bin bis ins Halbfinale gekommen, aber ich glaube, ich konnte nicht die Geschichte bedienen, die man bei solchen Shows braucht, um zu gewinnen: Von der Maus zum Schwan. Vielleicht war ich schon zu gut (lacht). Aber ich habe da auf jeden Fall tolle Freundinnen kennengelernt, mit denen ich auch immer noch Kontakt habe.

Welches Vorurteil über München würdest du gerne widerlegen?

Dass München konservativ ist. That's trash, das stimmt nicht. Altmodisch und traditionell wird es vielleicht zum Oktoberfest und solchen Anlässen. Ansonsten ist München mega cool, total modern und offen für Neues.

Was würdest du gerne verändern?

Gar nichts, ich liebe München wirklich genauso, wie es ist. Die Bahnen fahren pünktlich, die Stadt ist einfach wunderschön, egal, wo man hingeht. Ich müsste wahrscheinlich dort wohnen und richtig pingelig suchen, damit ich was finde.

Was ist das erste, was du machen wirst, wenn du zurückkommst?

An die Isar gehen und ein Augustiner trinken. Da kriege ich gerade richtig Heimweh.

© SZ vom 17.02.2020
Zur SZ-Startseite