bedeckt München 17°
vgwortpixel

Kommen & Gehen:"Es gibt eine bayerische Gesellschaft und eine internationale"

Irenée-Victoire Anaba Noah promoviert an der Hochschule für Philosophie. Deutsch lernte er in einem Jahr so gut, dass er Heidegger im Original liest

Als Irenée-Victoire Anaba Noah vor einem Jahr von Kamerun nach München zog, sprach er kein Wort Deutsch. Heute promoviert er an der Hochschule für Philosophie und liest Heidegger - im Original. Und München? Sei für viele in Kamerun eine Art Paradies. Aber wenn man hier lebt, sagt der 35-Jährige, sieht man auch die Schattenseiten dieser Stadt.

SZ: Was hat München, was Yaoundé, die Hauptstadt Kameruns, nicht hat?

München ist sauber, sicher und grün. Es ist bewundernswert, wie viel hier für Stadtplanung und den Erhalt von Parkflächen ausgegeben wird, wie gut die Verwaltung funktioniert. Für viele Afrikaner erscheint eine solche Stadt als Paradies. Sie haben die Werbebilder im Kopf von Reichtum und Schönheit - so wie die Deutschen umgekehrt aus Afrika nur Bilder von Armut und Krieg geliefert bekommen. Aber wenn man eine Weile hier lebt, merkt man, dass es kein Paradies gibt.

Was fehlt?

Die Menschen haben materiell viel erreicht. Aber wenn ich durch München gehe und sehe, wie viele einsame alte Menschen es gibt, frage ich mich, wohin der ganze Fortschritt geführt hat. Das so unmittelbar zu erleben, hat mich schon etwas schockiert. Dann sehe ich, wie die Münchner im Englischen Garten ihre Hunde ausführen, mit teuren Wintermäntelchen, und denke: Da stimmt doch was nicht.

Was war Ihr erstes Erlebnis in München?

Als ich ankam, sprach ich noch kein Deutsch. Ich dachte, in einer Weltstadt wie München kommt man doch sicher mit Englisch gut durch. Aber von wegen. Ich sprach mehrere Taxifahrer an und wollte erklären, wo ich hin muss, aber erst der dritte oder vierte hat mich verstanden.

Irenée-Victoire Anaba Noah sieht Deutschland nicht als Paradies. "Wenn ich durch München gehe und sehe, wie viele einsame alte Menschen es gibt, frage ich mich, wozu der ganze Fortschritt geführt hat", sagt er.

(Foto: Robert Haas)

Jetzt sind Sie seit einem Jahr hier und führen nicht nur dieses Interview auf Deutsch, sondern haben begonnen, deutsche Philosophen zu lesen. Wie haben Sie das geschafft?

Es war nicht leicht, aber ich habe eben meine ganze Energie ins Deutschlernen gesteckt und alle zwei Monate ein Level mehr erreicht, von A1 bin ich in zwölf Monaten auf C2 gekommen.

Dafür brauchen andere Jahre. Aber Sie sprechen auch noch ein paar andere Sprachen...

Meine Muttersprache ist Ewondo, mein Vater spricht Etón, Englisch und Französisch sind in Kamerun Amtssprachen, die lernt jeder in der Schule. Und weil ich vier Jahre in Italien studiert habe, kann ich gut Italienisch. Sprachen lernen ist sehr wichtig, denn wie kann man sonst andere Kulturen verstehen oder gar Empathie empfinden?

Kamerun war mal deutsche Kolonie...

Deutsche Händler hatten sich im Auftrag des Kaisers im 19. Jahrhundert Land genommen und Bodenschätze ausgebeutet. Auf der Berliner Konferenz 1884, in der die Europäer Afrika unter sich aufteilten, wurde es offiziell deutsche Kolonie. Nachdem die Deutschen den Ersten Weltkrieg verloren hatten, wurde es dann zwischen Großbritannien und Frankreich aufgeteilt. Diese Teilung ist bis heute spürbar. Zum Teil durften die Menschen ihre lokalen Sprachen nicht mehr benutzen, Zwangsarbeit wurde eingeführt. Aber heute helfen die Amtssprachen bei der Verständigung, denn es gibt 400 verschiedene Ethnien im Land, jede hat eine eigene Sprache.

Sie sind also mit kultureller Vielfalt aufgewachsen.

Die meisten Afrikaner wachsen mit dieser Diversität auf. Aber sie müssen ihren kulturellen Reichtum, über den sie einst verfügten, erst wieder entdecken. Vieles ist in der Kolonialzeit verloren gegangen, die Erinnerung hat gelitten. Es braucht viel Zeit, die Wunden zu heilen.

Was hat Sie bewogen, sich mit deutschen Philosophen zu beschäftigen?

Deutschland mit seiner schweren Sprache war nicht meine erste Wahl für die Promotion. Aber das Stipendium führte mich nach München und jetzt bin ich froh darüber. Gerade habe ich begonnen, Heidegger zu studieren, sein Hauptwerk "Sein und Zeit" spricht mich sehr an. Ich glaube, der moderne Mensch ist zu sehr auf den technischen Fortschritt fokussiert.

Wie meinen Sie das?

Wir fragen uns doch alle, woher wir kommen, was unsere Bestimmung ist, was uns mit anderen verbindet. Uns dies bewusst zu machen, könnte ein Weg der Versöhnung sein. Die Menschen aufzuteilen in Kulturen, Rassen, Religionen - löst das irgendeines unserer Probleme? Ich glaube nicht. Vielleicht sollte ein Afrikaner Heidegger weiter denken.

Sie sprechen von Versöhnung, aber es gibt zur Zeit Tendenzen in der Gesellschaft, die lieber spalten wollen.

Sie meinen die Rechten? Ich bin überzeugt, diese Menschen brauchen Hilfe. Da kann man nicht mit der Polizei kommen. Diesen Leuten fehlt etwas, sie führen einen erfolglosen Kampf, das beweist die Geschichte. Die Welt wächst zusammen, ob sie das wollen oder nicht. Deshalb lautet der wahre Kampf: Wie erreichen wir Frieden und Versöhnung, mit anderen und mit uns selbst?

Kommen & Gehen

Mit jedem Menschen, der zuzieht, verändert sich die Stadt. Und auch mit jedem Menschen, der München verlässt, verliert die Stadt ein Stück Identität. Wir stellen sie vor.

Haben Sie in München Rassismus erlebt?

Ein paar Mal. Jemand rief mir im Vorbeigehen hinterher: "Geh doch nach Afrika zurück", ohne mich direkt anzuschauen. Einmal trug ich Anzug und Krawatte, da kam mir ein Mann entgegen und rief ganz laut, sodass alle es hören konnten: "Ein Schwarzer mit Krawatte!" Das ist natürlich verletzend, aber der war wohl etwas verrückt.

Was nehmen Sie wahr, wenn Sie U-Bahn fahren?

Die Leute schauen alle sehr ernst. Und dann lese ich das Schild "Schwarz fahren kostet 60 Euro". Da fühle ich mich angesprochen und frage mich: Muss das sein?

Der Ausdruck kommt wohl aus dem Jiddischen oder Rotwelschen und hat nichts mit Rassismus zu tun.

Mag sein, aber Tatsache ist: Mit der Farbe Schwarz ist in Europa Negatives verbunden. Ich kann mich aber mit meiner dunklen Hautfarbe nicht unsichtbar machen. Man müsste so einen Ausdruck nicht in öffentlichen Texten verwenden.

Wen würden Sie in München gerne kennenlernen?

Mehr Einheimische! In meinem Deutschkurs traf ich Menschen aus aller Welt. Die Lehrerinnen dort machen einen tollen Job, um so unterschiedliche Leute alle aufs gleiche Niveau zu bringen. Aber in der Stadt habe ich den Eindruck, es gibt eine bayerische Gesellschaft und eine internationale. Die wirken wie Parallelgesellschaften, sie tolerieren sich, aber berühren sich kaum.

Wenn Sie Doktor der Philosophie sein werden - was sind Ihre Pläne?

Ich will Lehrer werden, andere mit meinen Gedanken inspirieren. Wo, das ist noch völlig offen.

© SZ vom 18.01.2020