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Kommen & Gehen:"Das Tempo dieser Stadt ist enorm"

Nicola Mastroberardino ist seit dieser Spielzeit Schauspieler am Residenztheater. An München gewöhnt er sich langsam - auch an die hohe Erwartungshaltung der Zuschauer

Der Schweizer Nicola Mastroberardino, 41, ist seit dieser Spielzeit Schauspieler am Residenztheater. Er kam zusammen mit Intendant Andreas Beck und einem Großteil des Ensembles aus Basel - es war eine kleine Schweizer Invasion am Max-Joseph-Platz. Der Halbitaliener zog mit Familie nach München - auch seine Frau Evelyne Gugolz ist Schauspielerin am Resi.

SZ: Herr Mastroberardino, was hat München, was Basel nicht hat?

Nicola Mastroberardino: Eine U-Bahn. Ich liebe U-Bahnen, weil sie ein Gefühl von Großstadt vermitteln. Oberirdisch fahre ich Fahrrad oder meine Velo Solex. Wahrscheinlich bin ich der letzte Mofafahrer dieser Stadt. Ich genieße es, am Sonntag mit meinem Baguette unterm Arm friedlich nach Hause zu tuckern. Allerdings läuft man da Gefahr, von einem SUV überrollt zu werden. Das Tempo dieser Stadt ist enorm.

Wie meinen Sie das?

Ich habe den Eindruck, in München muss alles schneller gehen als in der Schweiz. Es gibt sehr rücksichtslose Autofahrer - aber auch Fahrradfahrer, die dich auf der Rennstrecke entlang der Leopoldstraße vom Radweg drängen. Es geht viel um Konkurrenz. Dabei muss Langsamkeit ja kein Nachteil sein. Sie kann helfen, Dinge und Menschen intensiver wahrzunehmen. Wenn man neu ist in der Stadt, fühlt man einen Druck, sich anzupassen. Aber vielleicht wäre es besser, ganz bei sich zu bleiben.

Haben Sie außer dem Mofa noch etwas mitgebracht aus Basel?

Wir kamen im Sommer und waren glücklich, dass man im Eisbach schwimmen kann. Also haben wir unseren Wickelfisch mitgebracht. Das ist ein runder Sack, in dem man die Kleider verstaut, damit sie trocken bleiben. In Basel lassen sich die Leute damit den Rhein hinunter treiben. Das ist sehr schön.

Was war ihr erstes prägendes Erlebnis in München?

Die Schulsuche. Alle hatten uns vor dem bayerischen Schulsystem gewarnt. Also suchten wir eine Montessorischule für unsere beiden Töchter. Als wir endlich einen Platz in Neubiberg hatten, fanden wir aber keine Wohnung in erreichbarer Nähe. Schließlich sind wir dann mit Hilfe der Freunde des Residenztheaters in Schwabing gelandet. Die Kinder gehen jetzt in die Sprengelschule.

"Ich habe den Eindruck, in München muss alles schneller gehen als in der Schweiz", sagt Schauspieler Nicola Mastroberardino.

(Foto: Stephan Rumpf)

Und?

Die Nachbarschaft ist wahnsinnig nett und hilfsbereit, die Kinder haben sofort Freundinnen gefunden. Aber das Schulsystem - das ist tatsächlich heftig. In der Schweiz werden die Hausaufgaben meistens schon in der Schule erledigt. Hier wird erwartet, dass die Kinder nach der Mittagsbetreuung, wo sie ja auch schon Hausaufgaben machen, zuhause nochmal eine Stunde Lernen. Das Thema Schule nimmt so viel Platz im Alltag ein. Wann bleibt da noch Zeit zum Spielen?

Wie erleben Sie das Münchner Theaterpublikum?

Ich will die Zuschauer nicht in Kategorien einteilen, jeder Abend verläuft anders. Man ist selbst nicht immer gleich in Form und die Zuschauer sind sehr verschieden. In Bochum, meiner vorletzten Station, empfand ich die Leute als begeisterungsfähig, sie lachten sehr gerne, wenn's denn wirklich lustig war. In Basel wirken sie interessiert, aber die Begeisterung kommt erst zum Schluss. Und in München haben sie hohe Erwartungen an eine Inszenierung.

Sie sind in dieser Spielzeit in sieben Stücken zu sehen. Als " Woyzeck" müssen Sie sich drei Stunden lang auf einer drehenden Bühne bewegen. Wie schafft man das?

Es ist schon ein Kraftakt. Die Bühne ist nicht eben, wir gehen meistens bergauf. Da ist man nach kurzer Zeit nass geschwitzt. Körper und Sprache bewegen sich synchron in einem ganz bestimmten Rhythmus. Wenn ich Glück habe, komme ich in eine Art Flow, dann ist es ein tolles Gefühl und ich spüre die Anstrengung nicht mehr. Aber hinterher bin ich natürlich platt. Das dreht sich im Schlaf noch lange weiter.

Kommen & Gehen

Mit jedem Menschen, der zuzieht, verändert sich die Stadt. Und auch mit jedem Menschen, der München verlässt, verliert die Stadt ein Stück Identität. Wir stellen sie vor.

In "Die drei Musketiere" spielen Sie nicht nur D'Artagnan, sondern auch seinen Diener und sein Pferd ...

Ich liebe diese Inszenierung von Antonio Latella. Sie enthält viele Commedia dell'Arte-Elemente. Das Verspielte kommt meiner italienischen Seele entgegen. Aber es steckt viel Verzweiflung im Komischen. Das Pferd ist verzweifelt, weil es anders aussieht als die anderen und sofort verkauft wird. Bei den Musketieren heißt es: Einer für alle, alle für einen - aber dann wird einer ausgegrenzt. Das ist ein aktuelles Thema. Es mit einem Pferdegesicht spielen zu dürfen, ist eine Herausforderung, aber auch ein Riesenspaß.

Herr Mastroberardino, wo lernen Sie Ihre Texte?

Am Anfang sitze ich meistens zuhause am Küchentisch, wenn die Kinder aus dem Haus sind. Wenn ich den Text schon ein wenig kann, gehe ich auch gerne spazieren und sage ihn vor mich hin. Ich freu mich auf den Frühling, dann geh ich in den Englischen Garten oder setze mich an den Brunnen im Hofgarten.

Wen würden Sie gerne kennenlernen in München?

Ich hätte gerne Sophie Scholl kennengelernt. Jeden Tag fahre ich an der Uni vorbei, in der sie ihre Flugblätter von der Balustrade geworfen hat. Das erzeugt einen Moment lang Gänsehaut. Wir leben in einer freien Gesellschaft, und trotzdem fragt man sich oft: Wer hat heute noch so viel Mut?

© SZ vom 15.02.2020
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