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Kolumne "Das ist schön":Das Kleine ins Große

Die Kammerspiele gastieren im Olympiastadion

Von Christiane Lutz

Vermutlich haben sie sich gegenseitig unterschätzt am Anfang, Matthias Lilienthal und München. München Lilienthals unbedingten Willen zu Vielfalt und radikaler Offenheit, Lilienthal Münchens glühende Liebe zu den Kammerspielen, deren Tradition es mit Leidenschaft zu verteidigen bereit war. Aus dieser nicht wenig explosiven Mischung aber entstand in den vergangenen fünf Jahren das spannendste Stadttheater. Es war manchmal bruchstückhaft und unvollendet, was man da zu sehen bekam. Produktionsprozesse wurden plötzlich auf der Bühne thematisiert, Regisseurinnen und Regisseure behaupteten nicht mehr, alles zu wissen. Kurz: So ziemlich alles, was man über das Theater verinnerlicht glaubte, wurde über den Haufen geworfen. Wie mühsam. Wie großartig. Manche waren beleidigt, manche wandten sich irritiert ab. Aber immer mehr ließen sich ein und konnten fulminante neue Künstler kennenlernen: Julia Riedler, Thomas Hauser, Samouil Stoyanov, Gro Swantje Kolhof auf der Bühne. Regisseure wie Anta Helena Recke, Leonie Böhm, Toshiki Okada. Und natürlich Christopher Rüping, der Typ, der der Stadt "Dionysos Stadt" schenkte, ein Stück für die Ewigkeit.

Anfangs hätten sie Schiss gehabt, sagte Lilienthal einmal, dass bei "Dionysos" am Ende 100 Menschen auf und hinter der Bühne für 30 Zuschauerlein arbeiten würden, wenn das Zehn-Stunden-Projekt in die Hose ginge. Ging es nicht. Ein paar Mal hätte "Dionysos Stadt" noch gespielt werden sollen. Aus bekannten Gründen wird daraus nichts. Genauso, wie aus Lilienthals großem Finale nun nichts wird, bevor er im Sommer die Stadt verlässt. München, so meint man, muss sich noch ein letztes Mal quer stellen. Wobei das natürlich Quatsch ist, denn Pandemie ist ja leider überall. Dennoch ist es bedauerlich, dass die Künstler um ihre verdienten Lorbeeren und den letzten großen Applaus gebracht werden. Stattdessen wird es eine kleine Geste des Abschieds im größtmöglichen Rahmen geben: "Opening Ceremony", ein Stück von Toshiki Okada, das am Samstag im Olympiastadion gespielt wird. Es bleibt das Gefühl, das da etwas zu früh zu Ende geht. Und doch die Hoffnung, dass Lilienthal und sein Team etwas Unabänderliches angestoßen haben. Etwas, das bleibt. Das ist schön.

© SZ vom 11.07.2020

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