Immer wenn Matheo L. (Name geändert) den Odeonsplatz passiert, überkommt ihn ein mulmiges Gefühl. Dabei ist es bereits mehr als zwei Jahre her, dass er vor dem Nachtclub „Filmcasino“ einem Freund zu Hilfe kommen wollte und dann von einem Security-Mitarbeiter brutal zusammengeschlagen und getreten wurde. Belastend sei für ihn auch, sagt der 27-Jährige der SZ, dass der Prozess gegen den mutmaßlichen Aggressor mehrfach verschoben wurde. Am Montag nun sollte am Amtsgericht wegen gefährlicher Körperverletzung verhandelt werden. Doch es kam wieder einmal ganz anders.
Andrej S. (Name geändert), 35, hat auf der hölzernen Anklagebank Platz genommen, die Reihe hinter ihm bleibt allerdings leer – dort, wo sein Verteidiger sitzen sollte. Der hatte laut Richterin angekündigt, sich wegen Terminproblemen um eine Vertretung bemühen zu wollen. Dann habe er kurz vor dem Prozess sein Mandat niedergelegt. Ohne Vertretung. „Er hat mich angerufen und gesagt, er kümmert sich“, nuschelt Andrej S. unbeholfen.
Nichtsdestotrotz wird die Anklage verlesen, und Matheo L. wird in den Zeugenstand gerufen. Er erzählt von jenem verhängnisvollen Abend des 23. Juli 2023. Er sei mit zwei Freunden unterwegs gewesen, im Filmcasino. Dort, wo früher einmal gute Streifen über die Leinwand gelaufen waren, begann der schlechte Film für den damals 25-Jährigen: „Wir haben in dem Club einen Fußball-Kollegen getroffen“, erzählt er. Der war gegen 4 Uhr früh mit einem Security-Mitarbeiter in Streit geraten, weil er in die exklusive Lounge wollte. Die Auseinandersetzung eskalierte, und der Fußball-Freund wurde aus dem Club geworfen.

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Vor dem Filmcasino sah Matheo L., wie die Sache handgreiflich wurde. Er habe eingreifen und schlichten wollen, sagt der Ingenieur. Aber ehe er irgendetwas tun konnte, hatte er schon zweimal „eine Rechts-links-Kombi mit der Faust“ im Gesicht, verabreicht vom Sicherheits-Mann. Er sei zu Boden gegangen. „Ich hab’ so eine Schutzhaltung eingenommen“, sagt er, und er habe mehrere Tritte gespürt. „Mit einem festen Schuh?“, fragt die Richterin. Matheo L. bejaht.
Die Folgen waren für den damals 25-Jährigen verheerend: Er erlitt eine Jochbeinfraktur sowie einen doppelten Unterkieferbruch, musste mehrfach operiert werden. „Ich spüre die Narbe jeden Tag, wenn ich etwas esse“, erzählt er.
Jetzt stellt der Staatsanwalt den Antrag, einen Pflichtverteidiger zu bestellen, „zumal eine erhebliche Freiheitsstrafe im Raum steht“. Und die Richterin überlegt laut, einen Rechtsmediziner dazuzuholen, um die Schwere der Verletzungen, beziehungsweise der Schläge oder Tritte, besser einordnen zu können.
Es sei „eine Riesenfrechheit“, ärgert sich die Richterin, dass der Prozess ohne Zutun des Gerichts bereits mehrfach habe verschoben werden müssen. Die Zeugen seien geladen und müssten erneut unverrichteter Dinge wieder nach Hause gehen. Und auch Matheo L., der mit seinem Rechtsanwalt Christian Kobel als Nebenkläger auftritt, wird wieder keinen Abschluss finden.

