Kartenspiel für Kneipenfreunde Münchens letzte Boazn

Acht Stadtviertel, neun Kategorien: Das Boazn-Quartett eignet sich nicht nur als Spiel, sondern auch als Anregung für einen Kneipenbesuch. Collage: SZ

(Foto: Collage: SZ)

Nach neun Jahren erlebt das Boazn-Quartett von Martin Emmerling eine Neuauflage. Doch bei der Tour musste der Erfinder des Kartenspiels feststellen, dass fast zwei Drittel der Kneipen den Stüberltod gestorben sind.

Von Franz Kotteder

Beim Stichwort "Quartett" denken viele ja erst einmal an Violoncello, Bratsche und zwei Geigen. Wäre das neue "Boazn-Quartett" eine Streichmusikbesetzung, dann müsste diese fast ein Requiem spielen. Das Boazn-Quartett ist aber ein Kartenspiel, das vor neun Jahren von Martin Emmerling erfunden wurde, und als er jetzt befand, man könne doch eine Neuauflage herausbringen, stellte er fest: zwei Drittel dieser Boazn gibt es ja gar nicht mehr. So musste er also nacharbeiten, und die neue Ausgabe des Kartenspiels trägt ganz folgerichtig den Titel "Münchens letzte Boazn".

Martin Emmerling, 38, ist gelernter Verlagskaufmann, aber vor allem als freiberuflicher Künstler in verschiedenen Disziplinen unterwegs, unter anderem auch als Kabarettist und Komiker unter dem Namen Calippo Schmutz. Das Boazn-Quartett entstand, gewissermaßen als Schnapsidee, vor neun Jahren bei einer Redaktionssitzung des alternativen Stadtmagazins Curt. Man könne ja mal jene Form von gastronomischen Einrichtungen in der Stadt würdigen, die auf kleinstem Raum grundlegende Bedürfnisse jenseits der reinen Nahrungsaufnahme befriedigen, indem sie vorrangig Bier, Rüscherl oder Schnaps ausschenken und Sitzplätze hauptsächlich rund um den Tresen vorhalten. Ein Kartenspiel, aufgeteilt nach acht Stadtvierteln, bot sich da an.

Kartenspiel

So sieht das Boazn-Quartett aus

Martin Emmerling nahm sich der Sache an und ging auf Kneipentour, um jeden Monat vier neue Boazn zum Ausschneiden ins Heft zu bringen. Und weil er sehr gewissenhaft ist und "immer schon ein Flaneur, der wahnsinnig gern durch die Stadt geht", wanderte er los und kehrte ein, wo immer sich ein Stüberl auftat. "München ist nicht gerade der Dschungel", sagt er, "insofern fand ich es immer schon interessant, wenn es irgendwo ein Lokal mit vergilbten Gardinen gab."

Inzwischen, neun Jahre später, musste er feststellen: Die Gentrifizierung, die rasant gestiegenen Mieten und das Rauchverbot haben ihren Tribut gefordert. 24 Boazn sind inzwischen den Stüberltod gestorben. Die Vermieter wussten entweder etwas Ertragreicheres mit den Räumlichkeiten anzufangen, oder die Wirtinnen und Wirte, ehrwürdig am Zapfhahn ergraut, gingen dann doch einmal in den Ruhestand.

"Das Zentrum ist inzwischen nahezu komplett boaznlos geworden", befindet Emmerling. Selbst der Markt-Stadl in der Westenriederstraße ist verschwunden, der für viele Stadelheimer - daher der Name? - die erste Anlaufstation nach der Haftentlassung gewesen ist. Oder wie Emmerling sagt: "Da traf man viele Gesichtstätowierte." Die Altstadt kommt im neuen Quartett deshalb auch nicht vor, Emmerling hat sich auf Sendling, Giesing, das Lehel, die Maxvorstadt, das Westend, die Au sowie das Schlachthof- und Glockenbachviertel konzentriert. Es gibt In-Boazn wie das Valentin-Stüberl in der Dreimühlenstraße oder das Johannis-Café in Haidhausen, altehrwürdige Institutionen mit 80- und sogar 91-jährigen Wirtinnen wie den Bierschuppen oder das Kurfürstenstüberl, und es gibt sogar Frauen-Boazn wie Bei Kula in der Ligsalzstraße.

Überhaupt ist das Publikum oft breiter aufgestellt, als man es sich gemeinhin erwartet. Künstler und Professoren treffen im Stüberl auf Rentner und Hilfsarbeiter. "Ich habe auch mal einen Börsenmakler getroffen", erzählt Emmerling, "der geht ins Stüberl, weil er das Cocktailtrinken mit den Kollegen einfach satt hat." Das Angenehme an der Boazn sei: Man könne sehr gut alleine dort hingehen, zu zweit kommt man eher nicht, denn schließlich trifft man am Tresen die Leute, die immer dort sitzen. Mal werde man als Neuankömmling ignoriert, ein anderes Mal wieder freundlich begrüßt.

Für sein neues Quartett hat sich Martin Emmerling unter anderem auf Sendling, Giesing, das Lehel, das Westend und die Au konzentriert.

(Foto: Florian Peljak)

Konstanten gibt es natürlich auch, und die bieten Gelegenheit zu Vergleichen, wie sie für Quartettkarten unerlässlich sind. Emmerling hat neun Kriterien aufgelistet: Eröffnungsjahr, Tresenplätze, Biersorten, Preise für Helles und Rüscherl, Stammgäste, Spielautomaten, Frauenanteil und Öffnungszeit. "Alles hart recherchiert", sagt er, auch wenn er sich inzwischen, man wird ja nicht jünger, von den Stüberlbetreibern nicht mehr auf ganze Biere, sondern höchstens auf einen Schnitt einladen ließ.

Man sieht schon: Streichinstrumente braucht man fürs Boazn-Quartett wirklich nicht. Wer sonst noch unsicher ist, findet die Spielregeln auch unter www.boazn-quartett.de. Dort kann man das Kartenspiel auch bestellen, sofern man nicht an einer Buchhandlung vorbeikommt, die es führt. Emmerling beliefert gerade die verschiedenen Stadtteilbuchhandlungen damit. Ebenso wie die Boazn gehören sie zu den aussterbenden Einrichtungen, und für die hat Martin Emmerling nun einmal eine Schwäche.

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