Süddeutsche Zeitung

Klinik-Skandal in München:Noch mehr wussten Bescheid

"Ein größerer Personenkreis" sei über die Missstände informiert gewesen: Münchens Oberbürgermeister Ude hat sich erstmals zum Klinik-Skandal geäußert - und erhebt Vorwürfe.

Bernd Kastner und Susi Wimmer

Im Hygiene-Skandal an den städtischen Krankenhäusern Bogenhausen und Neuperlach konzentrieren sich die Ermittlungen darauf, welcher Verantwortliche im Management der Klinikgesellschaft was zu welchem Zeitpunkt über die Mängel in der Sterilgutaufbereitung wusste.

Es wird untersucht, ob Zuständige aus Überforderung oder Unfähigkeit nicht reagierten, als im Mai ein Gutachten auf die Probleme hingewiesen hatte - oder ob Manager oder Ärzte absichtlich die Mängel verschwiegen.

Nach SZ-Informationen gibt es Hinweise auf letzteres. Oberbürgermeister Christian Ude (SPD) sagte im Gespräch mit der SZ, dass es im Klinikum "offenbar einen größeren Personenkreis" gebe, der von dem alarmierenden Gutachten gewusst habe, ohne zu reagieren. Dies sei "beschämend".

Ein Insider will "nicht ausschließen", dass deshalb bald weitere Verantwortliche ihre Arbeit aufgeben müssen.

In der vergangenen Woche war bereits der zuständige Geschäftsführer Reinhard Fuß suspendiert worden, wenig später auch zwei Manager aus der zweiten Leitungsebene. Am Donnerstag war bekannt geworden, dass Operationsbestecke nicht ausreichend gesäubert und Bestecksätze falsch zusammengepackt worden waren. Deshalb ruht der Operationsbetrieb in Bogenhausen und Neuperlach.

"Sachverständige werden nun das in den Kliniken sichergestellte Material auswerten und auch das Gutachten von unabhängiger Stelle beurteilen lassen", sagte Staatsanwalt Thomas Steinkraus-Koch.

"Wir dachten, der kann's"

Bereits am Freitag haben sich ehemaligen Patienten bei der Staatsanwaltschaft gemeldet und angegeben, sie hätten nach den Eingriffen unter Infektionen gelitten. Zur Zahl der Beschwerden konnte der Staatsanwalt am Sonntag noch nichts sagen, "die Polizei wird aber alle Betroffenen befragen".

Ude will darauf drängen, dass künftig auch ein Mediziner im derzeit vierköpfigen Geschäftsführergremium der Klinik-GmbH sitzt. "Bedauerlich" sei es, dass dort bisher kein Arzt vertreten sei. 2004, bei der Gründung der Gesellschaft, habe es aber keine geeigneten Bewerber aus dem Ärztekreis gegeben.

Die Zusammensetzung der Geschäftsführung dürfte in den Mittelpunkt der politischen Debatte rücken. CSU-Fraktionschef Josef Schmid kritisiert, dass die Chef-Posten nach Parteizugehörigkeit besetzt worden seien, sein FDP-Kollege Michael Mattar nennt die oberste Klinikleitung ein "grünes Biotop": Der Aufsichtsratsvorsitzende, Bürgermeister Hep Monatzeder, und Gesundheitsreferent Joachim Lorenz gehören den Grünen an, der geschasste Geschäftsführer Fuß kam auf Drängen der Grünen ins Amt. "Wir dachten, der kann's", rechtfertigt sich Monatzeder.

Bei der Auswahl der Geschäftsführer 2004 hatte selbst die SPD Bedenken gegen Fuß, die Sozialdemokraten sprachen von einem "G'schmäckle". Manche trauten dem Diplom-Soziologen damals die Leitung eines Klinikkonzerns nicht so recht zu. Auch Ude war damals skeptisch: Fuß müsse die "spezifischen Erfahrungen noch sammeln". Zuvor hatte Fuß im Gesundheitsreferat die Zusammenlegung der städtischen Kliniken in eine GmbH betrieben.

Die Rathaus-Opposition hielt sich mit der Forderung nach personellen Konsequenzen auf politischer Ebene noch zurück. Man wolle zunächst genau prüfen, erklärte CSU-Fraktionschef Schmid. Monatzeder müsse sich als oberster Aufseher aber fragen lassen, ob er die Geschäftsführung nicht an einer zu langen Leine gelassen habe.

Ude und Monatzeder dagegen sehen die Schuld allein bei der Geschäftsführung. Monatzeder wirft ihr "Vertrauensbruch" vor, weil sie das Gutachten in zwei Aufsichtsratssitzungen verschwiegen habe.

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Quelle:
SZ vom 12.07.2010
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