Süddeutsche Zeitung

Klimaproteste in München:Klimaaktivisten kleben sich an Auto fest

Lesezeit: 2 min

Die BMW-Welt muss am Samstag vorübergehend geräumt werden. Die "Scientist Rebellion" kündigt bis Freitag weitere Proteste an. Ein Richter verhängt Vorbeuge-Gewahrsam.

Von Martin Bernstein und Leo Kilz

Nach einer erneuten Protestaktion am Samstag, bei der die BMW-Welt im Münchner Norden zeitweise evakuiert werden musste, sitzen jetzt insgesamt 16 Aktivistinnen und Aktivisten von "Scientist Rebellion" vorbeugend im polizeilichen Gewahrsam, die meisten von ihnen bis zum Freitag. So soll auf richterliche Anordnung verhindert werden, dass sie ihre Ankündigung wahr machen und in den kommenden fünf Tagen weitere Blockaden herbeiführen.

Die Protestierenden - unter ihnen elf Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler - hatten sich am Samstag um 11 Uhr an einen rund 170 000 Euro teuren ausgestellten BMW M8 angeklebt. Sie forderten die "sofortige Dekarbonisierung des Verkehrssektors". Erklärtes Ziel der Klimaschützer war eine weitere Eskalation ihrer seit Dienstag andauernden Münchner Aktionen. Nach vier Stunden war der Polizeieinsatz beendet. Bereits am Freitag hatte die Gruppe mit einer großen Straßenblockade am Stachus auf sich aufmerksam gemacht. Zuvor hatte es ähnliche Aktionen auf dem Odeonsplatz und am Münchner Sitz der Investmentgesellschaft Blackrock am Lenbachplatz gegeben.

Die Protestaktion am Samstag, bei der auch wissenschaftliche Publikationen und Plakate zum Thema Verkehr in Deutschland an die Wände des Gebäudes geklebt und fünf weitere Fahrzeuge mit schwarzer Farbe besprüht wurden, war bereits die vierte der international zusammengesetzten Gruppierung in München in der vergangenen Woche. Auf Twitter warfen die Wissenschaftler, von denen viele aus Frankreich oder Spanien kommen, der Bundesregierung "Klimaversagen" vor. Sie fordern konkret ein Tempolimit von 100 Stundenkilometern auf deutschen Autobahnen und die Wiedereinführung des Neun-Euro-Tickets. Dafür wurden sie auf Twitter als "kriminelle Vereinigung" und "Schmutz", als "billige Erpresser" und "schäbige Terroristen" beschimpft.

Die "BMW-Welt" ist eine der meistbesuchten Touristenattraktion Bayerns - rund drei Millionen Menschen werden dort pro Jahr gezählt, doppelt so viele wie in Schloss Neuschwanstein. Die ideale Plattform also aus Sicht der Klimaschützer. Die Münchner Polizei war kurz nach Beginn der Protestaktion mit 14 Streifenwagen und mehr als 40 Beamten vor Ort, das Gebäude wurde abgeriegelt. Man werde den Einsatz "routiniert abwickeln", sagte ein Polizeisprecher gegen Mittag: Die Klimaaktivisten verhielten sich friedlich, mit solchen Einsätzen habe man "in München inzwischen Übung".

Der Schaden beläuft sich nach Schätzungen auf mehrere zehntausend Euro

Sechs Fahrzeuge waren von den Protestierern mit einer klebrigen Flüssigkeit überschüttet worden, der Sachschaden beläuft sich laut Polizei auf mehrere zehntausend Euro. Außerdem wurde der Feueralarm ausgelöst - durch wen, ist laut Polizei noch unklar. Die BMW-Welt wurde daraufhin geräumt. Gegen 15 Uhr waren die Personen vom Fahrzeug gelöst und wurden festgenommen. Die Polizei brachte alle Tatverdächtigen ins Präsidium. Gegen sie wird wegen Hausfriedensbruchs, Sachbeschädigung und eines Verstoßes gegen das Versammlungsgesetz ermittelt.

Die Aktivisten streamten ihren Protest live in sozialen Medien. Der Umweltwissenschaftler Víctor de Santos, einer der Protestierenden, erklärte auf Twitter: "Die Technologie wird uns nicht retten. Elektroautos werden uns nicht retten." Viele Autohersteller täuschten die Öffentlichkeit, indem sie die Emissionen ihrer Fahrzeuge systematisch zu niedrig ansetzten. Auch BMW sei Teil dieser Praxis. Die jungen Wissenschaftler wollen auch darauf hinweisen, dass das international vereinbarte Ziel, die globale Erderhitzung auf unter 1,5 Grad Celsius zu begrenzen, nicht mehr eingehalten werden könne. "Alles andere ist eine Lüge. Deshalb müssen wir den Menschen erklären, was Sache ist", sagte die Tropenökologin Lauranne Gauteau, die an den Protesten der vergangenen Tage beteiligt war.

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