Energie-Förderprogramm:Kraftwerk auf dem Balkon

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Energie-Förderprogramm: Pionier der Energiewende: Erich Hirsch (Mitte), begleitet von seinem Sohn, hat als Erster in der Stadt den Förderantrag für ein Balkonkraftwerk gestellt. Bürgermeisterin Katrin Habenschaden (Grüne) gratuliert sinnbildlich mit Solarpaneel.

Pionier der Energiewende: Erich Hirsch (Mitte), begleitet von seinem Sohn, hat als Erster in der Stadt den Förderantrag für ein Balkonkraftwerk gestellt. Bürgermeisterin Katrin Habenschaden (Grüne) gratuliert sinnbildlich mit Solarpaneel.

(Foto: Catherina Hess)

Erich Hirsch produziert auf seinem Balkon in Neuhausen mit zwei Solarmodulen Strom und deckt damit etwa ein Fünftel seines Bedarfs ab. Er ist der erste Münchner, der sich für das städtische Förderprogramm "Klimaneutrale Gebäude" gemeldet hat. Die Nachfrage ist weit größer als im Rathaus gedacht.

Von Patrik Stäbler

Wann immer in diesem Winter die Sonne über München scheint - und das ist ja gerade im November und Dezember erstaunlich oft der Fall gewesen -, löst das bei Erich Hirsch ein wohliges Gefühl der Zufriedenheit aus. An solchen Tagen greift der 56-Jährige gerne zum Tablet, um via App zu erfahren, wie viel Strom gerade auf dem Balkon seiner Wohnung in Neuhausen produziert wird. Denn dort stehen seit Mitte Oktober zwei Solarmodule mit einer Leistung von 600 Watt Peak, wodurch etwa ein Fünftel des Strombedarfs eines durchschnittlichen Haushalts abgedeckt wird. Für ein solches Balkonkraftwerk muss man aktuell knapp 1000 Euro hinblättern. Im Falle von Erich Hirsch jedoch wird ihm fast ein Viertel der Anschaffungskosten erstattet - durch das städtische Förderprogramm "Klimaneutrale Gebäude".

Dessen erste Stufe ist im Juli in Kraft getreten; seit 4. Oktober kann neben Zuschüssen für Gebäudesanierung und Dachsolaranlagen auch die Förderung von Balkonkraftwerken beantragt werden. Letzteres haben bis Ende Dezember mehr als 1000 Münchnerinnen und Münchner getan - ein Vielfaches dessen, womit das Rathaus gerechnet hatte. Am schnellsten war dabei Erich Hirsch, weshalb er am Dienstag ins Referat für Klima- und Umweltschutz eingeladen wurde. Dort erhält der Familienvater den allerersten Förderbescheid aus der Hand von Katrin Habenschaden (Grüne), die ihn als "Pionier der Energiewende" bezeichnet. Überdies lobt die Bürgermeisterin das 127 Millionen Euro schwere Förderprogramm in den höchsten Tönen; ihr zufolge setze es "deutschlandweit einzigartige Anreize, sich an der lokalen Energiewende zu beteiligen". Und überhaupt freue sie sich "sehr, sehr, sehr" über das große Interesse.

So viel Begeisterung liegt wohl auch daran, dass es in punkto München und Solarstrom in der jüngeren Vergangenheit nur selten Positives zu berichten gab - was nicht zuletzt den Grünen, also Habenschadens Partei, ein Dorn im Auge ist. Aktuell wird bloß vier Prozent des städtischen Strombedarfs durch Photovoltaikanlagen erzeugt - dabei ist das Potenzial in München mit seinen 2000 Sonnenstunden pro Jahr eigentlich riesig.

Geht es nach der Bürgermeisterin soll München deutsche Solarhauptstadt

Und dennoch landet die Stadt in verschiedenen Rankings zur Nutzung von Solarenergie regelmäßig auf hinteren Plätzen. Sie räumt offen ein, dass beim Thema Photovoltaik in München "in den letzten Jahren viel zu wenig passiert ist". Doch inzwischen habe die Rathauskoalition die Ausbauziele nach oben gefahren. "Wir erleben gerade den Beginn eines Jahrzehnts der Solarenergie in München." Das Ziel sei es, "die deutsche Solarhauptstadt zu werden".

Bis dahin ist es freilich ein weiter Weg, auf dem nicht zuletzt die Stadt selbst gefordert ist. Schließlich gehören ihr respektive ihren Wohnbaugesellschaften stattliche sieben Prozent aller Gebäude in München. Dass gerade dort in Sachen Photovoltaik so wenig vorangeht, hat zuletzt im Stadtrat zu heftiger Kritik seitens der Grünen geführt. Deren Fraktionschef Dominik Krause warf GWG und Gewofag gar eine "Verhinderungstaktik" vor. Derweil verweist Andreas Horn, städtischer Solarkoordinator für Photovoltaik, darauf, dass in den vergangenen Jahren diverse Solarstrategien entwickelt wurden. Die darin enthaltenen Projekte kämen nun zur Umsetzung. "Da braucht es ein bisschen Geduld", sagt Horn, der jedoch gesteht: "In dem Bereich haben wir einen riesigen Nachholbedarf."

Für Erich Hirsch ist die Förderung nur ein Randaspekt

Unterdessen ist das Interesse der Bürgerinnen und Bürger an Photovoltaik ungebrochen groß. Dies war mit der Hauptgrund, weshalb im Vorjahr 1500 Solaranlagen mit einer Gesamtleistung von 11,2 Megawatt Peak neu in Betrieb gingen - fast 15 Prozent mehr als 2021. Und dennoch liegt der Wert weiter deutlich unter jenen 15 Megawatt Peak, die Grün-Rot im Koalitionsvertrag anvisiert hat. Dieses Ziel, sagt Andreas Horn, wolle man spätestens 2024 erreichen. Einen Beitrag dazu - wenngleich einen vergleichsweise geringen - sollen auch weitere Balkonkraftwerke leisten, so wie das von Erich Hirsch. Dass er beim Kauf von der Stadt gefördert wurde, sei für ihn nur ein Randaspekt gewesen, sagt der 56-Jährige. Gleiches gelte für das Geld, dass er durch den Solarstrom nun einspare. "Was für mich vor allem zählt, ist der Gedanke, dass ich jetzt die Kraft der Sonne nutze und dass ich daraus Strom gewinnen kann".

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