Süddeutsche Zeitung

Kleidung:Frau muss nicht immer nur herausgeputzt sein

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Feminin, sportlich und elegant: Münchner Labels legen bei der Herbstmode Wert auf ihren eigenen Stil - und lassen sich sogar von einem Torwart inspirieren

Von Franziska Gerlach

Leuchtende Seidenoveralls, Hosen mit extra langen Beinen und Unisex-Klamotten - stilbewusste Münchnerinnen finden in diesem Herbst eine große Auswahl in den kleinen Ateliers der Stadt vor. Ein Besuch bei drei Labels, die nicht nur Wert auf Ästhetik, sondern auch auf Ideale legen - und eine junge Designerin nennt gar Petar Radenkovic, den einstigen Torwart vom TSV 1860 München, als ihre Inspirationsquelle.

Lilly Ingenhoven

Anmutig und elegant war sie, eine elfenhafte Erscheinung, umweht von einer Aura ätherischen Luxus. "Grace Kelly hätte ich sehr gerne angezogen", sagt Lilly Ingenhoven. Und es braucht nicht viel Phantasie, um sich die grazile Hitchcock-Muse in die Kreationen der 25 Jahre alten Wahl-Münchnerin zu denken, die ursprünglich aus Düsseldorf kommt. Ein Seidenoverall leuchtet an einem sonnigen Herbsttag mit dem Münchner Himmel um die Wette, die weiten Beine flattern, als Ingenhoven in ihrem Ladenatelier an der Zentnerstraße den Favoriten der Kollektion herzeigt.

Mit Trends kann die Absolventin der Akademie Mode & Design in München wenig anfangen, schon das Wort gefällt ihr nicht. Feminine Silhouetten ohne Schnickschnack sind ihr lieber, und wenn ein Kleid einmal beunruhigend kurz daher kommt, sorgt Ingenhoven mit einem spitzen Kragen für vornehme Strenge im Entwurf. Dabei schafft sie eine Eleganz, die ungekünstelt und gelegentlich auch mal sportlich wirkt. Ihr selbst sind unsauber verarbeitete Nähte ein Gräuel, sogar innen lässt Ingenhoven einfassen. "Es soll innen genauso schön sein wie außen", sagt Ingenhoven und dreht ein Kleid auf links, "wie bei einem Menschen." Ihre Stoffe bezieht sie über Manufakturen in Italien, Frankreich oder Österreich, schneidern lässt Ingenhoven in einem kleinen Betrieb in der Nähe von Passau. In den Ländern der Dritten Welt will sie nicht fertigen lassen.

Und plötzlich sitzt man nicht mehr der Architektentochter mit Sinn für Ästhetik gegenüber, sondern einer Frau, die für ihre Ideale brennt. "Wenn man Qualität über Quantität stellt, kann man mit weniger viel mehr erreichen", sagt sie. Das Konzept scheint aufzugehen. Von Januar an listen Händler in Paris und Taiwan Ingenhovens Kollektionen. Die Münchnerinnen schauen in ihrem Schwabinger Studio vorbei. Und müssen dazu natürlich nicht Grace Kelly heißen.

Captain Skirt

Der Kleiderschrank des Vaters ist eine ungewöhnliche Inspirationsquelle, wenn man Damenmode entwirft. Es sei denn, es handelt sich um Petar Radenkovic. Dass der frühere Torwart des TSV 1860 München seine Sportbegeisterung gerne auch jenseits des Fußballfeldes demonstrierte, interessierte seine Tochter zunächst wenig. Selbst zu ihrem Abi-Ball sei er in Jogginghosen zum Sakko erschienen, sagt Darinka Radenkovic, die Augen habe sie sich ausgeweint. Heute ist sie 44 Jahre alt, und setzt bewusst auf das Zusammenspiel von Femininem und Sportivem: "Captain Skirt" heißt das Label, das sie gemeinsam mit ihrem Lebensgefährten Hein Gnutzmann führt.

Noch mindestens bis Februar betreiben die beiden einen Pop-up Store an der Müllerstraße, in den sie auch andere Labels aufgenommen haben. Gleich beim Eingang hängt das Herzstück von Captain Skirt, eine Hose, die es in puncto Bequemlichkeit wohl mühelos mit "Radis" Sportklamotten aufnehmen kann. Den Schnitt hat Darinka Radenkovic, die in Florenz Modedesign studiert hat, weiblichen Formen angepasst. Der breite Bund wird auf der Hüfte getragen, die extra langen Beine kann man zu Stulpen zusammenschieben.

Dass Radenkovic neben Jerseys mit Bio-Siegel bevorzugt elastischen Strickfrottee verwendet, darf als Reminiszenz an die eigene Kindheit verstanden werden - als nicht nur Strampelhosen aus Frottee waren, sondern auch sexy Minikleider. Da wundert es wenig, dass auch der Name des Labels von Captain Kirk stammt, der in den Sechzigerjahren das Raumschiff Enterprise durch ferne Galaxien steuerte. Das Bild passt freilich auch auf Captain Skirt. "Wir sind ein Fashiongleiter, der durchs Modeall fliegt und sich ausprobiert."

Marie Raz

Es gehört schon ein wenig Mut dazu, in München ein Unisex-Label zu betreiben. Nirgends sonst hat sich der Trend zum flachen Schuh so sehr an der hohen Hacke abgemüht. An der Isar zeigen Frauen eben gerne, was sie haben, seien es nun Kurven, lange Beine und funkelnden Zierrat. Mariana Razuk kennt das Klischee der herausgeputzten Münchnerin - und begegnet ihm mit derselben Gelassenheit, mit der sie auch ihre Entwürfe anlegt. Plumpes Pauschalisieren liegt der gebürtigen Brasilianerin nicht, die an der Berliner Dependance der Modeschule Esmod studiert und dort nach ihrem Abschluss "Marie Raz" gründet hat.

Seit 2012 entstehen unter diesem Labelnamen Mäntel, Hosen und Oberteile mit unaufgeregten Designs, und wenn sich Razuk Spielereien erlaubt, dann sind sie feinsinnig - wie etwa der schwarze Knopf an der Manschette eines weißen Hemdes. Immer wieder einmal liefert Androgynität der Mode ein Motiv, und in diesen Tagen ist die 27 Jahre alte Razuk nicht die einzige, die das Spiel mit den Geschlechtern fasziniert. Während des Studiums entdeckt sie die Herrenmode für sich. Und weil sie die Zuschnitte mangels Models kurzerhand an sich selbst überprüfte, kamen die ersten Unisex-Entwürfe hinzu.

Anforderungen? "Selbst der kleinste Mann hat längere Arme als die größte Frau", sagt sie. Auch das Material scheint zwischen die Geschlechter geraten zu sein. Innen erinnert der Doubleface, wie ein auf beiden Seiten tragbarer Stoff genannt wird, an Neopren, außen übernimmt wärmende Wolle gewissermaßen den weiblichen Part. Für ein Oberteil hat die Designerin einen in 3-D-Technik gewebten Stoff mit riesigen roten Punkten gewählt. Doch wie man an Razuk sieht, die kurzerhand in ihre Kreation schlüpft, reicht natürliche Schönheit und Persönlichkeit vollkommen aus, um darin gut auszusehen.

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Quelle:
SZ vom 16.10.2015
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