Feste Klavierduos bestehen häufig aus Geschwistern. Oder es sind Paare. Es erleichtert die ständige körperliche Nähe, das vollkommene klangliche Verschmelzen am selben Instrument, zumal im vierhändigen Spiel. Das ist auch beim in München lebenden, international erfolgreichen „Duo Tal & Groethuysen“ nicht anders: Yaara Tal und Andreas Groethuysen waren sogar schon fünf Jahre lang ein Paar, bevor sie 1985 ihr erstes gemeinsames Konzert gaben.
Nur dass die Öffentlichkeit davon kaum etwas mitbekam, noch weniger von der Heirat zwanzig Jahre später. Denn dort sollte für das Duo nur die Musik im Vordergrund stehen. Insofern ist das neue Bändchen aus der Reihe „Solo“ der „Edition Text + Kritik“ ein durchaus wichtiger Band für die Musikgeschichte. Denn der Musikjournalistin Michaela Fridrich gelingt es, vierzig Jahre gemeinsames Leben und Arbeiten auszuleuchten, ohne Schlüssellochperspektiven, aber mit vielen unbekannten Einsichten.
Schließlich ist es keineswegs selbstverständlich, dass diese beiden zusammengefunden haben im Klavierstudium einst an der Münchner Musikhochschule: er, der Sohn eines bekannten Münchner Architekten aus großbürgerlicher Familie, sie, die israelische Tochter von Holocaust-Überlebenden (worüber sie öffentlich noch weniger sprechen wollte). Sie von der Musik des 20. Jahrhunderts kommend, nachdem sie in Israel auch Komposition studiert hatte, er aus der romantischen Tradition des 19. Jahrhunderts. Sie die extrovertierte, rührige, für die Außenkommunikation zuständige, er der nüchterne, manchmal flapsige und, wie man nun auch weiß, bessere Autofahrer.
Wie ein Gang zu zweit in frischem Schnee
Kein Wunder also, dass er am Klavier ebenso die Pedale tritt und von unten Bass und Gerüst gibt, während sie, oben sitzend, für die Melodien und damit das äußere Gesicht der Musik zuständig ist. Erst relativ spät kam das Spiel an zwei Flügeln hinzu, die andere klassische Formation des Klavierduos.

In der Form steckt bereits der Inhalt: Dieser musikalische Grundsatz spiegelt sich auch im klugen Aufbau des Buchs. Fridrich widmet nämlich jedem der beiden erst mal ein eigenes Interview sowie Porträt, erst danach geht es um die gemeinsame Erfolgsgeschichte. Letztere hat ihre Wurzeln in einer Klassikwelt, die heute fast vergangen wirkt, wie die beiden sehr wohl wissen: in der noch keine Einblicke ins Privatleben bei Instagram gefragt waren, Karrieren von Plattenfirmen langsam aufgebaut und von Zeitungen und Rundfunkanstalten dicht begleitet wurden und in der noch nicht das komplette Repertoire bei Spotify abrufbar war.
Als Tal & Groethuysen anfingen, galt vierhändiges Klavierspiel weitgehend als Hausmusik, viele technisch anspruchsvollere Werke waren vergessen. Das Label Sony erkannte darin eine Marktlücke, die das Duo zu füllen vermochte, mit unbezähmbarer Arbeitswut und noch größerer Entdeckerlust, in vielen bis dahin unbekannten Kompositionen, ebenso in seinen kanonischen Einspielungen des Gesamtwerks von Mozart und Schubert für zwei Pianisten.
Ausgeruht haben sich die beiden auf dem damit erworbenen Markennamen nie. Die Beziehung wird bis heute auch durch manche Alleingänge frisch gehalten. Yaara Tal etwa hat in jüngeren Jahren mehrere Soloplatten veröffentlicht, Andreas Groethuysen sich dagegen umso intensiver der Lehrtätigkeit am Salzburger Mozarteum gewidmet. Und die Lust auf Unbekanntes prägt noch immer die gemeinsamen Liveauftritte und Einspielungen. Im abschließenden Doppelinterview vergleicht es Tal mit dem Gang in frischem Schnee oder auf eine Düne. „Und wenn man das zu zweit macht wie wir, braucht es auch eine Interaktion, einen Diskurs. Das ist schön, das hat etwas Menschliches.“
Michaela Fridrich, Duo Tal & Groethuysen – Seiltänze mit zwanzig Fingern, Edition Text + Kritik, München, 141 Seiten, 20 Euro

