Münchner Opernfestspiele Das große Lauschen

Jonas Kaufmann (Walther von Stolzing), Sara Jakubiak (Eva) und Wolfgang Koch (Hans Sachs) in "Die Meistersinger von Nürnberg". Die Inszenierung von David Bösch ist in diesem Jahr beim Festspiel-Finale "Oper für alle" auf dem Max-Joseph-Platz zu sehen.

(Foto: Wilfried Hösl)

Die Münchner Opernfestspiele warten mit etablierten Stars und avantgardistischen Ansätzen auf. All das eint ein schillerndes Motto: "Vermessen".

Von Rita Argauer und Susanne Hermanski

Vermessen. So lautet das Motto der diesjährigen Opernfestspiele, so stand es bereits über der gesamten, aktuellen Spielzeit. Der Begriff ist mehrdeutig, schillernd und facettenreich wie ein Bergkristall. Mit anderen Worten: Er eignet sich vortrefflich für so manche Sophisterei, und er ist bildlich genug, um jene Sinnlichkeit zu beflügeln, ohne die die Oper nicht das wäre, was sie ist: ein Fest, ein lautstarkes Ringen um Liebe und Moral, das Maß aller Dinge für so manchen Fan. In den Randspalten dieser Sonderbeilage beantworten viele wichtige Akteure der Festspiele eine kleine Auswahl von Vermessens-Fragen, die ihnen die Süddeutsche Zeitung gestellt hat. Die Dramaturgen und Denker der Festspiele haben das Thema noch einmal besonders in jenen kleinen, experimentellen Produktionen destilliert, die man im Theaterbetrieb gerne als "Werkstatt" bezeichnet.

Das ist - ganz anders als man es von der Oper mit ihren großen dramatischen Gesten sonst erwartet - die reinste Tiefstapelei. Geht es beiden Uraufführungen dieser Werkstatt doch um nichts Geringeres als das Vermessen der Welt. Freilich spiegelt sich in diesem Unterfangen die Vermessenheit zu denken, ein solches Abbild könne überhaupt adäquat geschaffen werden. Die beiden Uraufführungen sind schon wegen ihrer Produktionszeiträume etwas vermessen. Hauke Berheide komponiert seit etwa einem Jahr an seiner Penthesilea-Version namens "Mauerschau". Saskia Bladt und Torsten Herrmann schreiben erst seit dem Herbst 2015 an "Tonguecat", einer Oper nach Peter Verhelst gleichnamigem Roman. "Eigentlich ist das alles viel zu wenig Zeit für eine ganze Oper", sagt Berheide. "Ich könnte noch mindestens ein weiteres Jahr gebrauchen", erklärt auch Bladt.

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Doch andererseits passt dieser Wahnsinn für Saskia Bladt auch gut zu dem Stoff, dem sie sich widmet - der ist nämlich ebenfalls verrückt - immerhin wird in dem dystopischen Fantasy-Roman die Protagonistin Ulrike von der mythologischen Vergangenheit bis in die Gegenwart begleitet. Bei Hauke Berheides Penthesilea-Version ist die Geschichte dahinter klarer: Kleists bekanntes Drama ist das Vorbild. Zusammen mit der Librettistin Amy Stebbins sucht er im Theaterkunstgriff des Botenberichts und der titelgebenden Mauerschau die Nähe zur medialen Vermittlung von Kriegen. Auch weil er so aktuell ist, habe sich die Librettistin Stebbins für die Umsetzung dieses Stoffs erwärmen können. Der US-Amerikanerin, die oft als Sprechtheaterregisseurin arbeitet, kommt es beim Schreiben dabei zupasse, dass Deutsch nicht ihre Muttersprache ist. So könne sie sich Kleists Vers-Drama mit einer gewissen Unbefangenheit nähern: "Diese Sprache ist für mich nicht kanonisch." Etwas, das Komponist Berheide schätzt - denn ein Libretto in stets gleichbleibendem Versmaß würde ihn musikalisch und rhythmisch schnell einschränken, erklärt er.

Jung sind die drei Komponisten der Festspiel-Werkstatt alle - geboren 1980 und 1981 sind sie Kinder der Avantgarde, gegen die sie sich konsequenterweise schon wieder selbst stellen. "Ich glaube nicht an das Konzept von Avantgarde, an Fortschritt in der Kunst", sagt etwa Berheide, wenn man ihn fragt, ob er tonal komponiere oder nicht: "Es gibt kein historisches Vorne oder Hinten in der Musik." Die Avantgarde als Speerspitze, die die Marschrichtung vorgibt und alles was anders ist als rückständig hinter sich lässt, ist für ihn keine relevante Größe mehr. Die enge Zusammenarbeit mit der Librettistin, das genaue Abstimmen der Worte und Szenen und das, was die Musik auch den Worten hinzufügen kann, das interessiere ihn.

Detailarbeit und ein präzises Ausloten musikdramatischer Möglichkeiten sind auch für Saskia Bladt und Torsten Herrmann wichtig. Denn die stellen sich der wirklich vermessenen Aufgabe, eine Oper gemeinsam zu komponieren. Und dass, obwohl sich ihr ästhetischer Ausdruck "diametral gegenüber" stehe, wie Herrmann erklärt. Die beiden sind Stipendiaten der "Akademie Musiktheater heute", haben sich dort in einem Team mit Bühnenbildner und Regisseur kennen gelernt. Die Vermessenheit des Künstleregos haben sie eingetauscht gegen den zeitgenössischen Gedanken eines Kollektivs. Auch wenn die Grenzen der Gemeinsamkeit in der künstlerischen Umsetzung doch wieder gezogen werden: In Verhelsts Roman gibt es zwei Welten, eine mythologische Feuerwelt und eine neue Eiszeit. Bladt vertont das Feuer, Herrmann das Eis.

"Wir haben schon ein paar Stellen, zu denen die Musik zusammen geschrieben wird", erklärt Herrmann, da wo sich die Welten überlappen sollen, tauschen sie Noten aus, reagieren aufeinander und verschachteln eine Art Leitmotiv, das sich aus einer Akkordfolge zusammensetzt, die wiederum paritätisch Akkorde von Bladt und Herrmann beinhaltet. Sie nähern sich in rational-gleichberechtigter Weise einem Thema, das vor Wahnsinn nur so strotzt. Ein wildes und üppiges Buch, erzählt aus sieben Perspektiven, ein eigener Kosmos, der nicht immer einen Sinn ergebe, erklärt es Bladt. Und der doch zum Thema Flucht und Krieg ganz aktuell werde.

Darin trifft sich das Komponistenduo mit Berheide und der Librettistin Stebbins. Alle Künstler sehen den Sinn ihrer Neukomposition in Bezug auf die Aktualität und die politische Relevanz ihrer Stoffe. Die leichtfüßige Postmoderne ist in dieser Künstlergeneration vorüber. Hier wird wieder mehr darum gerungen, ein Abbild der Gegenwart zu schaffen. Das ist vermessen. Aber wichtig.

Festspielwerkstatt, Mauerschau, Mi., 29. Juni, Do., 30. Juni, Fr., 1. Juli, So., 3. Juli, Tonguecat, Mo., 25. Juli, Di., 26. Juli, Fr., 29. Juli, Sa., 30. Juli; Vorstellungen je um 20 Uhr, Reithalle, Heßstraße 132

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