Klassik und Macht:Es wird heftiger denn je gestritten und gefeilscht

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Es geht also um viel Geld, um große Gewinne für die Investoren und unschätzbare Befindlichkeiten. Dass heftiger denn je gestritten und gefeilscht wird, ist verständlich. Drei Gruppen heizen die Debatte an.

Da sind zuallererst die Anhänger der Werksviertel-Lösung, zuvorderst natürlich Pfanni-Erbe Werner Eckart. In den alten Gebäuden beherbergte Eckart bis vor Kurzem Nachtclubs, Striplokale, Musikbühnen, aber auch Start-ups und Künstler. Jetzt soll daraus ein schickes Kultur-, Arbeits- und Wohnviertel werden mit Ateliers, Musikhallen und kleinen Bühnen - gekrönt von einem Konzerthaus von Weltrang, so das Konzept.

Dieses bringt Eckart natürlich gute Rendite, zusätzliches Renommee und neue Gäste in die geplanten Hotels und Restaurants. Es findet aber auch die Akzeptanz der eigentlichen Hauptakteure: der Musiker. Mariss Jansons, Chefdirigent des BR-Symphonieorchesters und Motor der Konzertsaalidee, spricht sich inzwischen öffentlich für das Werksviertel aus. Denn aus seinem Lieblingsstandort im Finanzgarten wird nichts mehr werden, außerdem könnte am Ostbahnhof schon bis Ende 2021 eine neue Philharmonie stehen. Und schließlich könnten die schon bestehenden Bühnen auch seine Idee eines pädagogischen Zentrums möglich machen: musikalische Arbeit mit Kindern, Jugendlichen und Studenten.

Vergangene Woche lotste deshalb das BR-Symphonieorchester schon mal den Cellisten Yo-Yo Ma für eine öffentliche Meisterklasse mit Studenten ins Werksviertel. Der Klassik-Star aus den USA zeigte sich angetan von dem kreativen Kuddelmuddel aus Graffiti, Striplokalen, Baustellen und Musikbühnen.

Schmuddelige Wege und fragwürdige Konzepte

Dem konservativen Kulturbürger hingegen ist genau das ein Gräuel. Die Anhänger der Paketpost in Neuhausen klagen deshalb schaudernd über den "Konzertsaal im Hinterhof des Ostbahnhofs", schmuddelige Wege und fragwürdige Konzepte. Dagegen stellt die Investorengruppe um den Münchner Anwalt Josef Nachmann die Vision einer Musikstadt in der riesigen Halle, mit zwei, drei Sälen, Übungs- und Hochschulräumen, Open-Air-Bühne und Wasserlandschaft in Aussicht. Es ist eine Vision, für die sich eine breite Allianz von den Grünen über das Münchner Kammerorchester bis zum früheren Wissenschaftsminister Thomas Goppel begeistert. Letzterer kämpft in der CSU-Landtagsfraktion mit harten Bandagen für das Projekt, aus Begeisterung für die Sache, wie er sagt. Die steht aber auf unsicherer Grundlage.

Denn Josef Nachmann ist zwar vermögender Klassik-Fan, der sein Geld als Insolvenzverwalter und Anwalt von russischen Oligarchen, deutschen Sportlern und Münchner Musikveranstaltern verdient. Für ihn allein aber ist das Projekt dennoch zu groß, deshalb sollen Investoren einsteigen und nicht nur die Halle, sondern auch die 50 000 Quadratmeter Bauland drumherum mit Hotels und Gewerbefläche entwickeln.

Es ist ein großer Immobiliendeal, der ohne staatlichen Konzertsaal viele Risiken birgt. So wechseln auch die in Aussicht gestellten Investoren immer wieder: Im Sommer war es ein Bauunternehmer aus der Oberpfalz, kurz vor Weihnachten sollte ein deutsch-österreichischer Konzern zugreifen, zuletzt hieß es, eine traditionsreiche Münchner Familie werde dabei sein.

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