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Klassik und Jazz:Das Kammerorchester, das Technobeats spielt

Das VKKO mit ihren Namensgebern, Gründern und Hauskomponisten Christopher Verworner und Claas Krause.

Das VKKO mit ihren Namensgebern, Gründern und Hauskomponisten Christopher Verworner und Claas Krause (vorne sitzend).

(Foto: Oliver Mohr)

Das Verworner-Krause-Kammerorchester trägt Bauhelme, spielt Guerilla-Konzerte und verschmilzt Klassik, Jazz und Pop. Das funktioniert bemerkenswert gut.

Sie tragen weiße Bauhelme, auf die mit schwarzem Klebeband die vier namensgebenden Buchstaben geklebt sind: "VKKO", das ist rätselhaft steht für das nicht weniger rätselhafte: Verworner-Krause-Kammerorchester. Doch die seltsame Kopfbekleidung ist nicht das Einzige, was dieses Orchester von dem unterscheidet, was man sich unter einer solchen Formation vorstellt.

Das betrifft nicht die Instrumente, die kennt man. Da gibt es ein Streichquartett und ein Bläserensemble, die von einer Jazz-Rhythmus-Gruppe mit Schlagzeug, Bass und Klavier unterstützt werden, und ab und an tauchen eine Sängerin und elektronische Einsprengsel auf. Der Dirigent tanzt, lässt seinen Körper beben. Der einzige Ruhepol ist das Pult, auf dem die Partitur liegt. So bekommt die Musik die Energie einer Punkband und den Druck von Technobeats, sie hangelt sich harmonisch über die Experimente der Neuen Musik zu bisweilen aufblitzender Pop-Eleganz.

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Das VKKO ist ein achtzehnköpfiges Ensemble, das an der Münchner Musikhochschule entstand. Dafür schreiben die beiden namensgebenden Komponisten Claas Krause und Christopher Verworner Musik, die die gängige Aufführungspraxis und Komponiertradition Neuer Musik extrem ausdehnt. Im vergangenen Dezember ist das VKKO in Berlin bei D-Bü, einem Wettbewerb der deutschen Musikhochschulen für neue Musikformate, in der Kategorie Originalität ausgezeichnet worden und hat eine vierteilige Konzert-Residency im Münchner Indie-Club Milla angenommen.

Schon im Sommer 2017 konnte das VKKO bei guerillaartigen Straßengigs in München ein Poppublikum genauso begeistern wie das Klassikpublikum, das sie mit Freilichtkonzerten vor der Münchner Philharmonie und vor Beginn der dortigen Konzerte abgepasst haben.

"Die MusikerInnen des VKKO stellen klassische Rollenbilder von Dirigenten und Solisten spielerisch infrage. Sie sind risikofreudig, suchen das musikalische Wagnis, und wagen auch zu scheitern." So begründete die D-Bü-Jury ihre Entscheidung. Das VKKO sei "getrieben von einer mitreißenden, einzigartigen Energie. Es setzt Impulse für eine neue, eigenständige Ensemblearbeit".

Große Worte für das Ensemble der beiden Endzwanziger, die aus dem Jazz kommen. Verworner studierte Klavier, Krause Gitarre. Zum Studium gehörte es, sich von Beginn an in Big Bands zusammenzufinden, doch die beiden Musiker waren schnell gelangweilt. Zum einen vom Standardrepertoire, das sie dort spielten. Zum anderen von der vorgeschriebenen Besetzung. Nach dem Instrumentalstudium hängten sie einen Master in Jazzkomposition an. Zu dieser Zeit entstand die Idee, ein eigenes, ja, freieres Ensemble zu gründen. Allerdings nicht im Jazz.

"Jazzmusiker wollen die Musik verstehen", sagt Krause, klassische Musiker dagegen seien "devote Dienstleister". Das komme aus der Orchestertradition und ist für die beiden Komponisten kein Makel. Die klassischen Musiker seien viel freier als die Jazzer, erklärt Verworner. Obwohl klassische Musiker, wenn man die Bereiche Pop, Jazz, Klassik und Neue Musik mal als Musik zusammenschmilzt, eher als Traditionalisten gelten, gebe es bei ihnen seit der Avantgarde der Sechzigerjahre eine "Verständnisoffenheit und einen sehr weiten Horizont", wie Krause es ausführt. Wenn in einer modernen Partitur steht, dass auf den Geigen geklopft werden soll, dann machen die Musiker das, genauso wenn ein Mitpfeifen oder der kurze Schrei eines Pianisten verlangt ist.

Das ist wunderbar für Krause und Verworner, denn die beiden haben eine tiefe Liebe zu allen möglichen Stilen. Weshalb sie auch keine Lust hatten, immer nur im Jazz zu bleiben: "Warum sollte man sich limitieren?", fragen sie und sind sich sehr einig. Krause ist Techno-Fan. In diesem Kontext hat er sein erstes Posaunenkonzert geschrieben, für die Geburtstagsfeier eines Münchner Clubs. "Das ist Dub-Techno geworden", sagt er, die Solostimme habe er antimelodisch gestaltet, ihr meist nur leere Oktaven gegeben, damit es nicht zu anbiedernd wird.

Denn es gibt ein Grundproblem bei Popmusikanleihen, die mit klassischem Ensemble gespielt werden. Das klingt oft furchtbar pathetisch und schmierig kitschig, weil Pop harmonisch viel einfacher ist. Es fehlt die harmonische Extravaganz und Originalität der Klassik. Und wenn man das mit klassischen Instrumenten spielt, dann fehlt der übliche Trumpf der Popmusik: Die schier unendliche und extrem originäre Klangvielfalt.

Das enge Paar komponiert strikt getrennt

"Man muss sehr aufpassen, dass man kein übles Mashup schreibt", sagt Verworner. Der Groove aus dem Techno muss genauso authentisch sein wie die "qualitative Aufrichtigkeit der Stimmen". Krause und Verworner achten darauf, nicht bekannte Stilistiken zu zitieren, sondern eine Idee zu generieren, die sich auf alle stilistischen Parameter, die ein Stück haben soll, bezieht: "Man muss alle Teile ernst nehmen, man muss der Form treu bleiben", sagen sie und formulieren damit etwas, was für alle interessanten Kompositionen gleich welchen Stils gilt.

Nach dem Master in Jazz-Komposition wechselten die beiden deshalb ins klassische Fach. Sie bewarben sich, ohne das damals schon existente VKKO zu erwähnen, bei Moritz Eggert in klassischer Komposition. "Ich wollte Expertenunterricht haben, ich wollte das Label Komponist", sagt Krause, der nicht nur für das VKKO schreibt, sondern auch Kammermusik.

Obwohl Krause und Verworner ein eng verwobenes Paar sind und gemeinsam ein Ensemble leiten, das ihre Namen trägt, bleibt der künstlerische Schaffensprozess der beiden getrennt. Sie komponieren auch nicht zusammen. Es gibt Krause-Stücke und Verworner-Stücke oder auch Arrangements zu den Rap-Zeilen des Salzburger Cloud-Rappers Young Krillin. Den sie schon als Gast zu ihrem ersten Residency-Konzert im Münchner Milla-Club eingeladen haben, wo sie nun auch wieder am Donnerstag, 17. Mai auftreten.

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