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Klassik:Musik zum Anfassen

Leopold-Mozart_haus

Nicht nur an der Violine, natürlich auch am Flügel schulte Leopold Mozart seine Kinder Wolfgang Amadeus und Maria Anna. Der Vater, der in Augsburg geboren wurde, war Lehrer, Förderer und Manager von Wolfgang - woran die Stadt Augsburg in dem neuen Museum eindrücklich erinnert.

(Foto: Christian Menkel)

Das generalsanierte und neukonzipierte Leopold-Mozart-Haus in Augsburg ist wiedereröffnet. Dort darf der Besucher einiges, was in anderen Museen verboten ist

Der Besucher spürt die Musik hier förmlich, die Sitzgelegenheit zittert, das Podest vibriert. 16 Lautsprecher sind im "Raum der Sinne" verbaut, dazu vier sogenannte Exciter, die Möbel passend zur Musik zum Schwingen bringen. Ein multisensuales Erlebnis also, verschiedene Farben erleuchten den Raum, in einem Eck kommt der Bass mehr heraus, in einem anderen die hohen Töne. Der Raum der Sinne, ganz oben im zweiten Stock, ist der Höhepunkt des wiedereröffneten Mozarthauses in Augsburg. Und er steht auch für die neue Ausrichtung: Musikgeschichte soll hier nicht rein wissenschaftlich vermittelt, sondern erlebbar werden.

1937 beherbergte das Geburtshaus von Leopold Mozart im Augsburger Domviertel eine Gedenkstätte, später wurde es zum Museum ausgebaut, dessen Ausstellung zuletzt im Jahr 2006 überarbeitet worden war. Aus der Gegend rund um Augsburg stammt die Familie Mozart, die Stadt, das sagen sie hier ganz offen, wollte immer auch etwas vom Ruhm des berühmten Wolfgang abhaben. Dass Wolfgang mit Augsburg eher wenig zu tun hatte, fiel da gerne mal unter den Tisch. Entsprechend ist nun die Konzeption geändert, alles in dem neuen Museum konzentriert sich auf Leopold, der Wolfgang ja erst zu einem Star machte. "Ohne Leopold kein Wolfgang", so lautet nun das Motto. Entsprechend heißt es jetzt nicht mehr Mozarthaus, sondern Leopold-Mozart-Haus.

Mit einer Neukonzeption der Ausstellung war es aber nicht getan. Der Brandschutz, der Denkmalschutz, am Ende war aufgrund diverser Auflagen eine Generalsanierung für 1,2 Millionen Euro nötig, weshalb sich auch der Eröffnungstermin vom 14. November 2019, dem 300. Geburtstag Leopolds, auf diesen Freitag verschob. Das Warten hat sich gelohnt: Es ist ja nicht einfach, in einem engen, alten Haus ein Museum unterzubringen und "Luft und Raum" zu schaffen, wie Augsburgs Kulturreferent Thomas Weitzel sagte. Und trotzdem sind es nun elf Themenräume geworden. Der Eingangsbereich ist barrierefrei ausgebaut, wer nicht in den ersten und zweiten Stock kommt, kann sich unten auf einem Bildschirm durch alle Räume und auch alle Ausstellungstücke klicken.

So steht im neuen Museum nun eine originalgetreu nachgebaute Kutsche, wie sie die Familie Mozart auf ihren Reisen quer durch Europa genutzt hat. Eine Druckplatte der ersten Komposition Leopolds ist ebenso zu begutachten wie eine Erstausgabe seines Werkes "Versuch einer gründlichen Violinschule" aus dem Jahr 1956. Es gibt jedoch wenige Originalstücke aus Leopolds Leben, die erhalten geblieben sind. Das Museum hält sich deshalb an die vielen Briefe Leopolds, die einem den Vater des Wunderkindes Mozart "sehr, sehr gut näherbringen", wie Simon Pickel sagt, der Künstlerische Leiter des Deutschen Mozartfests Augsburg. An den Wänden stehen überall Zitate aus diesen Briefen - auch auf der Toilette.

Seine Freude hätte Leopold Mozart selbst aber vor allem im Themenraum Pädagogik gehabt. Der Sohn eines Buchbinders hat sich zeitlebens als Pädagoge verstanden, nicht nur, was die Musik betrifft. Wolfgang und seine Schwester Maria Anna haben nie eine Schule besucht. Besucher dürfen hier selbst zur Violine greifen und sich ausprobieren und auch aus Würfeln mit aufgedruckten Noten ein eigenes Menuett bauen. Wer die Würfel in der richtigen Reihenfolge zusammensetzt, erhält Applaus. Dies sei, sagt Kulturreferent Weitzel, ein gutes Beispiel für den Ansatz des Hauses, verschiedenen Generationen einen Zugang zu ermöglichen: Kinder können sich ausprobieren, Erwachsene dürfen das ebenso, für sie stehen aber auch Schautafeln mit vertiefenden Erklärungen zur Verfügung. Es ist ein Museum zum Anfassen geworden, sei es bei den verschiedenen Roben der damaligen Zeit, die der Besucher fühlen kann: Leopold hatte ein Faible für Luxus und elegante Kleidung. Sei es bei Instrumenten, die der Gast berühren darf. Und sei es auch bei der Kutsche, mit der die Familie Mozart auf engstem Raum Europa bereiste - mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von sieben Kilometern pro Stunde.

© SZ vom 07.03.2020
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