Räusper, räusper, hüstel, hüstel. Das klassische Setting eines Kunstlied-Abends, der Mann am Flügel hochkonzentriert, auch die Sängerin im langen Kleid sammelt sich, ihr Blick schweift melancholisch in die Ferne. Die ersten Takte. Schubert? Schumann? Hochromantischer Duktus jedenfalls. Dann erklingt ein glockenheller, edler Sopran: „Geh mal Bier holen. Du wirst schon wieder hässlich!“
Normalerweise würden sie jetzt im Publikum verwirrt in den Programmheften blättern, womöglich müsste auch der Bereitschaftsarzt im Saal in Aktion treten, denn die Frau singt weiter: „Ein, zwei Bier. Und du bist wieder schön.“ Wird so natürlich nicht passierten, denn wer am 12. April ins Kunstkraftwerk Bergson nach Aubing kommt, weiß genau, was ihn dort erwartet. Die poetischen Perlen des „Ballermann“-Liedguts, die sonst in den Clubs und Biergärten auf Mallorca gegrölt werden, sind nun hübsch gepflegt verpackt für die Hörgewohnheiten der Klassik und ihrer Codes von Simon Mack. Der unterrichtet Gehörbildung, Musiktheorie und Klavierspiel am Mozarteum Innsbruck und an der Musikhochschule München. Und hat offensichtlich großen Sinn für Humor, der in der Welt der Klassik gern etwas zu kurz kommt. Außer das Lamm schreit Hurtz!
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Wie es einer wie Teodor Currentzis wohl mit dem Humor hält? Schwer zu sagen, denn der Maestro scheint zu hundert Prozent in seiner Musik-Bubble zu existieren. Die Welt da draußen, was könnte sie ihn, das Pult-Genie, schon angehen? Diese Art der Einkapselung, des beharrlichen Schweigens zum russischen Angriffskrieg auf die Ukraine, zu seinem Verhältnis zur russischen, staatlich kontrollierten VTB Bank, zum Energiekonzern Gazprom – keinen Deut hat es ihm geschadet. Das Publikum pilgert nach wie vor zu seinen Konzerten, auch in der Münchner Isarphilharmonie wird das so sein, wo er am 13. April sein Utopia-Orchester dirigiert. Solist ist der junge französische Pianist Alexandre Kantorow. Sie spielen Brahms' Konzert für Klavier und Orchester Nr. 2 B-Dur op. 83 und Mahlers Vierte.

Ein Trio, das zusammen immer immensen Spaß hat, das sind Tenor Jonas Kaufmann, Sopranistin Diana Damrau und Pianist Helmut Deutsch. Viele gemeinsame Tourneen haben die Drei schon bestritten. Legendär Damraus Lachanfall während eines Auftritts in Madrid, man kennt das, wenn einer anfängt, gibt es kein Halten mehr. Fatal, wenn man sich da dramatisch ernst anschmachten soll. Denn meistens geht's im Programm und auch auf den Alben um, na, was schon, die Liebe. So auch beim Liederabend mit Strauss- und Mahler-Repertoire am 1. April, in der Isarphilharmonie, kein April-Scherz, aber gewiss ein Konzert, das gute Laune macht.
Womöglich braucht es solche Stimmungsaufheller, denn in den Wochen vor Ostern stehen in der Klassik viele Passionskonzerte an, und auch sonst dominiert das Schwere. Die Münchner Philharmoniker beispielsweise spielen am 17. April (am Pult Alain Altinoglu) ein Programm mit drei Werken, die im Schatten der Weltkriege entstanden sind: Maurice Ravel widmete in „Le Tombeau de Couperin“ jeden der einzelnen Sätze einem gefallenen Soldaten aus seinem Freundeskreis. Francis Poulenc sehnte 1943 unter dem Eindruck der deutschen Okkupation Frankreichs mit „Figure humaine“ den Tag der Befreiung herbei. Und auch Frank Martin komponierte sein Oratorium „In terra pax“ 1944 für den ersten Friedenstag nach Ende des Zweiten Weltkrieges.

