Klassik:Große Oper

Otello

Adam Krużel gibt Jago, den Puppenspieler, der sich die Geschichte, die Handlung, die ganze Oper erfindet vor dem äußerst coronatauglich arrangierten Chor des Theaters Regensburg. Später allerdings endet Krużel alias Jago im Video als einsamer Pförtner.

(Foto: Jochen Quast)

Verena Stoiber inszeniert am Theater Regensburg Verdis "Otello" und wandelt dabei die herrschenden Hygienebedingungen in einen interpretatorischen Clou um

Von Egbert Tholl

Natürlich hätte Verena Stoiber, wäre diese Aufführung wie geplant im Juni und ohne Corona am Theater Regensburg herausgekommen, Verdis "Otello" ganz anders inszeniert. Doch warum eigentlich? Zwar erzählt sie im Programmheft, was sie ursprünglich vorhatte, aber das, was ihr nun unter Wahrung aller Hygiene- und Abstandsregeln gelang, überzeugt grundlegend. Überhaupt ist der ganze Abend äußerst bemerkenswert: Die Besetzung besteht ausschließlich aus Ensemblemitgliedern, selbst die der Titelpartie, im Graben sitzen zwar nur 21 Musikerinnen und Musiker, aber bis auf wenige Stellen, in denen es schon ein paar Geigen mehr sein dürften, formt der Regensburger Generalmusikdirektor Chin-Chao Lin wieder einmal ein schönes Beispiel für zupackende, aufregende Theatermusik.

Zur Begrüßung betont Intendant Jens Neundorff zu Enzberg, die 200 anwesenden, sorgsam separierten Zuschauer seien hier sicherer als in Fort Knox. Er hoffe, die Politik habe bald ein Einsehen; tatsächlich besteht ja inzwischen die bayerische Coronapolitik in Hinblick auf die Kultur aus einer schwer zu durchschauenden Fülle der Verhinderungsregeln und Sondergenehmigungen.

In Regensburg hat man erst einmal den Chor, derzeit größter Problemfall aller Opernaufführungen, aufgeräumt. Sophia Schneider hat ihm eine Wand aus 30 Waben gebaut, aus denen heraus bienenfleißig gesungen wird, man kann die Wand umdrehen, dann ist sie Projektionsfläche für die Videos. Der Chor zeigt sich munter und selbstbewusst, unternimmt eine kleine Demonstration und formt aus Buchstabenzetteln: "Ohne uns ist Stille."

Hier herrscht die nicht, und dazu baut der große Adam Krużel Theater. Zum Sturm des Beginns sieht man im Video ein Segelschiffchen in den Fluten, die sich bald als der Inhalt einer Zinkwanne herausstellen. Krużel fährt mit der auf einem Rollwagen durch die Eingeweide des Hauses, von wo aus man ihn immer wieder sehen wird. Er bastelt liebevoll Figürchen, zieht sie mit Kostümen an - er ist Jago, der böse Gott, der mit den Figuren die hier zu erlebende Geschichte erschafft, spielt und selbst mit differenzierter Wucht singt. Jago ist das Faktotum des Hauses, endet im Video als einsamer Pförtner, sein Setzkasten mit dem Personal in Miniatur ist der großen Bühne nachempfunden.

Stoibers Videofrau Vanessa Dahl erfindet eine Hommage ans Theater, zeigt noch mehr Räume, lässt Desdemona und Otello auf der Bühne in einer Badewanne baden, richtet die Taverne im Stuhllager ein und feiert verstreute Requisiten. Ach, so schön, und trotz Video so analog. Auf der Bühne nutzen die Solisten Jagos Puppen als Stellvertreter, im Liebesduett kosen Desdemona und Otello die Figurinchen des jeweils anderen, weil sie - Corona - einander nicht nahe kommen dürfen. Oder - Deutung - einander nicht nahe kommen können. Beide heißen Deniz. Deniz Yilmaz ist ein Kraftbolzen, spielt den Otello so, dass man diesem sehr schlüssig jede Lüge andrehen kann. Deniz Yetim als Desdemona ist wundervoll. Erst ein bisschen heiser in der Höhe, dann immer großartiger. Das Lied von der Weide, ihr letztes Gebet - Momente anrührender Innigkeit. Große Oper, der nichts fehlt.

Otello, Theater Regensburg, nächste Aufführungen 27. September, 11. Oktober

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