Kompass:Die Kleinen, ganz groß

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Klassik-Kenner pilgern in der Festspiel-Saison nicht zwangsläufig nach Salzburg oder Bayreuth, Hörgenuss geht auch unaufgeregter und mit weniger Bling-Bling: Renaissance-Originalklang in Regensburg, eine wilde Prokofjew-Oper im Allgäu oder Feen-Musik im Chiemgau.

Von Jutta Czeguhn

Kompass: Keine Sekunde hatte Intendant Ludwig Baumann vor 26 Jahren im Sinn, ein jährliches Festival zu gründen. Nun, es kam anders, Gut Immling wurde zur Pilgerstätte für Opernfans.

Keine Sekunde hatte Intendant Ludwig Baumann vor 26 Jahren im Sinn, ein jährliches Festival zu gründen. Nun, es kam anders, Gut Immling wurde zur Pilgerstätte für Opernfans.

(Foto: Christine Unterseer)

Skandale um toxisches Sponsoring, Querelen über den Auftritt Putin-freundlicher Künstler, obszön hohe Karten-Preise. So manch passionierter Klassik-Freund hat das alles mittlerweile über, und er schaut sich um in der Festival-Landschaft abseits der üblichen Hotspots und Kulturmetropolen. Denn im Chiemgau, am Ammersee, in Regensburg oder Passau geht es unaufgeregter zu, dort muss man keine dreistelligen Summen hinlegen, um hohe Kunst zu erleben. Klassik-Sommerevents gibt es an Orten zu entdecken, wo andere Urlaub machen. Lokal verankert, oft mit viel ehrenamtlichem Engagement, und doch mit internationaler Fan-Gemeinde und Star-Aufgebot, mal traditionell, mal experimentell und meistens ganz leger, ohne Kleiderordnung.

Die Maestra aus dem Kloster

Kompass: Passendes Ambiente für ein Festival Alter Musik, der Regensburger Reichssaal ist auch heuer wieder Ort für ausgesuchte Konzerte von Vokal- und Instrumentalensembles.

Passendes Ambiente für ein Festival Alter Musik, der Regensburger Reichssaal ist auch heuer wieder Ort für ausgesuchte Konzerte von Vokal- und Instrumentalensembles.

(Foto: Veranstalter/Tage Alter Musik)

Chiara Margarita Cozzolani (1602 - 1676/1678) muss eine bemerkenswerte Frau gewesen sein. Mit 17 Jahren war sie in das Kloster Santa Radegonda gleich vis-à-vis vom Mailänder Dom eingetreten. Dort wurde sie zur "Maestra di capella", der Chefin der klösterlichen Musik im Convent. Sie komponierte auf der Höhe ihrer Zeit, ließ ihre Werke gar in Venedig, dem damaligen Zentrum des italienischen Musikaliendrucks, für die Nachwelt festhalten. Eine Marienvesper, zusammengestellt aus ihren Kompositionen und interpretiert vom Vokal- und Instrumentalensemble I Gimelli, erklingt am Pfingstsonntag, 5. Juni, 20 Uhr, in der Dreieinigkeitskirche in Regensburg. Eines von insgesamt 16 Konzerten bei den "Tagen Alter Musik". Das Originalklang-Festival, 1984 von drei ehemaligen Mitgliedern der Regensburger Domspatzen gegründet, zählt zu den traditionsreichsten, aber auch innovativsten seiner Art. Neben Auftritten internationaler Ensembles und Solisten an stimmungsvollen Orten wie dem Dom, in Kirchen und Kapellen bietet es auch Kurse und sogar eine große Verkaufsausstellung von Nachbauten historischer Musikinstrumente. Fazit: Für Freaks Alter Musik, aber nicht nur.

Tage Alter Musik Regensburg, am Pfingstwochenende vom 3. bis 6. Juni, www.tagealtermusik-regensburg.de

Liebes-Echo auf dem Heiligen Berg

Kompass: Kloster Andechs, Bayerns Heiliger Berg: Im Florian-Stadl treffen sich die Klassik-Freunde zum neuen "Festival der Sinnlichkeit".

Kloster Andechs, Bayerns Heiliger Berg: Im Florian-Stadl treffen sich die Klassik-Freunde zum neuen "Festival der Sinnlichkeit".

(Foto: Peter Kneffel/dpa)

Noch eine Komponistin, aber sehr heutig: Werke von Aziza Sadikova waren schon bei den BBC Proms oder in der Elbphilharmonie zu hören. Für das neue "Festival der Sinnlichkeit" im Florian-Stadl von Kloster Andechs hat Sadikova, 1978 im usbekischen Taschkent geboren, das Klaviertrio "Echos von Liebe nach Franz Schuberts Winterreise" komponiert, Uraufführung ist am 5. Juni mit dem Henschel Klavier Trio. Konzept dieses neuen Festivals ist es laut Impresario Florian Zwipf-Zaharia, sich in jedem Jahr die aktuellen Komponisten-Jubilare vorzunehmen, zur Premiere sind dies neben Schubert auch Johannes Brahms, César Franck und Alexander Skrjabin. Auf den Heiligen Berg kommen namhafte Ensembles und Künstler wie das Goldmund Quartett, das Armida Quartett, Lydia Teuscher, Nino Gvetadze oder Gerold Huber. Zum "Tag des Schubert-Liedes" wird das Bayerischen Junior-Ballett auftreten, will man doch alle Sinne ansprechen, auch mit besonderen Lichteffekten, zudem wird das Publikum im Kreis um die Musiker sitzen. Und in Reaktion auf den Krieg in der Ukraine werden alle Künstler jeweils ein Stück aus der russischen beziehungsweise ukrainischen Musikkultur in ihr Konzert integrieren. Fazit: Ein kleines, feines Festival, das neue Wege gehen will.

"Festival der Sinnlichkeit", vom 3. bis 6. Juni, Florian-Stadl im Kloster Andechs, Programm und Karten unter www.jubilaeumsfestival.de, Tel. 0171/87 55 237 möglich. Kinder und Jugendliche bis 18 Jahre erhalten freien Eintritt.

Klassik im Dreiländereck

Kompass: Seit 70 Jahren gibt es die Europäischen Wochen Passau. Die Konzerte mit namhaften Künstlern finden nicht nur in der Drei-Flüsse-Stadt, sondern auch in Kirchen und Schlössern in Ostbayern, Südböhmen und Oberösterreich statt.

Seit 70 Jahren gibt es die Europäischen Wochen Passau. Die Konzerte mit namhaften Künstlern finden nicht nur in der Drei-Flüsse-Stadt, sondern auch in Kirchen und Schlössern in Ostbayern, Südböhmen und Oberösterreich statt.

(Foto: Europäische Wochen Passau)

Es heißt, Frédéric Chopin sei schon so schwach gewesen, dass man ihn zu seinem Konzert am 4. Oktober 1848 in Edinburgh auf die Bühne tragen musste. Wenige Wochen später starb er in Paris. Eigens für die Festspiele Europäische Wochen Passau hat die ukrainische Pianistin Valentina Lisitsa dieses letzte Chopin-Konzert rekonstruiert, sie spielt es am 9. Juli auf einem Pleyel-Flügel, der aus dem Jahr 1848 stammt. Der Abend mit der gebürtigen Kiewerin ist einer der Höhepunkte neben Auftritten etwa von Ian Bostridge, Rolando Villazón oder Spitzenorchestern wie den Bamberger Symphonikern bei diesem exquisiten Dreiländer-Festival, das einst von amerikanischen Offizieren zusammen mit der Stadt Passau ins Leben gerufen wurde und 2022 sein 70-jähriges Bestehen feiern kann. Das Credo von damals, durch Musik politische Grenzen zu überwinden, scheint aktueller denn je. Fazit: Zeit nehmen und das Dreiländereck erkunden.

Europäische Wochen Passau, vom 17. Juni bis 24. Juli, Ticket-Hotline 0851 560 96-26, www.ew-passau.de

Geisha mit Samurai-Dolch

Kompass: Kritiker sehen in Puccinis "Madama Butterfly" ein kolonial anti-asiatisch-rassistisches Opernstück, und doch steht das Werk auf vielen Spielplänen, an der Bayerischen Staatsoper, aber auch als Wiederaufnahme vom vergangenen Jahr beim Festival auf Gut Immling.

Kritiker sehen in Puccinis "Madama Butterfly" ein kolonial anti-asiatisch-rassistisches Opernstück, und doch steht das Werk auf vielen Spielplänen, an der Bayerischen Staatsoper, aber auch als Wiederaufnahme vom vergangenen Jahr beim Festival auf Gut Immling.

(Foto: Nicole Richter)

Die Druiden-Priesterin Norma hat zwei Kinder mit dem falschen Mann, am Ende von Bellinis Oper wird sie deshalb den Scheiterhaufen besteigen. Violetta in Verdis "La Traviata" ist eine schwindsüchtige Kurtisane, die auf ihren Geliebten verzichtet und quasi als Heilige ihr Leben aushaucht. In Puccinis "Madama Butterfly" lässt sich Geisha Cio-Cio-San von einem amerikanischen Marineoffizier ein Kind anhängen, Glück gibt's für sie nicht, als Tochter eines Samurai weiß sie, was zu tun ist. Alles Frauen, die umkommen in starren patriarchalen Strukturen. Opern, geschrieben von Männern, so fragwürdig wie genial, denn da ist diese Musik mit den wunderbarsten Sopran-Arien: "Casta Diva", "Vissi d' arte", "O mio babbino caro". Alle drei Werke sind beim Immling Festival, auf dem sogenannten Grünen Hügel Rosenheims, zu erleben, das in seinem 26. Jahr endlich wieder unter Normalbedingungen stattfinden kann. "Mitten ins Herz" lautet das Festival-Motto, das neben Opern auch einen Ballettabend über den Mythos Coco Chanel, das Musical "Footloose" und eine magische "Zauberflöte" für Kinder im Programm hat. Fazit: ein Festival, bei dem man "après opéra" gewiss noch ein bisserl bleibt.

Immling Festival, 26. Juni bis 14. August, Gut Immling, Ticket-Hotline: 08055/ 9034-0, Dienstag bis Freitag von 10 bis 13 Uhr und 14 bis 17 Uhr, www.immling.de

Die Prinzessin in der Südfrucht

Sergej Prokofjews "Die Liebe zu den drei Orangen" ist eine aberwitzige Märchenoper. Die Musik kommt verspielt, frisch und expressionistisch daher, ganz Avantgarde ihrer Zeit (1921). Und bei der Story muss man aufpassen, nicht den Faden zu verlieren: Ein Königshof ist in der Bredouille, der Prinz und potenzielle Thronfolger ist hochdepressiv und muss unbedingt zum Lachen gebracht werden. Das Ganze wird hintertrieben von seiner machtlüsternen Cousine, von korrupten Höflingen, Zauberern und einer Fee, die den Prinzen dazu verflucht, sich in drei Orangen zu verlieben. Man ahnt es, in einer der Südfrüchte wird eine veritable Prinzessin stecken. Einstudiert überwiegend mit Nachwuchskünstlern, kommt dieser Spaß beim 34. Isny Opernfestival auf die Bühne, in einer Freilichtaufführung im Innenhof des Schlosses Isny (30. Juni bis 3. Juli). Start des Allgäuer Festivals ist am 26. Juni, mit einem Konzert in der Nikolaikirche Isny. Fazit: Hier gibt es stets Raritäten zu hören von jungen Akteuren, die auf ein enthusiastisches Publikum zählen können.

Isny Opernfestival, 26. Juni bis 3. Juli, Karten und Näheres zum Programm unter www.isny-oper.de

Entrückte Feen-Königin

Kompass: Alte Musik hat bei der Sopranistin Anna Prohaska einen besonderen Stellenwert, bei den Herrenchiemsee-Festspielen singt sie unter anderem Werke aus Henry Purcells "The Fairy Queen".

Alte Musik hat bei der Sopranistin Anna Prohaska einen besonderen Stellenwert, bei den Herrenchiemsee-Festspielen singt sie unter anderem Werke aus Henry Purcells "The Fairy Queen".

(Foto: Marco Borggreve)

Anna Prohaskas Balkonkonzerte von ihrer Schöneberger Wohnung aus waren während des harten Lockdowns eine Freude für ihre Nachbarn und für die Netzgemeinde. Längst kann die Sopranistin, die aus einer irisch-englisch-österreichischen Musikerfamilie stammt und schon lange zum Ensemble der Berliner Staatsoper gehört, wieder auf der Bühne stehen. Etwa bei den Herrenchiemsee-Festspielen, die in diesem Sommer vom 19. bis 31. Juli endlich ihr Programm unter Normalbedinungen präsentieren können. "Der Welt entrückt" lautet das Motto, das ziemlich gut auch zur Künstlerin Anna Prohaska passt. Die 39-Jährige hat sich nicht nur an berühmten Häusern (La Scala, Salzburger Festspiele, Wigmore Hall...) unter Dirigenten wie Barenboim, Abbado, Rattle, Boulez oder Harnoncourt durch ihr Stimmfach gesungen, sie liebt auch das Ungewöhnliche und das Mystische des Barock. In ihren CD-Projekten taucht sie ab in den "Enchanted Forest" und in die Welt der Wasserwesen ("Sirène") oder sucht das "Verlorene Paradies". Bei ihrem Konzert am 25. Juli im Spiegelsaal von Schloss Herrenchiemsee singt Anna Prohaska Werke aus Henry Purcells "The Fairy Queen", "Dido and Aeneas" und "The Tempest". Wem das zu entrückt ist: Die Festspiele bieten auch jede Menge Geerdetes von Beethoven, Bach, Händel, Mozart, Haydn und Bruckner. Fazit: Zum Festival geht's per Boot, Shuttlebus oder Kutsche, alles im Kartenpreis inklusive, festliches Aufbrezeln ist durchaus erwünscht.

Herrenchiemsee-Festspiele, vom 19. bis 31. Juli, Herren- und Frauenchiemsee, Karten und Programm unter www.herrenchiemsee-festspiele.de

Das Unglück der Bernauerin

Kompass: Wieder im Programm beim Orff-Festival in Andechs: die Neuproduktion "Die Bernauerin" aus 2021, hier mit Anna Maria Sturm als Agnes Bernauer und Pirmin Sedlmeir als Her- zog Albrecht.

Wieder im Programm beim Orff-Festival in Andechs: die Neuproduktion "Die Bernauerin" aus 2021, hier mit Anna Maria Sturm als Agnes Bernauer und Pirmin Sedlmeir als Her- zog Albrecht.

(Foto: Veranstalter)

Es hätte nicht viel gefehlt, erzählt Intendant Florian Zwipf-Zaharia, und das Andechser Orff-Festival 2021 wäre das letzte gewesen. Noch während des laufenden Programms hätte ihm die Orff-Stiftung damals mitgeteilt, man könne das Festival nicht weiter unterstützen. Aufgrund der Pandemie sei Orff nicht viel gespielt worden, Tantiemen seien weggebrochen. Zwipf hatte also mit dem Festival 2022 schon abgeschlossen, "dann aber kam das Förderprogramm Neustart Kultur, und ich hab' im Oktober einen Antrag gestellt". Erst vor einem Monat hat man ihm mitgeteilt, dass es Geld geben wird. Noch also stecken er und sein Team mitten in der Planung für das Festival in einer kleineren Form, es wird vom 28. bis 31. Juli in Andechs stattfinden. Fest steht schon, dass die Neuproduktion vom vergangenen Jahr, Orffs bayerisches Musiktheater "Die Bernauerin", wieder zur Aufführung kommt. Mit einem sehr interessanten Dirigenten, dem gebürtigen Weißrussen Vitali Alekseenok, der die vergangenen Wochen unter anderem damit verbracht hat, mit seinem Auto Menschen bei der Flucht aus der Ukraine zu unterstützen. 2021 hatte der 31-Jährige in Kiew "Tristan und Isolde" dirigiert. Heuer wäre er dort wieder aktiv gewesen. Doch nun ist er frei für Andechs, bis er seinen Posten als Kapellmeister der Deutschen Oper am Rhein in Düsseldorf antreten und sein Debüt am Teatro alla Scala Milano geben wird.

Orff-Festival, vom 28. bis 31. Juli, im Florian-Stadl im Kloster Andechs, Näheres zum Programm wird noch bekannt gegeben unter www.orff-festival.com

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