Gregor Mayrhofer dirigiert. Außerdem spielt er Klavier. Manchmal schlägt er auch Plastikflaschen aneinander und macht mit alten Kaffee-Kapseln Musik. Bis vor ein paar Tagen kickte er zudem zusammengeknüllte Notenblätter auf einen Haufen, in den sich dann eine Sängerin warf. Denn Mayrhofer ist Musiker. Das ist ein denkbar kleiner Begriff für eine denkbar vielfältige Tätigkeit. Die Dirigier-Assistenz bei Simon Rattle gehört dazu wie die Soundtrack-Aufnahmen für einen Film von Michael Bully Herbig oder die Leitung eines Festivals. Wie wird man zum musikalischen Tausendsassa?
„Das kennzeichnet meinen Lebensweg schon von ganz früh an“, sagt Mayrhofer, wenn man ihn auf seinen Tatendrang anspricht. Aufgewachsen ist er, Jahrgang 1987, in einem musikerfüllten Wolfratshauser Elternhaus. Die Mutter hat Musik unterrichtet, der Vater die Münchner Schule für Bairische Musik geleitet. Für das Kind standen Klassik und Volksmusik deshalb schon nebeneinander, als er Geige, Klavier, Orgel und Klarinette zu spielen lernte. Der Jazz-Musiker greift heute noch auf die frühen Erfahrungen zurück: „Ich sehe da Parallelen, was das Zusammenspiel angeht. Aber auch darin, wie man Schwung reinbekommt!“ Geübt hat er das bis zuletzt im Duo Imbrothersation mit seinem Bruder Raphael, in einer tollkühnen, Jazz und rasante Blödelei vereinenden Show. Viel Zeit bleibt dafür gerade nicht.
Gut beschäftigt war Gregor Mayrhofer schon immer. Während der Schulzeit begleitete er andere am Klavier. Aber schon als Mayrhofer mit der Cellistin Maria Well einen ersten Preis beim Bundeswettbewerb von Jugend musiziert gewann, hatte er sich innerlich von einer Solo-Karriere als Pianist verabschiedet. Seitdem der Vater ihn bei einer Projektwoche der Musikschule vor ein Ensemble gestellt hat, denkt er ans Dirigieren.
Mayrhofer studiert Orchesterleitung und Komposition, kommt damit von München nach Düsseldorf, nach Paris und New York. Er lernt beim damaligen Chef der New Yorker Philharmoniker Alan Gilbert, geht vormittags in die Proben und abends in die Jazz-Clubs. Die wohl prägendste Erfahrung seiner Dirigier-Karriere wartet jedoch noch auf ihn.
Mayrhofer nennt eine Inspirationsquelle, die ihn dazu veranlasste, die Musik zum Beruf zu machen: den Dokumentarfilm „Rhythm Is It!“, in dem Simon Rattle Strawinskys „Sacre“ mit Jugendlichen erarbeitet. Wenn man ihn darauf hinweist, dass das ja schon fast zu schön klinge, um wahr zu sein, reagiert Mayrhofer nicht überrascht. Das habe er auch gedacht, als er 2017 Rattles Assistent bei den Berliner Philharmonikern werden sollte. Beim Vordirigieren etwa probiert Mayrhofer einiges, erreicht aber nicht den gewünschten Klang. Da tritt Simon Rattle vor und sagt den Streichern nur einen Satz: „Stellt euch mal vor, ihr hättet Seife auf den Bögen.“ Das sei nur einer von vielen Momenten, in denen Rattle mit seinem Witz und seiner Schnelligkeit Mayrhofer Wesentliches beigebracht habe. Mayrhofer selbst wird immer gefragter als Dirigent, arbeitet mit der Berliner Staatskapelle, dem Münchener Kammerorchester oder dem Bayerischen Staatsorchester.

Im März 2020 kommt noch ein Orchester dazu. Der Komponist Ralf Wengenmayr sucht einen Dirigenten für seine Musik zum Film „Jim Knopf und die Wilde 13“ und denkt an Mayrhofer. Der ist begeistert. Schließlich habe er als Teenager die Musik zu „Der Schuh des Manitu“ geliebt. Als der Komponist ihn fünf Jahre später fragt, ob er nicht Lust hätte, die Musik für dessen Fortsetzung „Das Kanu des Manitu“ zu leiten, denkt Mayrhofer einmal mehr, dass das fast zu wunderbar sei, um wirklich passieren zu können. Aber es passiert. Mayrhofer dirigiert erneut das Filmorchester Babelsberg: „Mit das Schönste war, als Ralf Wengenmayr aus der Studiokabine mit Michael Bully Herbig zu mir kam und gesagt hat: Wir sind alle zu Tränen gerührt.“
Der Dirigent Mayrhofer unterscheidet nicht zwischen Tschaikowsky und Wengenmayr. Schließlich könne er bei allem etwas lernen, für sein eigenes Komponieren. Dabei verbindet sich Mayrhofers Offenheit mit seinem Gespür für relevante Botschaften – sein „Recycling Concerto“, das Abfall in Musikinstrumente verwandelt, wurde in diesem Jahr an die zwanzigmal aufgeführt. Andere Projekte warten auf ihre Fertigstellung. „Langweilig wird mir nie“, sagt Mayrhofer.
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Dennoch übernimmt er 2024 die Leitung des Hidalgo-Festivals für junge Klassik. Ihn reizt die Arbeit in seiner Geburtsstadt und das Wirken im Kollektiv. In Zusammenarbeit mit Menschengruppen werden Mayrhofers wache blassblaue Augen noch etwas wacher. So bei einer Probe zu der Musik-Inszenierung „Wildtrieb“, mit der das Festival eröffnet hat. Mayrhofer berät die Regisseurin Roberta Pisu, denkt über die Wirkung des Streichquartett-Klangs im Raum nach und hilft, wenn die Sängerin Bella Adamova sich in die papierenen Laubhaufen geworfen hat, rasch wieder beim Aufschichten. Da fehlt plötzlich ein Riemen, der den Stachel des Cellos auf dem Boden fixiert. Gregor Mayrhofer lächelt, was ihm immer leichtfällt, und zieht seinen Gürtel aus der Jeans.
Ob ihm sein Zweitname nicht peinlich sei? Mayrhofer lacht und meint, das sei früher so gewesen. „Ich will mit dem Namen nicht so dick auftragen. Meine Eltern hatten damals nicht geplant, ein Musik-Kind in die Welt zu setzen, aber irgendwie hat das Schicksal dann wohl doch gewollt, dass ich meinen Weg in die Musik finde“, sagt Gregor Amadeus Mayrhofer.

