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Klassik:Die Straße gehört den Liedern

Im Rahmen des Hidalgo-Festivals gaben junge Musiker unter dem Motto "Scheitern" fast hundert Kurzkonzerte in der ganzen Stadt

Von Cora Wucherer

Am Hasenbergl wartet ein Klavier. Vier Männer sitzen auf einer Bank bei der U-Bahn-Station, rauchen Zigaretten, trinken Bier, und schenken dem schwarzen Instrument kaum Beachtung. Passanten eilen vorüber. Ein Hund döst in der Sonne. Um 10.30 Uhr kommt eine junge Frau mit Sonnenbrille in einem eleganten Jumpsuit und setzt sich ans Klavier. Neben ihr positioniert sich eine weitere, im kleinen Schwarzen, und beginnt zu singen. Ihr klarer Mezzosopran schallt über den Platz - für 15 Minuten. Sie singt vom Scheitern. Die Passanten bleiben stehen, die Männer stellen ihr Bier ab, um zu klatschen, der Hund spitzt die Ohren, ein Straßenreiniger unterbricht seine Arbeit und lauscht. Innerhalb von wenigen Minuten ist der Platz dreimal so voll wie zuvor. Die Sängerin Carolin Ritter und die Pianistin Alyssa Filardo sind eines von 17 Duos, die an diesem Samstag insgesamt knapp hundert Kurzkonzerte in ganz München an öffentlichen Plätzen geben.

"Street Art Song" nennt sich das kostenlose Event, das im Rahmen des jungen Klassikfestivals "Hidalgo" stattfindet. Tom Wilmersdörffer hat das Festival, benannt nach Robert Schumanns Lied "Hidalgo", 2018 ins Leben gerufen, um Klassik für junge Menschen nahbar zu machen. Dieses Jahr findet das Festival unter anderem im Bahnwärter Thiel und Harry Klein statt, aber auch an öffentlichen Plätzen in der Stadt. Für "Street Art Song" wählte man zentrale, frequentierte Orte mit guter Akustik. 2019 gab es die öffentlichen Kurzkonzerte schon einmal, in einer kleineren Ausgabe, in acht Stadtvierteln. Die Entscheidung, diesmal knapp hundert Konzerte zu geben, ist in dem Erfolg letzten Jahres begründet. Aber auch, weil "Hidalgo" ein "Münchner Kindl" ist, wie Wilmersdörffer es nennt: "Wir wollen klassische Musik überall dahin bringen, wo sie nicht stattfindet. Wir bringen Klassik vor die Haustür."

Junge Musiker und Musikerinnen bringen klassische Musik in die ganze Stadt: James Young und Kaori Kashimoto vor der Oper.

(Foto: Catherina Hess)

Das Motto des Festivals: Scheitern. "Das Scheitern ist die letzte Bastion der Intimität", sagt der künstlerische Leiter. Deshalb hatten sie das Thema gewählt, noch bevor Corona zuschlug. Weil das Scheitern etwas ist, das man geheim hält, über das man sich scheut zu reden. Mit der Pandemie jedoch wurde das Versagen omnipräsent in der Gesellschaft, wie eine wahr gewordene Prophezeiung. "Im Alltag können wir uns kaum mit dem Scheitern auseinandersetzen, weil wir funktionieren müssen", sagt Wilmersdörffer. "Die Musik bietet Raum für eine Auseinandersetzung - oder für ein kurzes Entfliehen."

Jedes der Duos setzt das Motto auf seine Weise um: Carolin Ritter und Alyssa Fildaro widmen sich gescheiterten Frauen, Brahms "Liebestreu", Robert Schumanns Vertonung der Gedichte von Maria Stuart und Hugo Wolfs "Nur wer die Sehnsucht kennt". Als Ritter auf dem fast leeren Platz am Hasenbergl beginnt zu singen, ist sie nervös. "Es ist seltsam, sich einfach hinzustellen und anzufangen", sagt sie. "Man weiß nicht, wie die Leute auf so traurige Lieder reagieren."

Clemens Joswig und Sebastian Kuhl musizieren auf dem Stefansplatz.

(Foto: Catherina Hess)

Auch bei Sebastian Kuhl (Klavier) und Clemens Joswig (Gesang) drehen sich die Lieder um den Schmerz des Scheiterns. Die beiden haben Werke aus Schuberts "Winterreise" gewählt, die Geschichte einer gescheiterten Liebe, und den "Atlas". Als Joswig mit mächtigem Bass "Die ganze Welt der Schmerzen muss ich tragen" schmettert, setzt sich eine Frau mit Kleinkind auf den Boden, denn alle Bänke um den Stefansplatz sind besetzt. Ältere Ehepaare halten genau wie junge Pärchen an und lauschen dem Klang des Scheiterns. Der klingt mal schmerzhaft, mal sogar amüsant, aber immer berührend. Das Versagen wird von einer intimen Erfahrung zu etwas, das man mit Fremden teilt.

Es tummeln sich keine Menschenmassen vor den Klavieren. Das mag daran liegen, dass viele Konzerte gleichzeitig erklingen. Manche Orte wurden kurzfristig geändert, wegen der Corona-Demo auf der Theresienwiese, und mal taucht ein Duo zu spät auf. Aber die Menschen, die an den Musizierenden vorbeikommen, halten inne, schenken Geld oder ein Lächeln, klatschen. Als die Sopranistin Teresa Boning und Rie Kimura in Pasing auftreten, überreicht ihnen eine begeisterte Zuhörerin einen Strauß Sonnenblumen.

Rie Kimura und Teresa Boningan bespielen den Pasinger Rathausplatz.

(Foto: Catherina Hess)

Lang war nicht klar, ob "Hidalgo" nicht selbst scheitern würde wegen der Pandemie. Doch dank knapp 40 Ehrenamtlicher konnte es kurzfristig und Corona-konform umgesetzt werden. Auch die finanzielle Unterstützung verschiedener Bezirksausschüsse trug dazu bei. So kann nicht nur "Street Art Song" abgehalten werden, sondern auch die kostenlose Musikinstallation "Die fernste Geliebte" am Montag und Dienstag, 14. und 15. September, von 16 bis 21 Uhr auf dem Parkhausdeck nahe dem Stachus: In der Performance trennen zwei Boxen verschiedene Musiker. Die Besucher können die Boxen einzeln betreten und sich zum Klang von Beethoven mit körperlicher Distanz und Fernbeziehungen auseinandersetzen.

Beethoven erklingt ebenfalls auf den Straßen Münchens, neben Wolf, Schumann und Mahler. Wie bei Tenor Manuel Ried und Pianist Burak Cebi, die sich auf dem Hohenzollernplatz Beethovens "An die ferne Geliebte" annehmen. Das Lied erzählt von dem Versuch, die tote Geliebte zu erreichen, über Hügel, Berge und blühende Auen. Vergeblich. Bis der Sänger merkt, dass er ihr durch die Musik nahe sein kann. Ein Scheitern mit Happy End.

Nach mehreren Konzerten kommt ein brauner Klaviertransporter, das Instrument wird eingepackt und an den nächsten Ort gekarrt. Sechs Klaviere sind an diesem Samstag unterwegs. Sie halten auch am Hohenzollernplatz, am Rathausplatz in Pasing und am Stefansplatz. Während Clemens Joswig in der Früh am Prinzregentenplatz noch Jackett trug, hat er es jetzt am Stefansplatz abgelegt, genauso wie Sebastian Kuhl seine Sonnenbrille. Es ist so warm, dass sich September fast wie Sommer anfühlt. Neben der Musik hört man das Plätschern des Brunnens, die vorbeifahrenden Autos, Stimmengewirr - und immer wieder klatschende Hände und Bravo-Rufe. Die beiden verbeugen sich, jemand ruft: "Zugabe!". Nach 19.30 Uhr ist die klassische Musik verklungen, am Stefansplatz wie am Hasenbergl. Die Klaviere sind verschwunden.

© SZ vom 14.09.2020
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