Ein Dokumentarfilm über zwei OrchesterMusiker während der Diktatur der Nationalsozialisten

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Arturo Toscanini dirigiert das Grüdungskonzert des „Palestine Symphoniy Orchestra“ 1936 in Tel Aviv.
Arturo Toscanini dirigiert das Grüdungskonzert des „Palestine Symphoniy Orchestra“ 1936 in Tel Aviv. (Foto: Felicja Blumental / Music Library 1936)

Zwei Orchester: eines als Nazi-Propagandainstrument, eines aus exilierten Juden in Palästina – im NS-Dokumentationszentrum hat ein Arte-Film Premiere.

Von Egbert Tholl

Es war ein Orchester, von dessen Existenz heute kaum jemand weiß. Im Herbst 1931 gründete Franz Adam das „NS-Reichssymphonieorchester“ in München, am 10. Januar 1932 gab es unter Adams Leitung sein erstes Konzert, hier im Circus Krone vor 5000 Zuhörern. Adam stellte das Orchester aus arbeitslosen Musikern zusammen, davon gab es damals viele. Er selbst, Sohn eines Pferdemalers, hatte zuvor seine Stelle als Kapellmeister beim Münchner Rundfunk verloren. Nun witterte er eine Chance. Und stellte das Orchester zusammen, das bald zum Propagandainstrument der Nationalsozialisten wurde.

Nun kann man die Geschichte dieses weithin unbekannten Orchesters erfahren. Im NS-Dokumentationszentrum stellte Axel Fuhrmann seinen Film „Klang der Erinnerung – Orchesterspuren von München bis Tel Aviv“ vor, der am 23. November auf Arte gezeigt wird und dann auch in der Mediathek abrufbar ist. Fuhrmann verknüpft darin zwei Orchesterbiografien: Die des Nazi-Propaganda-Orchesters mit der des „Palestine Symphony Orchestra“, aus dem, mit der Staatsgründung Israels, das Israel Philharmonic Orchestra (IPO) hervorging. Dieses leitet aktuell, als Nachfolger von Zubin Mehta, Lahav Shani, der designierte Chefdirigent der Münchner Philharmoniker.

Es ist schon eine bemerkenswerte historische Koinzidenz – die aber gar nicht so sehr verblüfft, bedenkt man die Umstände der Zeit –, dass 1932 ein Nazi-Orchester ins Konzertleben trat, und vier Jahre später in Tel Aviv ein Orchester gegründet wurde, das aus jüdischen Musikerinnen und Musikern bestand, die vor der Judenverfolgung in Europa nach Palästina geflohen waren. In der Geschichte liegt auch ein gewisser Trost. Das Reichssymphonieorchester wurde mit Ende des Krieges aufgelöst, Franz Adam wurde im August 1945 interniert und als Mitläufer eingestuft, er dirigierte nie wieder ein Orchester. Das IPO indes ist zum Symbol für Humanismus geworden, im November kommt es auf einer Tournee nach München.

Bei seiner Recherche hatte Fuhrmann zwei Helfer, den Chefdirigenten der Münchner Symphoniker, Joseph Bastian, und den Violinisten Linus Roth. Vor der Filmpräsentation im NS-Dokumentationszentrum spielt Roth eine Improvisation über ein Stück von Bronisław Huberman, ein glühend empathisches Stück unendlicher Melodie. Der polnische Stargeiger Huberman war derjenige, der die Musiker für das „Palestine Symphony Orchestra“ zusammensuchte, in ganz Europa. So rettete er jüdischen Musikern das Leben.

Adam, NSDAP-Mitglied seit 1930, diente von Anfang an das NS-Reichssymphonieorchester der Nazi-Propaganda an, er brauchte deren finanzielle Unterstützung. Die gelang dann 1936 durch die Eingliederung in die KdF-Organisation der Nazis. Das Orchester spielte auf den Reichsparteitagen, reiste durch viele kleine Städte, spielte 260 Konzerte im Jahr, leistete seine Form von Kriegsdienst, spielte in den im Krieg besetzten Gebieten und in Lazaretten. Wessen Gesinnung seine Mitglieder waren, darüber lässt sich heute nur spekulieren. Vielleicht wollten einige von ihnen nur Musik machen und nicht an der Front stehen. Als 1945 Kurt Graunke sein nach ihm benanntes Symphonieorchester gründete, waren auch 13 ehemalige Reichsmusikanten dabei. Seit 1990 heißt das Orchester Münchner Symphoniker. Sich mit seiner Geschichte zu beschäftigen, war für Joseph Bastian eine Verpflichtung.

Während die Nazi-Combo gefällige Klassik oder Märsche spielte, kamen zum „Palestine Symphony Orchestra“ bald Musiker wie Leonard Bernstein und Arturo Toscanini, Weltdirigent und glühender Nazi-Hasser, humaner Antipode Wilhelm Furtwänglers. Und Huberman spielte Brahms’ Violinkonzert; er hatte es bereits als 13-Jähriger vor Brahms selbst gespielt, war zu seiner Zeit der herausragende Interpret des Stücks. Beim sich an die Vorführung des Films anschließenden Publikumsgespräch zitiert Joseph Bastian seinen Kollegen Vladimir Jurowski: Musik sei immer Politik. Im Film erlebt man zwei komplett unterschiedliche Seiten davon.

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