Kirchliches Programm Airbag für die Ehe

Für Heiratswillige hat die Kirche ein spezielles Kommunikationstraining entwickelt - offenbar mit Erfolg.

(Foto: Frank Leonhardt/dpa)

Auch Streiten will gelernt sein - zumindest wenn es nach der Kirche geht. Darum bietet das Erzbistum München-Freising Kurse an, in denen Paare vor der Hochzeit das Zanken lernen sollen. Denn eine Studie des Bistums belegt: Wer miteinander redet, bleibt zusammen.

Von Jakob Wetzel

Es hilft alles nichts: Ehepaare streiten. Erst gehen sie sich auf die Nerven, dann machen sie sich Vorwürfe, am Ende knallen sie sich im besten Fall nur Beschimpfungen an den Kopf. Fünf Jahre nach der Hochzeit ist fast jedes vierte Paar wieder geschieden, das ergibt eine Studie des Erzbistums München und Freising. Und daran leiden nicht nur die Betroffenen, es behagt auch der katholischen Kirche nicht. Eine vor Gott geschlossene Ehe gilt ihr schließlich als unauflöslich.

Dass Eheleute streiten, daran kann auch die Kirche nichts ändern. Doch sie hat offenbar ein Rezept gefunden, um zumindest die Folgen zu mildern. Vor 25 Jahren haben Forscher im Auftrag des Erzbistums das Projekt "Ein Partnerschaftliches Lernprogramm" (EPL) entwickelt. Seitdem treffen sich heiratswillige Paare für jeweils ein Wochenende, um unter Anleitung zu üben, wie man Probleme bespricht und Erwartungen formuliert. Allein im Erzbistum nahmen in den vergangenen Jahren jeweils knapp 250 Paare teil.

Die Kirche sieht sich als Marktführerin in Europa, EPL-Angebote gibt es in den meisten katholischen Bistümern, auch in der bayerischen evangelischen Landeskirche und vereinzelt im Ausland. Nun haben die Forscher die langfristigen Effekte untersucht und beachtliche Zahlen ermittelt: Denn nach derselben, eingangs erwähnten Studie lässt sich das Scheidungsrisiko um etwa 80 Prozent senken, wenn die Eheleute vor der Hochzeit üben, miteinander zu sprechen.

An der Studie nahmen 96 heiratswillige Paare teil; 64 durchliefen das EPL, die anderen besuchten entweder andere Ehevorbereitungskurse oder heirateten einfach so, ganz ohne Seminar. Signifikante Unterschiede zwischen den Paaren habe es vorher nicht gegeben, sagt Joachim Engl vom Institut für Forschung und Ausbildung in Kommunikationstherapie des Erzbistums; er ist einer der Forscher, die das EPL entwickelt haben. Ihm zufolge waren die Teilnehmer auch nicht besonders kirchennah: Sie waren nicht etwa im Gottesdienst für das Projekt gewonnen worden, sondern hatten sich ganz säkular auf Zeitungs-Annoncen hin gemeldet.

Zufriedener mit der Ehe durch EPL-Kurs

25 Jahre später haben sich von den EPL-Teilnehmern nur knapp fünf Prozent scheiden lassen - in der Kontrollgruppe waren es mehr als 26 Prozent. Mehr noch: Von allen noch verheirateten Paaren der Studie sind die EPL-Teilnehmer zufriedener mit ihrer Ehe als die anderen. Und etwa 60 Prozent von ihnen gaben an, sich immer noch an die im Kurs gelernten Gesprächsmuster zu halten.

Oft gehe es dabei um eigentlich einfache Regeln, die im Streit aber nur schwer einzuhalten sind, sagt Engl: zum Beispiel zuzuhören, auch wenn man anderer Meinung ist. Interessierte Fragen zu stellen, keine rhetorischen. Und nicht über den anderen zu sprechen, sondern über die eigenen Gefühle. Was bleibe, sei eine Art "Klingel im Kopf", sagt Engl: Sie warne, wenn man aggressiv wird oder dem anderen ausweicht. Die Kursteilnehmer lernten, die Dynamik zu stoppen. Ein Paar habe ihm einmal gesagt, EPL sei der Airbag ihrer Beziehung. Es mildert den Zusammenprall.

"Das allein glückselig Machende ist das Programm nicht", sagt Engl. Man müsse auch den richtigen Partner finden. Aber auch da kann das Programm offenbar helfen: Viele Paare sagen laut Engl, sie hätten sich nie zuvor so intensiv miteinander beschäftigt wie im Seminar. Und hin und wieder lernen sich Paare dabei so gut kennen, dass sie dann lieber doch nicht heiraten.

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