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Kirchenasyl in München:Unsichere Sicherheit

Familie A. wurde von der katholischen Kirche St. Korbinian in Sendling aufgenommen.

(Foto: Stephan Rumpf)

Zwei Flüchtlingsfamilien aus Afghanistan leben seit kurzem in zwei Kirchengemeinden in Sendling. Ihnen droht die Abschiebung, doch die Behörden dulden das Kirchenasyl. Seit einem Polizeieinsatz in Augsburg ist jedoch unklar, wie lange noch.

Von Jakob Wetzel

Europa, das war für Obaidulla A. zuallererst ein Gefangenenlager in der Slowakei. Er nennt es ein "closed camp": Die Tore waren versperrt, es gab weder ärztliche Hilfe noch genug zu essen für ihn, seine Frau Rabia und seine zweijährige Tochter Oraag. Mehr als 20 Tage seien sie eingesperrt gewesen, sagt er, genau wisse er es nicht. Aber satt sei er dort nie gewesen, so wenig wie all die anderen Flüchtlinge.

Obaidulla A., 28, stammt aus Kabul in Afghanistan. Doch in seiner Heimat habe er Probleme bekommen, erzählt er; die Familie verkaufte ihren Besitz, bezahlte mit dem Geld einen Schleuser und floh. Nach drei Monaten gelangte sie in die Slowakei, dort irrten sie durch einen Wald, wurden gefasst und eingesperrt.

Sie flohen erneut, überquerten die deutsche Grenze. Kurz darauf wurden sie erneut aufgegriffen, diesmal voneinander getrennt. Obaidulla A. kam in Abschiebehaft nach München-Stadelheim, seine Frau und seine Tochter in ein Flüchtlingslager bei Passau.

Heute sitzt Familie A. in einem Raum der katholischen Gemeinde Sankt Korbinian in München-Sendling. Sie ist Gefängnis und Lagern entkommen - zumindest vorerst. Sie lebt in einer Grauzone: Rechtlich müsste sie Deutschland sofort verlassen, denn zuständig für das Asylverfahren ist der Einreisestaat in die EU, also die Slowakei. Obaidulla A. und seine Familie müssten also zurück ins "camp".

Doch das verhindert die Kirchengemeinde Sankt Korbinian: Seit dem 10. Januar gewährt sie den Afghanen Kirchenasyl: Die Familie bleibt, darf aber das Grundstück nicht verlassen. Nach einem halben Jahr haben die Flüchtlinge dann Anspruch auf ein Asylverfahren in Deutschland.

Kirchenasyl ist im deutschen Recht nicht vorgesehen, aber solange die Kirchen die Flüchtlinge melden, wird es von den Behörden geduldet. Darauf setzt zumindest Sankt Korbinian - und bis vor wenigen Tagen hatte die Gemeinde keinen Grund, daran zu zweifeln.

Sankt Korbinian ist kein Einzelfall

Am Dienstag vergangener Woche aber holte die Augsburger Polizei eine Flüchtlingsfamilie aus einer kirchlichen Wohnung, um sie nach Polen abzuschieben. Seitdem herrscht in mehreren Gemeinden Angst, die Polizei könne erneut ein Kirchenasyl missachten.

Denn Sankt Korbinian ist kein Einzelfall. Bundesweit gewähren mindestens 45 Kirchengemeinden Flüchtlingen Asyl. Die genaue Zahl sei unklar, sagt Dieter Müller vom Jesuitischen Flüchtlingsdienst. Allein in Bayern schätzt er die Zahl der Fälle auf etwa zehn - und der nächste findet sich gleich in der evangelischen Nachbargemeinde.

Familie H. wurde von der evangelischen Himmelfahrtskirche in Sendling aufgenommen.

(Foto: Stephan Rumpf)

Hier, auf dem Grundstück der Himmelfahrtskirche, leben seit dem 14. Februar Said H. mit seiner Frau Zarah und der fünf Monate alten Tochter Massha. Said H. kommt aus der Provinz Maydan Wardak westlich von Kabul. Doch der 23-Jährige ist bereits seit seiner Kindheit auf der Flucht. Mit dem Wort "Heimweh" kann er wenig anfangen. Eine richtige Heimat kennt er nicht.

Said H. ist vor der Diktatur der Taliban geflohen. Lange blieb er in Iran, dort wuchs er auf, ohne Papiere und ohne Rechte. Er blieb, bis er es nicht mehr aushielt: die Übergriffe, die Angst, entdeckt und abgeschoben zu werden. Im Herbst 2013 machte er sich mit seiner Familie erneut auf den Weg. Ihr Ziel: Deutschland. H. hatte von Bekannten erfahren, hier könne man in Ruhe sein Leben führen.

Der Weg war hart. Said und Zarah H. berichten von tagelangen Fußmärschen durch Schnee, von Ärzten, die selbst der schwer erkrankten kleinen Tochter nicht helfen wollten, von einem Lager ohne Dach, in dem es nichts zu Essen gab; Said H. nennt es einen "Stall". Die Familie kletterte dort schließlich auf einen Baum und stieg über die Außenmauer.

Gefahr einer "menschenunwürdigen Behandlung"

Familie H. droht die Abschiebung nach Ungarn: Dort war sie unterwegs 24 Stunden lang eingesperrt worden. Ohne das Asyl der Himmelfahrtskirche hätte die Polizei die Familie am Montag, 17. Februar, nach Ungarn zurückgebracht. Womit sie dort zu rechnen hätte, beschreibt beispielhaft das Bayerische Verwaltungsgericht München in einem Beschluss vom 18. Februar: mit "umfassender Inhaftierung", mit schlechter Hygiene und der Gefahr einer "menschenunwürdigen Behandlung".

Trotzdem würden Flüchtlinge nach Ungarn gebracht, sagt Dieter Müller vom Flüchtlingsdienst der Jesuiten. Andere Richter würden in dem Land schlicht einen sicheren Drittstaat und ein EU-Mitglied sehen. Müller kennt das Geschäft. Der Jesuitische Flüchtlingsdienst setzt sich seit 1980 für Flüchtlinge ein, Müller kämpft vor allem gegen die Abschiebehaft, er besucht die Gefangenen und vermittelt ihnen Anwälte.

Kirchenasyl untergrabe nicht den Rechtsstaat, sondern sei ein Notanker für humanitäre Härtefälle, sagt er. Mittlerweile geht er aktiv auf Gemeinden zu und regt an, Flüchtlingen Asyl zu gewähren. Die beiden Familien in Sendling hat er vermittelt.

Bei den Gemeinden stößt Müller dabei durchaus auf Skepsis. Im Kirchenvorstand der Himmelfahrtskirche sei kontrovers diskutiert worden, sagt Pfarrerin Andrea Borger. Ob man die Aufgabe überhaupt schultern könne, hätten manche gefragt. Andere waren skeptisch, ob Kirchenasyl wirklich legal sei. Doch am Ende erklärte sich der Vorstand einstimmig einverstanden.

Die Hilfsbereitschaft in den Sendlinger Gemeinden ist groß

Bei den Menschen in den beiden Sendlinger Gemeinden ist die Hilfsbereitschaft ohnehin groß: Viele brachten Möbel vorbei, schenkten den Flüchtlingen Fernsehgeräte, neue Kleidung oder Spielsachen für die Kinder. Ärzte hätten sich bereit erklärt, die Flüchtlinge kostenlos zu behandeln, sagt Stephan Theo Reichel, der die Unterstützung für Familie H. in der Himmelfahrtskirche koordiniert. Und zuletzt hätte ihm die Verkäuferin in einem Bioladen ungefragt eine große Tüte Obst für die Flüchtlinge überreicht.

Was den Gemeinden noch fehlt, ist Sicherheit. "Wir wollen eine Übereinkunft mit den Behörden, dass Kirchenasyle respektiert werden", sagt Pfarrerin Borger. Für sie wäre es das Beste, wenn das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge den Familien vorzeitig ein deutsches Asylverfahren ermöglichen würde. Bei Härtefällen sei das möglich, sagt sie.

Familie A. schöpft derweil Zuversicht. Das zweite Kind ist unterwegs, und die zweijährige Oraag hat Anschluss an die Nachbarskinder gefunden. Besucher begrüßt das Mädchen mit einem lauten "Hallo!" Sie könne schon mehrere deutsche Wörter, sagt Obaidulla A. stolz. Sollte das Asylverfahren am Ende erfolgreich sein, will er arbeiten, so rasch es geht. In Afghanistan habe er Biologie studiert, aber noch vor dem Abschluss fliehen müssen, sagt er. Wenn er irgendwann sein Studium wieder aufnehmen könne, dann sei er glücklich.

Said und Zarah H. haben ähnliche Pläne. Said H. will sein Leben nachholen, er will einen Beruf erlernen. Und das Paar will seine Tochter Massha zur Schule schicken. Das Mädchen solle einmal studieren und einen guten Beruf ergreifen, sagt Zarah H.: Ärztin etwa oder Ingenieurin. Es ist ihr Traum vom guten Leben.

© SZ vom 28.02.2014/amm/rus
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