Es ist recht frisch am Dienstag im Jagd- und Fischereimuseum an der Neuhauser Straße. Dass man an diesem Abend in einem ehemaligen Gotteshaus sitzt, wird einem auch sehr körperlich klar. Die Ursprünge der ehemaligen Kirche der Augustiner-Eremiten an diesem Ort reichen bis ins 13. Jahrhundert zurück. In ihrer wechselvollen Geschichte war sie selbst Mauthalle, heute empfängt sie eben als Ausstellungshaus Besucherinnen und Besucher. „Ein Paradebeispiel für eine Umwidmung“, sagt Mitveranstalter Hubertus Günther vom Ortskuratorium München der Deutschen Stiftung Denkmalschutz. Der Raum passt damit perfekt zum Thema des Abends.
Was tun mit sakralen Bauten, die als Gottesdiensträume erstens oft nicht mehr gebraucht werden und zweitens für viele Kirchen künftig unbezahlbar scheinen? Die Frage stellt sich in vielen christlichen Gemeinden spätestens, seit die Zahl ihrer Mitglieder und damit die Kirchensteuergelder rapide sinken, die Instandhaltung der immer spärlicher genutzten Gebäude aber weiterhin reichlich Geld verschlingt. Lösungsansätze wollen die Veranstalter am Dienstag bei einem Podiumsgespräch nicht nur von Kirchenvertretern hören, schließlich sei die Umwandlung der stadtbildprägenden Gebäude eine gesellschaftliche Aufgabe.
In ganz Deutschland wird die Zahl der Kirchengebäude auf 44 000 geschätzt, 24 000 katholische, 20 000 evangelische – der Großteil steht unter Denkmalschutz. Bis 2033 könnte jedes vierte bis fünfte Gotteshaus von einer Entweihung betroffen sein, der sogenannten Profanierung. Die „vorsichtig geschätzten“ Zahlen referiert eingangs Architekturhistorikerin Kaija Voss.
Durch die Umnutzung von Kirchen sehe er für die städtische Gesellschaft „enormes Potenzial“, die ja nach neuen Räumen suche, sagt auf dem Podium der evangelische Stadtdekan Bernhard Liess. Man könne damit weit in den Stadtraum hineinwirken, etwa durch Schaffung von Veranstaltungs- oder Konzerträumen.
Gleichzeitig müsse es für die Institution selbst aber auch die Möglichkeit geben, eine Kirche etwa aus den 1950er- oder 1960er-Jahren aufzugeben, wenn sie nicht mehr gebraucht werde, nicht unter Denkmalschutz stehe und „aus bautechnischer Sicht nicht mehr zu retten ist“. Dann müsse man auch mal einen Bau abreißen, um eine andere Nutzung zu finden.
„Sie reden ja wie die schlimmsten Investoren“, wendet neben ihm Stadtbaurätin Elisabeth Merk ein und holt weiter aus: Eine Kirche sei erstmal ein Gebäude, „da kann man drin wohnen, da kann man ganz viel drin machen, ich kann mir kaum eine Kirche vorstellen, wo man gar nix Vernünftiges damit machen kann.“
Sie habe schon viele Umwandlungs-Fälle der katholischen wie der evangelischen Kirche auf dem Tisch liegen, die ihre Liegenschaften veräußern wollten, sagt Merk. Die Institutionen wollten dort mitunter anderes Baurecht. Eine neue gute Nutzung für eine Kirche zu finden, die profaniert werden soll, sei nicht das Problem. „Eher, wie man rechtlich damit umgeht.“

Die städtischen Flächen, auf denen Kirchen stünden, auch viele, die nach den 1960er-Jahren gebaut wurden, seien gewidmet etwa als „Gemeinwohlbedarf Religion“. „Wenn die Kirchen an uns herantreten und sagen, wir wollen da ein Stück abzwacken und das veräußern, was ich nicht kritisiere, dann müssen wir den Gemeinwohlaspekt ausnehmen und eine normale Marktentwicklung zulassen, was in München eine enorme Bodenpreissteigerung bedeutet.“ Sie könne sich vorstellen zu sagen, „okay, da geben wir ein bisschen was von dem Gemeinwohl her, aber da müsst ihr Kirchen dann auch querfinanzieren, das, was vielleicht noch gut betrieben und erhalten werden kann.“
Diese Dinge müsste man in Kombination denken, etwa für Wohnungsbau für kirchliche Mitarbeitende. Liegenschaftspolitik von Kirchen müsse auch diesen Aspekten Rechnung tragen. „Dann können wir auch all den Steuerzahlern, die nicht mehr in der Kirche sind, vermitteln, dass es okay ist, wenn man Finanzierungsmodelle entwickelt, wo ein Teil der Freistaat, die Stadt oder andere Einrichtungen auch mitfinanzieren.“
Grundsätzlich, so Merk, müsse man als Stadt auch Trägerschaften unterstützen, Genossenschaftsmodelle seien für die eine oder andere Kirche im städtischen Kontext auch gut, überlegt die Stadtbaurätin laut.
Ganz so leicht wie die evangelischen Kollegen tue sich die katholische Kirche nicht mit den Mischnutzungen, wirft Walter Zahner ein, Leiter der Hauptabteilung Seelsorge der Diözese Regensburg. Wenn eine geweihte Kirche profaniert werde, sei kirchenrechtlich verankert, dass mit ihr „würdig“ umgegangen werden müsse. Diese Definition sei eine juristische Herausforderung. Gleichwohl wird zurzeit etwa für die katholische St. Mauritius-Kirche in Moosach über eine Profanierung nachgedacht.

Einig sind sich alle in der Runde, dass die Umgestaltung von kirchlichem Raum nicht allein Sache der Kirchen sein soll. Vielmehr müssten sich Politik, Denkmalschutz und Gesellschaft dazuschalten. Eine Diskussion sei dafür notwendig, sagt Mathias Pfeil, Generalkonservator des Bayerischen Landesamts für Denkmalpflege. Gleichzeitig warnt er vor zu viel Kreativität. Aufgabe seiner Behörde sei es in erster Linie, „Sachen zu erfassen, die geschützt werden sollen“.
Karin Berkemann, Kunsthistorikerin und evangelische Theologin, ist Mitinitiatorin des sogenannten Kirchenmanifests, bei dem Theologen, Kunsthistoriker und Denkmalpfleger deutschlandweit neue Nutzungsformen für sterbende Kirchengebäude fordern. Sie seien zu wichtig für öffentliche Räume, als dass nur eine kleine gesellschaftliche Gruppe über deren Zukunft entscheiden könne. Berkemann hat die Erfahrung gemacht, dass auch das Interesse außerkirchlicher Initiativen groß sei, an der Umwandlung mitzuwirken: „Es gibt ganz viele Menschen, die sich engagieren und sagen, warum lasst ihr uns nicht mitmachen?“

