Süddeutsche Zeitung

Kiosk-Kultur:In München gibt es keine Spätis? Nicht ganz

Die Münchner Kiosk-Kultur ist etwas für Experten. Man muss nur wissen, wohin, wenn man nach Ladenschluss akutes Bierkauf-Bedürfnis verspürt. Und sich trauen.

Zu den Merkwürdigkeiten Münchens gehört, dass man spät am Abend oft nur auf komplizierten Wegen noch an ein Bier kommt. Ausgerechnet in einer Stadt, die international so sehr mit Bier in Verbindung gebracht wird wie kaum eine andere. Zu den Konstanten Münchens gehört, dass es immer jemanden gibt, der darüber jammert.

Die Supermärkte haben zu, für einen Barbesuch ist es aber zu schön draußen, oder der Geldbeutel ist zu leer. Klar, jetzt muss ein Kiosk her. Wäre man in NRW oder in Frankfurt, gäbe es irgendwo ein Büdchen oder eine Trinkhalle, oder man wäre einfach gleich in Berlin, da gäbe es einen Späti, ach was, Hunderte, dort finden sich ja an jeder Ecke diese rund um die Uhr geöffneten Wunderländer voller Getränke, Zigaretten, Süßigkeiten, Tiefkühlpizza und Buttermilch. Man ist aber in München.

Hier gibt es stattdessen Menschen, die nicht müde werden, sich über die Provinzialität der Stadt zu unterhalten, und deren hartnäckigster Beleg für ebendiese ist die Nichtexistenz von Spätis. München und Kioske? Vergiss es.

Ganz unrecht haben sie ja nicht. Die Gefahr, über einen Späti zu stolpern, hält sich auf den Straßen Münchens in Grenzen. Allerdings muss man sagen, dass sich ein bisschen etwas getan hat in den vergangenen Jahren. Dazu kommt, dass der Münchner generell kein Depp ist, sprich: ziemlich kreativ darin, Späti-Ersatz zu finden. Es stimmt nicht, dass München so gar keine Kiosk-Kultur hat. Sie ist bloß etwas für Experten.

Wer schon lang genug in der Stadt wohnt und sich trotzdem jung genug fühlt, um außerhalb der Ladenöffnungszeiten ein akutes Bierkauf-Bedürfnis zu verspüren, kennt eben den Pizza-Lieferdienst, bei dem man noch vorbeischauen kann. Das Stüberl, das im Nebenraum in einen Getränkemarkt übergeht. Die nächstgelegene Tankstelle. Oder, wenn es hart auf hart kommt, den kürzesten Weg zum Bahnhof. Derart versorgt, lässt es sich dann auch bestens darüber nachdenken, was "Nichtexistenz" überhaupt bedeutet. Ist etwas wirklich nicht da, nur weil man es nicht auf Anhieb sieht?

Münchner Späti-Kultur, das ist etwas für Entdecker. Man muss nachfragen bei der Boazn an der Ecke, die oft einigermaßen günstig Flaschen zum Mitnehmen verkauft. Man muss sich vor allem hineinwagen in den neu eröffneten Call Shop im Viertel, wo ein freundlicher arabischstämmiger Herr zwischen eingelegten Weinblättern, Fertignudeln und Handykarten so ziemlich alles anbietet, sorgsam gestapelt, auch Bier, auch nach 20 Uhr. Denn darum geht es ja: die Öffnungszeit. Natürlich wäre die Definition eines Kiosks eine andere - am ehesten: dass der Kunde den Verkaufsraum nicht betritt, dass also direkt auf die Straße verkauft wird.

Und klar, es gibt auch die Zeitungskioske, Souvenir-Stände, Lotto-Paket-Laderl - da ist München nicht anders als andere Städte. Dringlich wird es aber dann, wenn es darum geht, nach Ladenschluss noch an ein Getränk zu kommen (es muss ja gar nicht immer Bier sein), oder an eine Kleinigkeit zu essen. Späti heißt in München öfter "bis 23 Uhr" als "24 Stunden geöffnet". Aber es tut sich etwas, selbst der Klassiker an der Reichenbachbrücke ist nicht mehr allein, es gibt - aufgemerkt!- auch an der Münchner Freiheit einen Rund-um-die-Uhr-Kiosk. Am Tierpark wurde ein Kiosk wiederbelebt. Und jetzt also zwei Neueröffnungen in der Maxvorstadt und am Deutschen Museum.

Man sollte meinen, der Bedarf gerade nach spät geöffneten Kiosken ist in München wegen des bayerischen Ladenschlussgesetzes besonders groß. Gleichzeitig macht das Gesetz aber auch alles komplizierter, viele Kioske gelten darum als Gaststätten. Passend dazu sind sie nicht nur Anlaufstellen für einen verkaterten Tag oder um etwas für den Feierabend zu holen und sich dann an die Isar zu setzen. Sondern auch Orte, an denen man sich aufhält. Kioske in München sind Kiosk und Bar, Kiosk und Café in einem, je nach Auslegung und Öffnungszeit. Das "Fräulein Grüneis" im Englischen Garten etwa oder das "Crönlein" am Nockherberg, beides umgebaute Toilettenhäuschen.

Die Wittelsbacherbrücke weist gleich zwei Kioske auf, vor denen sich unterschiedliches Publikum versammelt, so eine Dichte findet man wohl nirgendwo sonst in der Stadt. Dass der Bedarf nach mehr trotzdem da ist, zeigte sich vor zwei Jahren, als für Dreharbeiten ein Kulissen-Kiosk auf der anderen Flussseite aufgebaut wurde und permanent Leute fragten, was sie da denn nun kaufen könnten.

Kioske zeigen: Auch in München gibt es nicht nur Menschen mit viel Geld

Manch alteingesessener Münchner mag so etwas wie einen Späti nicht brauchen. Aber man kann halt auch immer nur das vermissen, was man kennt. Dass sich in der Kioskkultur etwas tut, hat darum wohl auch damit zu tun, dass viele Leute von anderswo nach München kommen. München steht mit den Neueröffnungen gegen den Trend. Denn die Kioske in Deutschland werden immer weniger, heißt es beim Handelsverband Deutschland. In den vergangenen zehn Jahren seien geschätzt 2000 verschwunden. Wenn die Zahl anderswo schrumpft und hier wächst - kommt dann die Zeit Münchens als Kiosk-Hauptstadt?

Soweit ist es nun auch wieder nicht, in München fällt vor allem auf, dass Neueröffnungen oft auf Kennerschaft und Exklusivität abheben. Da sind die Siebträgermaschine für den Kaffee im Kiosk in Thalkirchen oder die gestylten Hocker in dem neuen Kiosk am Deutschen Museum. Es darf gern etwas gehoben sein, wie so oft in dieser Stadt. Und damit bleibt es dabei, dass der Münchner Kiosk etwas für Experten ist.

Die Unfertigkeit lässt Münchens improvisierte Ersatz-Spätis strahlen

Umso wohltuender, dass es auch Anlaufstellen wie den weniger herausgeputzten Kiosk an der Wittelsbacherbrücke gibt, manche nennen ihn liebevoll Grattler-Kiosk. Freilich: So eine glänzende Schönheit durch Hässlichkeit wie in Berliner Spätis hat kaum ein Münchner Kiosk je erreicht. Aber die Spuren von Anarchie, die Kioske anderswo prägen, findet man in München auch - leiser, versteckter. Ob es nun das provisorisch zusammengebastelte Regal ist oder die unter der Hand verkauften Flaschen am Sonntagabend, es ist die Unfertigkeit, die Münchens improvisierte Ersatz-Kioske ähnlich strahlen lässt wie die Berliner Spätis.

Unterschätzen sollte man Kioske allein schon deshalb nicht, weil sie zeigen, dass es auch in München nicht nur Menschen mit viel Geld gibt. Im besten Fall treffen Studenten auf Boazngänger, Hemdträger trauen sich genauso her wie Freigeister. Gerade wegen dieser Mischung könnten Kioske für München in Zukunft noch wichtiger werden. Ein guter Kiosk passt sich eben den Bedürfnissen jener an, die ihn brauchen.

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SZ vom 29.08.2018/ebri
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