Manchmal kann man Erwartungen in Metern messen. Am Dienstagabend zum Beispiel bei der Premiere von „Das Kanu des Manitu“. Die Warteschlange der Gäste reicht weit raus aus dem Mathäser-Kino, es sind sicher 150 Meter, fast bis zum Münchner Bahnhofsplatz. Eine der beiden großen Fragen des Abends also, ob das Publikum sich wirklich nach einer Fortsetzung von „Der Schuh des Manitu“ sehnt, lässt sich hier schon ansatzweise beantworten. Und auf die zweite Frage, wie gut er denn jetzt ist, dieser mit so großen Erwartungen beladene Nachfolger des erfolgreichsten deutschen Films der vergangenen 25 Jahre, gibt es dreieinhalb Stunden später auch eine Antwort.
Lange, bevor Autor, Regisseur und Hauptdarsteller Michael „Bully“ Herbig am Hintereingang einer Limousine entsteigt, sich über den roten Teppich schiebt und Autogramme auf zuvor verteilte Hochglanzkarten schreibt, steht da schon Juliana. Die 28-Jährige bezeichnet sich selbst als „Bullys größten Fan“ und zeigt zum Beweis seine Original-Unterschrift auf dem Handy und dann auf ihrem Bauch: „Da ist sie tätowiert.“ Sie liebe diesen humorvollen, aber auch bodenständigen Filmemacher und Schauspieler einfach. Und ist damit nicht allein. Der Erfolg von Herbig-Filmen liegt immer auch daran, dass Herbig meistens selbst mitspielt. In diesem Fall wieder in seiner Doppelrolle als Häuptling Abahachi samt in Rosa herumhopsendem Zwillingsbruder Winnetouch.
Ein paar Meter weiter steht Andreas im Gedränge. Der 55-Jährige wartet geduldig, um gleich einen Blick auf die Darsteller werfen zu können. „Ich bin immer wieder begeistert von den vielen Ideen, die Bully hat“, sagt er, „und seiner wahnsinnigen Gag-Dichte.“ Das sind noch die eher verhaltenen Lobeshymnen an diesem Abend, an dem schnell klar wird, dass die Fans von vor 25 Jahren, also die 11,7 Millionen Menschen, die damals im Kino waren, auch mutmaßlich zu einem Erfolg der Fortsetzung beitragen werden. Das, was nun gleich beginnt, als um 18.12 Uhr Herbig und seine Darsteller-Kolleginnen und -Kollegen den roten Teppich betreten, ist eine eindrucksvolle Begeisterungsshow.


Während der Hauptstrom der 3000 Premierengäste direkt in die reservierten Kinosäle gelenkt wird, darf sich ein kleiner Teil vor Mikrofone und Kameras stellen, reden und schwitzen. Der Fernsehsender RTL überträgt live vom roten Teppich, selbstverständlich mit einem als Cowboy verkleideten Reporter und jeder Menge Fragen, die mit „Wie toll ...“ oder „Wie begeistert waren Sie, als ...“ beginnen.
Herbig erzählt die Entstehungsgeschichte der Fortsetzung in immer neue Mikrofone. Der Legende nach saßen Rick Kavanian, Christian Tramitz und er eigentlich wegen der Idee eines Weihnachtsfilms zusammen, als es hieß: Schade, dass wir nie eine Fortsetzung von „Der Schuh des Manitu“ gemacht haben. Und aus einer Blödelei sei dann irgendwann eine Idee und ein Drehbuch entstanden. „Wir saßen Monate lang zusammen und haben es niemandem erzählt“, sagt Bully, „die Geschichte wurde immer besser und lustiger – und irgendwann war der Spirit wieder da“. Ein paar Meter weiter steht Stefan Raab, der als einer der wenigen schon früh die Geschichte kannte, „weil ich ja fünf Songs dafür geschrieben habe und die Musik immer schon am Anfang des Films fertig sein muss“.
Herbig, dunkles Poloshirt und ordentliche Schnittraum-Bräune, hat nach einer halben Stunde zumindest schon alle Fotomotive und die ersten fünf Interview-Stationen geschafft. Da ist es längst unerträglich warm im Foyer des Kinos, was man ihm nicht ansieht. Könnte allerdings auch am mobilen Ventilator liegen, der ihm immer neu zu Füßen drapiert wird. Oder es ist eine kleine Reminiszenz an den vielen Wind, den er bei den Reit-Szenen immer im Gesicht hatte. Jessica Schwarz, die gleich die zunächst noch namenlos Böse-Buben-Bande anführen wird, glitzert in Rot über den Teppich, während Sky du Mont bedächtig von Fragestellerin zu Fragesteller schlendert und inmitten des dauerlobenden Gequassels etwa vom Reporter-Cowboy auch mal kurz innehält.
Du Mont ist auch der einzige Darsteller, der sich nicht verändert hat, er war ja schon beim ersten Teil ergraut. Wie oft der 78-Jährige am Set gelacht hat, fragt ihn eine Radio-Reporterin. Strenge Miene, tiefe Stimme: „Komödie ist ein ernstes Handwerk, glauben Sie es mir.“ Passend dazu erzählen Kavanian, der diesmal nicht nur als Wort-verdrehender Dimitri auftritt, sondern auch als sächselnder Deputy, und Tramitz, der wieder neben Abahachi im bewährt pfeilgenauen Timing bayerisch rumflucht, wie Herbig sie eine Szene 27 Mal drehen ließ - nur um sie später einfach ganz zu streichen.
Herbig ist hinreichend für seine hochfrequenten Gag-Feuerwerke bekannt, genauso aber auch für unnachgiebige Akribie bei Geschichte, Dreh und Schnitt. Ehe Sky du Mont gen Kino läuft, sagt er noch: „Die Komödie ist deutlich schwieriger als Dramatik, weil der Grad zwischen lustig und albern so unglaublich schmal ist.“ Das gilt besonders für Herbig-Filme und vielleicht ganz besonders für seine Western-Parodie. Da wird es den doch sichtlich nervösen Filmemacher erleichtern, dass es nach dem Filmstart exakt 31 Sekunden dauert, ehe das Publikum im Kino das erste Mal lacht. Auch wenn dieser Lacher streng genommen nicht gilt.

Denn es ist ein kurzer Rückblick auf eine Szene des ersten Teils. Womit aber auch gleich klar ist: Den kennen hier alle. Fünfzehn Sekunden später gibt es den ersten Jubel und noch einmal fünfzehn Sekunden später den zweiten Lacher. Läuft. Dann jodeln sich Tramitz und Herbig alias Ranger und Abahachi durchs Bergpanorama, Holzbretter knallen auf Köpfe, es wird getanzt und geschossen, geschwommen und geschwärmt, die Schnitzel- wird zur Verfolgungsjagd, alles immer gespickt mit Anspielungen. Gut oder böse, Bandit oder Held, sich schenkelklopferdämlich anzustellen, das hat hier niemand verlernt.
Man gleitet respektive reitet durch das Panorama, hier von einer Kugel und da von einer Pointe gestreift, und sieht den alten Leinwandhelden von vor 25 Jahren zu, wie sie es genau so machen wie damals. Das hat etwas Beruhigendes. Mag man umgeben von Krisen sein, Winnetouch findet noch immer eine Lösung und haut im Zweifel alle Knallköpfe aus der Patsche raus.
Wie schon beim ersten Teil schafft es die Geschichte, zwischen allen Blödeleien immer auch hinreichend spannend und an einer Stelle sogar emotional zu werden. Nach eineinhalb Stunden gibt es dafür auch einen langen Applaus. Das Publikum steht auf, als Herbig bei der Bühnenpräsentation berichtet, dass es Sky du Monts letzter Film gewesen ist. Und dann stehen sie da, umarmen sich, und Herbig sagt über Tramitz: „Christian heult, ich lach mich tot.“ Das fasst den Abend ganz gut zusammen.



