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Kino:Zeichen der Freundschaft

Nicolas Humbert und Simone Fürbringer

Kunst- und Lebenspartnerin: Viele von Nicolas Humberts jüngeren Arbeiten entstanden zusammen mit der Schweizer Filmemacherin Simone Fürbringer. Die beiden, hier 1993, sind auch privat ein Paar.

(Foto: Münchner Filmmuseum)

Das Filmmuseum widmet dem Regisseur Nicolas Humbert eine Online-Werkschau

Von Josef Grübl

Wenn Menschen sich vor der Kamera kennen und mögen, ist das der Beginn einer wunderbaren Freundschaft. Hinter der Kamera stehen dagegen Einzelkämpfer, andere Filmemacher werden oft als Konkurrenten wahrgenommen. Bei Nicolas Humbert ist das anders: "Nicolas Humbert & Friends" lautet der Titel einer soeben gestarteten Online-Werkschau. Bis Donnerstag, 11. März, kann man seine Filme sowie die seiner Freunde Werner Penzel, Martin Otter und Simone Fürbringer kostenfrei über die Website des Münchner Filmmuseums abrufen. Viele dieser Werke entstanden sogar in gemeinsamer Regie.

"Das Moment der Freundschaft ist zentral in den Filmen", sagt Humbert am Telefon, "sie spiegeln auch unsere Freundschaften wider". Die meisten seiner Freunde hat er während des Studiums an der HFF München kennengelernt, viele begleiten ihn bis heute. Andere haben nach ein paar Jahren andere Wege eingeschlagen, so etwa der Produzent und heutige Ufa-Chef Nico Hofmann, mit dem er und seine Freunde in den Achtzigerjahren eine Verleihkooperative betrieben. Auch die Verbindung zum Filmmuseum besteht seit Jahrzehnten: Enno Patalas habe ihn schon bei seinen ersten Filmen unterstützt, sagt Humbert, auch sein Archiv sei im Filmmuseum gelagert. Dann erzählt der Regisseur vom Jazz-Saxofonisten Yusef Lateef, über den Werner Penzel und er 2005 den Dokumentarfilm "Brother Yusef" machten, in der Werkschau ist dieser vom 1. bis 4. Februar zu sehen. Das sei eine sehr bereichernde Begegnung gewesen, sagt er, deshalb hätten sie den sehr viel älteren Lateef auch einmal jährlich in seiner amerikanischen Heimat besucht - bis zu dessen Tod im Jahr 2013.

Solche Verbindungen mit Musikern gibt es im Werk des 1958 in München geborenen Filmemachers mehrere, mit dem Avantgarde-Musiker Fred Frith etwa ist er seit Jahrzehnten befreundet. Frith steht auch im Mittelpunkt von Humberts und Penzels wohl bekanntestem Werk: "Step Across The Border" aus dem Jahr 1990 begleitet den Musiker auf seinen Reisen und Konzerten durch Japan, Italien, Frankreich, Deutschland oder Amerika. Der Film greift den improvisatorischen Charakter der Musik auf, kombiniert Klänge und Alltagsgeräusche und findet darin seinen eigenen Rhythmus. Er wurde zu vielen Festivals eingeladen, gewann Preise und lief weltweit in den Kinos - in der Online-Werkschau des Filmmuseums ist er noch bis Donnerstag, 21. Januar, zu sehen. Der gebürtige Brite Frith steuerte auch die Musik zu "Middle Of The Moment" bei, der im Jahr 1995 ebenfalls unter der Regie von Humbert und Penzel entstand. Darin begleiteten sie französische Zirkusartisten, Tuareg-Nomaden aus der Sahara und den amerikanischen Dichter Robert Lax, online abrufbar ist dieser Nomadenfilm vom 25. bis 28. Januar.

Es ist ein ausschweifendes Programm, das hier zusammengestellt wurde, alle paar Tage gibt es etwas Neues zu sehen. Neben artifiziellen Kurzfilmen finden sich Essays, Filmgedichte, Porträts oder die eigenwillige Kinodoku "Wild Plants", der älteste Film stammt aus dem Jahr 1974, der jüngste entstand 2020. "Wenn es ein Charakteristikum unserer Filme gibt", so Humbert, "dann ist es das totale Bewusstsein für den Moment". Daher habe sich seine Art zu filmen auch kaum geändert: Während andere die Kameras einfach mitlaufen lassen - was in Zeiten digitaler Aufnahmetechniken ja problemlos möglich ist - warte er stets ab. Fast so als ob er genau wisse, wann der richtige Zeitpunkt gekommen sei. Seine Herangehensweise bezeichnet er als "Wildwüchsigkeit und Formstrenge", denn selbst wenn die Filme keinem Narrativ folgen und seltsam schön vor sich hin mäandern, seien sie formell streng konzipiert. Bei "Step Across The Border" etwa habe sich die Postproduktion unglaublich lange hingezogen, der Schnittprozess war aufwendig, die Tonmischung ebenfalls. "Natürlich ist das Filmkunst, was wir machen", sagt er, der Markt für solche Filme sei recht übersichtlich. In den vergangenen Jahren entstanden viele seiner Arbeiten mit Simone Fürbringer, in diesem Fall geht der Freundschaftsgedanke aber noch ein bisschen weiter: Die gebürtige Schweizerin und der Münchner Filmemacher sind ein Paar.

© SZ vom 19.01.2021
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