Fillin Guas muss nur den Schaukasten, in dem früher Fotos für Filme warben, öffnen, schon werden die Leute angezogen wie Nachtfalter von Projektorlicht. „Wann macht das Kino wieder auf?“ So etwas fragen sie dann. Die Antwort des Künstlers ist erst mal nicht die von vielen Kinofreunden erhoffte. Das Kino am Sendlinger Tor macht zwar wieder auf, aber ganz anders, als viele Münchner ihr Lieblings-Lichtspielhaus in Erinnerung haben. Seit Ende Januar 2025 ist es nach 112 Jahren laufendem Betrieb, nach einem 15-jährigen Rechtsstreit zwischen der Kino-Betreiberfamilie und den Hauseigentümern und nach einer tränenreichen Abschlussvorstellung von Joseph Vilsmaiers Trümmerfilm „Rama Dama“ geschlossen.
Der Künstler Fillin Guas erzählt den Neugierigen dennoch stolz, dass er und einige Verbündete das Kino am Sendlinger Tor bald wieder allen Münchnern zugänglich machen werden. Nur eben nicht als normales Programm-Kino. Vielleicht sogar: inspirierender, aufregender. Auf jeden Fall: anders. Von der Leuchtschrift „FILMTHEATER SENDLINGER TOR“ werden dann nur noch vier Buchstaben leuchten: „D ING“, ergänzt um ein gemaltes „S“. Was soll das für ein „Dings“ sein?
Ideen für Zwischennutzungen in dem leer stehenden Saal gab es schon einige. So wollte hier etwa das Gärtnerplatztheater offene Proben abhalten. Aber den Zuschlag hat nun Matthias Schlick bekommen. Er ist ein Event-Profi, den viele noch mit seinem Partner Otger Holleschek für spektakuläre Events an „Lost Places“ wie dem Postpalast (heute Google) kennen. Die meisten Bekannten, die er in sein neues Kino-Projekt einweihte, waren schnell entfacht. Oliver Berben, Chef von Constantin Film, erzählte gleich, dass er in diesen schummrigen Sitzreihen seinen ersten Kuss bekommen habe. Fast jeder Münchner hat seine Erinnerung an dieses Kino. Das aber reichte nicht aus, mit einem einzigen Saal genug Geld zu erwirtschaften, um die geforderte Pachtsteigerung zu bezahlen.
Doch aus diesem nostalgischen Prickeln und dem prunkvollen Raum ließe sich sicher was zaubern. Dachte Schlick. Ganz so, wie er es sich zunächst vorstellte, zum Beispiel ohne die Bestuhlung, ließ ihn die untere Denkmalschutzbehörde dann erst einmal doch nicht gewähren. Er merkte schnell, das Sendlinger-Tor-Kino ist ein Politikum. Auch die Stadt will mitreden bei der zukünftigen Nutzung. Was endgültig kommen mag, ist nicht bekannt. Auch dem jetzigen Mieter Schlick nicht. Ihm ist nur wichtig zu sagen, dass das „Dings“ nicht schuld ist am Leerstand. „Wir sind nur froh, dass wir die Zwischennutzung machen dürfen. Zu allem anderen können wir nichts sagen.“

Umso zufriedener erscheint Schlick jetzt, da er kreative Partner gefunden hat, die ihn mit Ideen für das dreimonatige Event bombardieren. Mit dabei ist das Münchner Künstlerkollektiv broke.today um Fillin Guas. Das hat bereits mit vogelwilden Zwischennutzungs-Happenings wie dem „Happy End Hotel“ Furore gemacht. Dabei bespielten sie 85 Räume eines Abrisshauses im Bahnhofsviertel, durchbrachen und bemalten Wände, ließen Schauspieler auf die Gäste los. „Wir waren schon sehr schräg, sehr laut, sehr viel“, sagt Guas. Das „Dings“ wird braver, den historischen Saal dürfen sie nicht antasten. „Das ist der Moment, wo broke.today erwachsen wird“, sagt Guas. Sie wollen ihre anarchische Kultur weiterentwickeln, mit der Hochkultur verschränken, sind schon in Gesprächen mit angesehenen Theatern der Stadt, Ballett-Gruppen – noch darf aber nichts verraten werden.
Andere Namen sind bekannt: Freddy Lau zum Beispiel. Der Grimme- und zweimalige Deutsche-Fernsehpreis-Gewinner („Die Welle“, „Chantal im Märchenland“) hat zusammen mit Nico Solar Lozier den Independent-Streaming-Dienst „Behind the Tree“ gegründet. Mit dem sind sie als dritter Partner beim „Dings“ dabei. Sie wollen etwa kuratierte Filmabende hier veranstalten, Schauspieler zu Gesprächen herbringen, schon fiel der Name Daniel Brühl ... Es könnte Arthouse-Kino mit Kulinarik geben. Man will Ideen entwickeln, wie man in Homestreaming-Zeiten immer mehr verwaiste Kinos am kulturellen Leben hält.
Sie haben sich Beispiele in aller Welt angeschaut, fanden etwa das Lucerna in Prag, das als Disco brummt. Auch das Münchner „Filmcasino“ dient längst als Club und Bistro, der Türkendolch als Café, wie momentan auch der Stachus-Eingang des Sendlinger-Tor-Kinos. Aber es geht noch trauriger: Tivoli und Eldorado sind Geschäftsräume, Atlantis und Gabriel abgerissen. Beim Experiment am Sendlinger Tor geht es auch darum, welche Ideen die historischen Kinos retten können.


So lässt es sich Freddy Lau nicht nehmen, beim „Grand Opening“ am 17. und 18. Januar selbst mitzumischen. Auf der Bühne will er etwas übers Kino zu erzählen, gefolgt von einem Live-Podcast, der Comedy-Show eines Secret Acts (man hört Namen wie Simon Pearce), einer immersiven Lichtshow; die Artisten und Tänzerinnen vom Zirkus-Lab (die zuletzt in der Pasinger Fabrik begeisterten) sind dabei. Am zweiten Tag soll die Schriftstellerin Kat Eryn Rubik aus ihrem Buch-Hit „Furye“ lesen, der Musiker Osono spielt hippen Soul, ein weiterer „Secret Act“ podcastet ...

Film spielt immer eine Rolle, aber das ist mehr als Kino. Es ist ein „Erlebnisraum“. Fillin Guas versteht das im Sinne von Carl Gabriel. Der habe den Filmprojektor hier 1913 von den Jahrmärkten in dem Haus vor dem Münchner Stadttor installiert – ein Wagnis. Zur Eröffnung sagte der Kino-Pionier: „Beseelt vom langjährigen Streben, der neuen Kunst, wie ihr gebührt, wart dieser Prachtbau ausgeführt.“ Gabriel habe „da etwas vorgelegt“, sagt Guas: „Daran wollen wir anknüpfen. Aber neue Kunst geht noch weiter für uns“.
Er denkt etwa an die oft unterbelichtete Videokunst. Eine erste Demo für die Medien aus drei Beamern plus dem Kino-Projektor war beeindruckend: schwärmende Punkte und Schleier wie ein Korallenriff auf allen Wänden, Blitze – er will die „Illusion der Leinwand auflösen“, die Blicke in den Raum lenken, die Gäste zum Flanieren bringen. In allen Ecken sollen sie Kunst entdecken: Im Foyer hat Torsten Mühlbach, bekannt für seine Disco-Skulpturen auf Tollwood, einen verspiegelten Grabstein aufgestellt: „Oh Fuck, the Party is over“ hat er sich auf den selbst zum fünfzigsten Geburtstag geschrieben. Aber die Party geht erst los: Vorbei an Bildern etwa von Carlos Alvares schreitet man die weite Treppe hinauf zu den Logen, dort liegen in einer Ecke übergroße, realistische Streichhölzer. „Wir wollen die Flamme weitertragen“, sagt deren Schöpfer, der Künstler Daniele Claudio Faggiotto vom broke.today-Kollektiv.

„Wir bringen auch wieder unsere Laienschauspieler mit“, sagt Fillin Guas. Die Performer werden dann in schrägen Rollen, etwa vom Kassenhäuschen aus, die Gäste anquatschen. Es soll interaktiv werden, konfrontativ ein bisschen – „schick und rough“ sollen sich in dem Gesellschaftsraum begegnen. Im Prinzip sind sie offen für alles, sagt Matthias Schlick, der freilich auch an Firmen, die hier ihren neuen Werbetrailer vorführen wollen, vermieten würde. Irgendwie müssen die Kosten für den kuschelig beheizten Saal wieder hereinkommen.
Die Ersten, die sich schon eingemietet haben, sind BAP. Als das bekannt wurde, sagte der Name bezeichnenderweise der Hälfte im achtköpfigen Orga-Team nichts. Zu jung. Schlick freilich war begeistert: Die nun 50 Jahre alte Band von Wolfgang Niedecken, die im Dezember 2026 noch groß in der Olympiahalle aufspielen wird, gibt bereits am 6. Februar ein kuscheliges Kölsch-Rock-Konzert im Kino.
Dafür bringen die Jungen die Leute aus ihrer Bubble mit: DJs wie den Münchner Chelo; oder Extrabright, ein Kollektiv für digitale Kunst im Raum. Man will sich gegenseitig „den Horizont erweitern“, zusammenkommen in diesem erstaunlich ruhigen Ort mitten im lärmenden Stadtzentrum. Und man will hinausstrahlen: Dort wo die riesigen handgemalten Filmplakate hingen, soll Streetart (zunächst von Paperboi) auf den Bildboards vom neuen Leben im alten Kino zeugen. In den Schaukästen stellt Fillin Guas jetzt schon broke-today-Kunst aus, auch ein paar seiner von Graffiti beeinflussten Schwarzweiß-Werke.
Drei Monate lang soll das Experiment dauern. Erst einmal. Schlick und Guas denken schon weiter, hoffen auf eine Verlängerung. Gut Dings will Weile haben.

