Frederick Lau war mal Berliner Judomeister, aber auch als Filmschauspieler hat er alles im Griff: Der Grimmepreisträger bringt eine handfeste Herzlichkeit in seine Charakter-Rollen, dafür wurde er mit dem Grimme-Preis und zwei Deutschen Fernsehpreisen (für „Die Welle“ und „Viktoria“) ausgezeichnet. Der 36-Jährige stemmt aber längst noch viel mehr: Zusammen mit Nicolas Solar Lozier hat er den Independent-Streaming-Dienst „Behind The Tree“ aufgebaut, auf dem Kollegen wie Jessica Schwarz oder Kida Ramadan (mit dem er einen Roman geschrieben hat) Arthouse-Filme kuratieren. In Berlin haben sie als Stammhaus das Forest Cinema aufgemacht, in dessen Vorführraum 20 Cineasten auf Kissen liegend „besondere“ Filme sehen. Um einiges größer ist die Aufgabe, die Lau und Lozier nun in München stemmen: Zusammen mit dem Künstlerkollektiv „Broke.Today“ und dem Event-Profi Matthias Schlick wollen sie das seit einem Jahr geschlossene Filmtheater am Sendlinger Tor mit seinen 300 Plätzen als Zwischennutzung wiederbeleben. Am Samstag und Sonntag, 17. und 18. Januar, reist er zum großen Eröffnungswochenende von „Das neue Dings“ an. Er wisse vor lauter Projekten gar nicht, wo ihm der Kopf steht, sagt er. Also: Warum lädt er sich auch noch ein Kino auf?
SZ: Es heißt, Internet-Filmportale sind der Sargnagel für die Programmkinos. Nun besitzen Sie selbst einen Streaming-Dienst. Betreiben Sie das Kultur-Intermezzo im Sendlinger-Tor-Kino also auch aus einem schlechten Gewissen heraus?
Frederick Lau: Nein, sicher nicht. Wir haben das Streaming-Portal „Behind The Tree“ gegründet, um gute, anspruchsvolle Filme für jeden zugänglich zu machen. Wir denken dabei eher an Orte, wo es gar keine Programmkinos gibt. Und wir sind auch große Festival-Liebhaber. Da habe ich gemerkt, dass viele Filme von mir zwar auf Festivals gelaufen sind, aber die haben nie einen Verleih gefunden. Das ist uns ganz, ganz wichtig: dass gute Filme nicht in der Versenkung verschwinden.

Kulturelle Zwischennutzung „Dings“:Was im Sendlinger-Tor-Kino geplant ist
112 Jahre lang war es eines der beliebtesten Kinos der Münchner, seit einem Jahr steht es leer. Ein anarchisches Künstlerkollektiv, ein Event-Profi und ein Streaming-Dienst füllen das Filmtheater als „Dings“ nun wieder mit Leben.
Wie wichtig ist bei dieser Mission ein betretbarer Ort, wo man die Filme sehen kann?
Sehr wichtig, wir wollen die Leute wieder näher an echte Kinos heranbringen. Aber wir wollen nicht einfach einen Film-Vorführraum aufmachen, sondern den Menschen die Freude an dem Ort Kino wiederbringen. Wir zeigen mit unserem extravaganten Kino: Kino muss mehr sein als Hinsetzen und Popcorn. Kino muss ein Erlebnis sein.
Gerade viele alte Lichtspielhäuser mit nur einem einzigen Saal haben Schwierigkeiten. Die Betreiberfamilie des Sendlinger-Tor-Kinos gab auf, weil sie die erhöhte Pacht nicht mehr erwirtschaften konnte. Was wäre Ihre Lösung?
Ich glaube, ganz ehrlich, was wir gerade vorhaben, ist eine Lösung. Das Kino wieder zu einem Ort zu machen, an dem man große Gefühle empfindet. Es soll eben nicht nur so sein: Lass uns mal kurz ins Kino gehen. Das ist tatsächlich durch die Streaming-Dienste, durch die technische Qualität, die man heute auch im Wohnzimmer bekommen kann, sehr schwierig geworden. Aber gefragt ist das Miteinander: Die Leute wollen nach der Pandemie wieder unter Menschen kommen, Zeit miteinander verbringen.


Womit wollen Sie die Leute von den Sofas locken?
Zum einen denken wir uns ein Programm aus mit Filmen, die unter die Haut gehen, die man noch in einem halben Jahr im Kopf und im Körper spürt. Zum anderen gestalten wir wunderschöne Abende drumherum. Wenn wir Filme zeigen, tun wir das in einem Kontext. Wir machen Ausstellungen, es finden Events statt, Lesungen, Konzerte, Live-Podcasts. Alles mit der Richtung: Film, Kunst. Wir bringen die Leute zusammen, regen den Diskurs an.
Können Sie ein Beispiel nennen?
Wir werden Ende Januar eine Event-Reihe starten, die heißt „Oysters and Movies“. Das hört sich jetzt etwas dekadent an. Aber niemand wird da zu Austern und Champagner gezwungen, es geht mehr ums Zelebrieren der französischen Filmkultur.
Sie sind ständig am Drehen, sind in Ihren Streaming-Dienst involviert – da sagt Ihr Partner, Sie können jetzt auch noch ein Kino in München betreiben. Vorfreude oder Kopfweh?
Große Vorfreude. Ich war immer ein Freund des traditionellen Kinos. Dann habe ich gehört, dass wir die Möglichkeit haben, dieses Traditionskino am Sendlinger Tor zu beleben – da rennt man bei mir offene Türen ein. Ich bin Antiquitätenhändler-Kind. Bei uns in der Familie ging es immer darum, Sachen zu erhalten und nicht in Vergessenheit geraten zu lassen.

Kannten Sie da oben in Berlin das Münchner Kino überhaupt?
Das Kino am Sendlinger Tor ist mit zwei, drei Kinos deutschlandweit bekannt, wie in Berlin das Kino International und das Delphi. Man kennt das. Ich war öfter schon da. Immer wenn ich es von draußen gesehen habe, fand ich es wunderschön und habe mich schon darauf gefreut, da reinzugehen.
Haben Sie sich selber auf einem der handgemalten Plakate auf der Fassade gesehen?
Ich weiß noch ganz genau, wie megastolz ich war, gemalt worden zu sein. Auch wenn ich nicht so gut getroffen war, aber ich bin da hingepilgert und habe ein Foto davon gemacht. Das war allerdings nicht in München. Ich hoffe aber, dass ich da auch mal hing. Das ist für jeden Filmemacher eine Auszeichnung. Dass das Dings-Projekt auch die tolle Fassade mit Kunst bespielen will, finde ich stark.
Haben Sie sich mit der Geschichte des Münchner Kino-Pioniers Karl Gabriel befasst, der von den Jahrmärkten kam, aber dieser neuen Kunstform schöne Paläste bauen wollte?
Ich habe mich eingelesen. Und so sind wir ja auch ein bisschen: Wir sind auch so ein Jahrmarktbetrieb. Wir haben damit angefangen, Kino an verschiedene, unerwartete Orte zu bringen. Und dann haben wir uns auch entschieden, wir möchten ein festes Haus, so haben wir unser erstes Kino in Berlin im Hotel Michelberger aufgemacht. Deswegen finde ich auch so toll, wenn man nun in das Dings am Sendlinger Tor geht, dass das nicht nur Kino ist, sondern Erlebnis. Ein Ort, wo sich Künstler treffen.
Am Eröffnungswochenende stehen Sie selbst mit dem Live-Podcast „Behind The Tresen“ auf dem Programm. Welche Theken-Geheimnisse werden Sie ausplaudern?
Das überlasse ich meinem Partner Nicolas Solar Lozier, der den Podcast macht und mir Fragen stellt. Wir kennen uns seit 20 Jahren, machen „Behind The Tree“ zusammen, aber wir sind dem bisher immer aus dem Weg gegangen, dass wir öffentlich über meine Arbeit reden. Muss auch nicht sein. Ich bin ein Freund davon, das einfach so stehenzulassen, was ich mache. Ich mag es nicht, diese Magie zu nehmen, wenn man fragt: Was hast du dir dabei gedacht?

Sie stehen, seit Sie zehn Jahre alt waren, vor der Kamera. Auf Theaterbühnen haben Sie sich nie vors Publikum gewagt.
Nee, habe ich mich noch nicht. Aber letztens habe ich drüber nachgedacht, was ich mir noch vornehme. Und einmal möchte ich an einem Theater auf der Bühne stehen. Und das muss gut werden und dann reicht das. Als ich mal ein Hörbuch gesprochen habe, habe ich auch gesagt: Ich mache das ein einziges Mal.
Dafür hätten Sie jetzt in München eine eigene feine Bühne, auf der Sie machen können, was Sie wollen.
Da werde ich mal drüber nachdenken. Danke für den Hinweis. Meine erste Theatersache soll auf jeden Fall keine schnelle Bauchentscheidung werden, sondern etwas, das für immer stehen kann.
Wollen Sie auch Kollegen nach München holen? Sie haben im Filmdienst Kuratoren wie Daniel Brühl.
Auf jeden Fall. Wir wollen mit Alexandra Maria Lara und Sam Riley, ihrem Mann, im März einen tollen Schwarz-Weiß-Film zeigen, den die beiden 2025 in England gedreht haben. Der heißt „Bulk“. Der hat keinen Verleih in Deutschland. Alexandra kam auf uns zu und sagte: Wir haben diesen Film, können wir daraus nicht einen Abend machen? Da werden wir auch Kulinarik einfließen lassen. In der Reihe „Dinner, Drinks and Movies“ wollen wir gute Filme zeigen, aber auch bei gutem Essen über die Filme diskutieren.

Filmfest München und Dok-Fest suchen immer spannende Vorführräume. Haben Sie schon Kontakt, oder ist das zu kurzfristig?
Doch, wir haben uns mit den beiden Leitern vom Filmfest München getroffenen. Die sind Feuer und Flamme, dass wir Abende zusammen machen. Wie auch mit der Deutschen Filmakademie, mit dem Deutschen Filmpreis und dem First Steps Award, entweder in Bezug auf den Nachwuchs oder auf preisgekrönte Filme.
Wird ein Film mit Ihnen zu sehen sein?
Müssen wir noch drüber reden, welchen. Aber ich denke schon. Auf „Behind The Tree“ haben wir nicht mal einen Film mit mir, wir lassen mich da außen vor. Selbstdarstellung muss nicht sein.

