Jammern gehört zum Geschäft, vor allem in der Filmbranche. Sowohl in Bayern als auch in Berlin wird regelmäßig darüber geklagt, dass man andernorts nicht wirklich wahrgenommen werde. Was vielleicht verschmerzbar wäre, würde in der Hauptstadt nicht die Berlinale stattfinden. Deutschlands größtes Filmfestival lässt sich auch in Bayern kaum ignorieren, trotz des berüchtigten Berliner Wetters im Februar. Die Internationalen Filmfestspiele Berlin sind ein sogenanntes A-Festival und spielen in einer Liga mit Venedig oder Cannes, am 12. Februar wird die 76. Berlinale eröffnet.
Wer dort in der wichtigsten Sektion, dem Wettbewerb, läuft, darf sich über ein filmkunstaffines Publikum, internationale Aufmerksamkeit und Verkäufe freuen. Wenn es ganz gut läuft, wird man am Ende sogar mit Goldenen oder Silbernen Bären ausgezeichnet, dann steht man quasi auf einer Stufe mit den Giganten des Weltkinos. Regiestars wie Terrence Malick, Asghar Farhadi, Ildikó Enyedi oder Paul Thomas Anderson haben schon Goldene Bären gewonnen. Die Konkurrenz ist riesig, die diesjährigen Wettbewerbstitel stehen natürlich längst fest.
Zum Jammern gibt es aber keinen Grund, zumindest aus bayerischer Sicht: Gleich zwei Filme aus München erhielten eine Einladung in den Wettbewerb. Hinzu kommt ein dritter, österreichischer Film mit Koproduzenten aus Bayern. Letzterer ist auch einer der meist erwarteten Berlinale-Titel, mit einem deutschen Weltstar in der Hauptrolle: Sandra Hüller ist „Rose“ im gleichnamigen Spielfilm über eine Frau, die sich im 17. Jahrhundert als Mann ausgibt. Als „wahrhaftige Beschreibung einer Land-und-Leute-Betrügerin“ wird der Film des Österreichers Markus Schleinzer angekündigt, koproduziert hat ihn die Münchner Firma „Walker + Worm Film“. Deren Gründer und Geschäftsführer Tobias Walker und Philipp Worm wurden schon öfter zur Berlinale eingeladen, dieses Jahr sogar mit zwei Filmen. Dazu aber später mehr.
Ebenfalls aus München reist Ingo Fliess an. Der Produzent hat schon mehrere Spielfilme mit Regisseur İlker Çatak realisiert, unter anderem den Oscar-nominierten Kinohit „Das Lehrerzimmer“. Mit „Gelbe Briefe“ wurden die beiden erstmals in den Berlinale-Wettbewerb eingeladen. In dem Film geht es um ein türkisches Künstlerehepaar mit gemeinsamer Tochter, das nach einer Theater-Premiere ins Visier des Staates gerät. Sie verlieren Arbeit und Wohnung, ziehen nach Istanbul und fragen sich, ob sie als Familie noch eine Zukunft haben. Der Film erzählt von Willkür, Repression und autoritären Systemen und ist damit hochpolitisch. In die deutschen Kinos kommt „Gelbe Briefe“ bereits Anfang März.

„Etwas ganz Besonderes“ verspricht die Absolventin der Hochschule für Fernsehen und Film München (HFF), Eva Trobisch. Mit ihrem dritten Spielfilm (nach „Alles ist gut“ und „Ivo“) hat sie es ebenfalls zum ersten Mal in den Wettbewerb der Berlinale geschafft. Sie erzählt von der Teilnehmerin einer Gesangs-Castingshow und der an sie gestellten Frage: „Wer bist du und was macht dich aus?“ Das hat Folgen, nicht nur für die junge Frau, sondern auch für ihre Eltern und Großeltern. Produziert wurde diese Familienaufstellung der besonderen Art von Trini Götze und David Armati Lechner und ihrer Münchner Firma Trimafilm. Auch sie treten in Berlin mit zwei Produktionen an, auch dazu später mehr.

22 Filme wurden in den Wettbewerb der diesjährigen Berlinale eingeladen, insgesamt stehen 277 Filme aus 80 Ländern auf dem Spielplan. Sie wurden in Programmreihen wie „Panorama“, „Forum“ oder „Generation“ aufgeteilt. Die meisten dieser Filme sind Weltpremieren, einige waren schon woanders zu sehen. Das deutsch-amerikanische Drama „The Weight“ mit Ethan Hawke und Russell Crowe etwa wurde bereits Ende Januar beim Sundance Film Festival gezeigt, die Berlinale präsentiert den Film in einer „Special Gala“ als Europapremiere. Erzählt wird eine Goldschmuggler-Geschichte aus den 1930er-Jahren im US-Bundesstaat Oregon, gedreht wurde aber vollständig in Bayern. Der FFF Bayern förderte den Film, als Koproduzentin war unter anderem Veronica Ferres beteiligt.
Die Münchnerin Anna Roller wird ihren zweiten Kinofilm (nach „Dead Girls Dancing“) im Panorama der Berlinale vorstellen: „Allegro Pastell“ ist die Verfilmung des gleichnamigen Romans von Leif Randt, darin geht es um eine scheinbar perfekte, aber letztlich scheiternde Fernbeziehung. Das Buch wurde in dieser Zeitung als „unmittelbar zeitgenössisches und gleichzeitig in sich absolut stimmiges Dokument einer ästhetischen Zeitenwende“ gelobt, für die Verfilmung standen Schauspielgrößen wie Jannis Niewöhner, Sylvaine Faligant, Luna Wedler und Martina Gedeck vor der Kamera. Produziert wurde „Allegro Pastell“ von Tobias Walker und Philipp Worm, die neben „Rose“ also mit einem zweiten Film vertreten sind.

Die beiden Produzenten lernten sich während ihres Studiums in München an der HFF kennen. In weiteren Berlinale-Sektionen sind noch mehr Filme von HFF-Absolventen zu sehen: Kilian Armando Friedrich etwa erzählt in „Ich verstehe Ihren Unmut“ von einer Objektleiterin bei einer von Personalmangel betroffenen Reinigungsfirma, die von allen Seiten unter Druck gesetzt wird. Die HFF-Absolventin Yulia Lokshina präsentiert ihren Dokumentarfilm „Im Umkreis des Paradieses“, der von Isabelle Bertolone, Trini Götze und David Armati Lechner (Trimafilm) produziert wurde. In deren zweitem Berlinale-Film geht es in eine der ärmsten Gegenden Paraguays, zu glückssuchenden paraguayischen Studierenden und europäischen Aussteigern, die Freiheit, Heilung und die Rettung vor dem Weltuntergang suchen.
„Ich sage mir immer wieder, dass ich nicht sterben werde.“ Die deutsch-brasilianische Filmemacherin Daniela Magnani Hüller hat einen versuchten Femizid überlebt, 14 Jahre später kehrt sie zu den prägenden Momenten und Menschen von damals zurück. „Was an Empfindsamkeit bleibt“ ist ihr HFF-Abschlussfilm; die gebürtige Münchnerin geht darin auf Spurensuche, legt Erinnerungen frei und wechselt mehrfach die Perspektive. Denn auch wenn die Berlinale ein großes Festival ist, sind auch kleine und persönliche Filme wie dieser hier sehr willkommen.

