„Kinky Boots“ am Deutschen TheaterEin Musical über Männer auf hohen Hacken

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Die Rettung naht auf hohen Schuhen: Kann Charlie Price (Dan Partridge) die Firma seines Vaters mit der Produktion von High Heels für Männer retten?
Die Rettung naht auf hohen Schuhen: Kann Charlie Price (Dan Partridge) die Firma seines Vaters mit der Produktion von High Heels für Männer retten? (Foto: Pamela Raith/Deutsches Theater)

Vom Londoner West End kommt die Originalproduktion von „Kinky Boots“ erstmals nach München – ein Musical, das leichtfüßig daherkommt, und doch schwer wiegt. Mit Humor, Glitzer und Musik von Cindy Lauper plädiert es für die Freiheit, man selbst zu sein.

Kritik von Constanze Baumann

„Du weißt, was das allerschönste Ding auf der Welt ist? Ein Schuh!“ So hallt es, auf Englisch, durch den Raum zu Beginn des vielprämierten Musicals „Kinky Boots“. In dem dreht sich alles um ein auf den ersten Blick banal erscheinendes Thema: Schuhe.

Eine alte Schuhfabrik in der englischen Provinz. Das monotone Rattern der Nähmaschinen. Das Leben scheint festgezurrt zwischen Leder, Leim und Pflichterfüllung. Charlie Price (Dan Partridge) erbt die Firma seines verstorbenen Vaters, er soll in dessen Fußstapfen treten. Doch die traditionsreiche Fabrik steht kurz vor dem Bankrott. Eine Marktnische muss her, um das Unternehmen zu retten. Vielleicht Sandalen, denkt er. Oder Wanderschuhe. Am liebsten würde Charlie aber selbst neue Wege gehen – hinaus aus dem engen Northampton, hinein ins Leben in London, zusammen mit seiner Verlobten Nicola (Joanna O’Hare).

Dann die alles verändernde Begegnung: Der Schuhfabrikant vom Land in Jeans und Sweater trifft auf Lola (Tosh Wanogho-Maud), eine Dragqueen in schillernden Kostümen, selbstbewusst, schlagfertig und elektrisierend. Sie bringt ihn auf die zündende Idee: High Heels für Dragqueens, die das Gewicht von Männern tragen können. Denn die Absätze der Damen-Stöckelschuhe brechen immer wieder. „You have to start manufacturing sex“, sagt Lola: unwiderstehlichen, röhrenförmigen Sex.

Was folgt, ist die Suche nach dem perfekten Schuh und zugleich nach dem eigenen Platz im Leben. Denn eigentlich geht es in „Kinky Boots“ nicht um Mode, sondern um Identität, Selbstannahme und Mut. Zwei Welten prallen aufeinander: die Provinz, die in starren Geschlechterrollen verharrt, und das glitzernde London, in dem die Grenzen fließender sind. Diese Gegensätze werden auf der Bühne ganz wortwörtlich in einem Boxkampf ausgetragen.

Doch je weiter das Stück voranschreitet, desto deutlicher wird: „We’re the same.“ Beide, Charlie und Lola, sind auf der Suche nach sich selbst und tragen die Erwartungen ihrer Väter wie ein unsichtbares Joch. Während der berührenden Ballade „Not My Father’s Son“ umarmen sie sich – ein stiller, zutiefst bewegender Moment inmitten dieses sonst so lauten und bunten Musicals. Die Figuren akzeptieren sich für das, was sie sind. Selbst Don (Billy Roberts), der toxisch-maskuline und raubeinige Fabrikarbeiter, wird schließlich bekehrt.

Erhebendes Gefühl: Am Ende tragen alle Darsteller High Heels.
Erhebendes Gefühl: Am Ende tragen alle Darsteller High Heels. (Foto: Pamela Raith/Deutsches Theater)

Wenn am Schluss das Publikum begeistert aufspringt, dann ist das nicht nur Jubel über eine mehr als gelungene Show. Es ist auch ein Zeichen von Sehnsucht, nach einer Welt, in der niemand sich kleiner machen muss, um hineinzupassen.

Getragen von der mitreißenden Musik von Pop-Ikone Cyndi Lauper und den starken Performances des britischen Ensembles gelingt „Kinky Boots“ das Kunststück, ernste Themen mit Leichtigkeit und Witz zu verbinden. Eine sensationell-grandiose Inszenierung, die glitzert und glänzt, ohne ihre Botschaft zu verlieren. Vielleicht ist das das Schönste an diesem Abend: dass er zum Lachen, Klatschen und Tanzen anregt – und doch noch lange nachklackert.

Kinky Boots, Deutsches Theater München, Schwanthalerstraße 13, nächste Termine: 4. bis 9. November; Tickets und Informationen unter www.deutsches-theater.de

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