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Kindertagesstätte:Vom Biergarten zum Spielgarten

Auf dem Areal des ehemaligen "Forstwirts" in Obergiesing hat die Stadt eine Kindertagesstätte bauen lassen, die mit ihrer asymmetrischen Front und ungewöhnlichen Fensterformaten Aufmerksamkeit erregt

Von Hubert Grundner, Obergiesing

"Der Garten ist halt eine Sensation. Wo gibt's denn das noch?", schwärmt Manfred Stieglmeier. Der Architekt steht im zweiten Stock des von ihm entworfenen Hauses für Kinder an der Holtzendorffstraße vor einem Panoramafenster und präsentiert seinem Besucher den Ausblick auf den rückwärtigen Teil des Grundstücks: Zwischen mächtigen Kastanien liegt ein Spielplatz mit großer Sandgrube, Kletterturm und Röhren. Vögel zwitschern, bei Sonnenschein flirrt die Luft grün-golden. Früher war das der Biergarten des "Forstwirts", besonders beliebt bei Ausflüglern, die nach einer Radtour durch den Perlacher Forst hier Brotzeit machten. Nachdem die Wirtschaft baufällig geworden war - und längst abgerissen ist -, entschloss sich die Stadt als Eigentümerin der Immobilie, stattdessen eine Kindertagesstätte zu errichten. Den Planungsauftrag erhielt Stieglmeier 2014, für den gleich feststand: So wie früher der Biergarten für die Gäste des Lokals ein Ort der Lebensfreude war, sollte er es nun für die Kinder werden. Und das scheint dem Architekten, der an der Unteren Grasstraße sein Büro hat, gelungen zu sein.

Das Haus für Kinder mit Holtzendorffstrasse in Obergiesing.

(Foto: Stephan Rumpf)

Was keine Selbstverständlichkeit war angesichts des knappen Bauraums einerseits und des umfangreichen Raumprogramms der Kita andererseits. "Das Grundstück war eine absolute Herausforderung", sagt Stieglmeier deshalb im Rückblick. Als Lösung entschied er sich für ein Haus mit Satteldach, dessen Giebelseite nun zur Holtzendorffstraße hin zeigt. Der erste Eindruck, wenn man sich dem Gebäude nähert: Mit seiner asymmetrischen Front und den ungewöhnlichen Fensterformaten zeigt das Gebäude individuellen Charakter. Zugleich fügt es sich problemlos zwischen den meist in den 1930er bis 1960er Jahren erbauten Ein- und Mehrfamilienhäusern ein.

Architekt Manfred Stieglmeier wollte, dass sein Haus für Kinder wieder ein Ort der Lebensfreude wird, so wie er es wohl schon war, als dort noch ein Biergarten lockte.

(Foto: Stephan Rumpf)

Ein Blickfang bleibt es gleichwohl, denn Stieglmeier bemühte sich, die traditionelle Bauform von giebelständigen Häusern zeitgemäß zu interpretieren. Und so entschied er sich, nicht nur das Dach, sondern auch die beiden traufseitigen Hausfassaden mit Aluminium-Rauten zu verkleiden. Der erhoffte Effekt, der sich beim Betrachter auch tatsächlich einstellt: Diese harte, schützende Hülle des Gebäudes birgt die weichen, in Holz verschalten Giebelseiten - und damit auch die 62 Kinder, die hier untergebracht sind.

Schwer zu sagen, wo es schöner ist: drinnen oder draußen?

(Foto: Matthias Kestel)

Bei der Gebäudeform handelt es sich um einen streng rechteckigen Grundriss mit zweigeschossiger Bauweise und Satteldach mit ausgebautem Dachgeschoss sowie teilweiser Unterkellerung. Die Bauweise stellt eine Mischform (Hybrid) aus Massiv- und Holzbau dar. Das komplette Untergeschoss sowie die Decken und tragenden Wände im Erdgeschoss und Obergeschoss wurden in Stahlbeton ausgeführt. Die gesamte Gebäudehülle - Außenwände und Dach - wurde als Holzbau in Systembauweise errichtet, also mit vorgefertigten Elementen. Die äußeren und innere Erscheinung des Gebäudes ist geprägt von der Materialität des Holzes. Die Fassade besteht aus einer offenen profilierten, naturlasierten Fichtenholzschalung.

Früher war hier ein Gastgarten, heute ist hier der Spielplatz.

(Foto: Stephan Rumpf)

Dazu muss man wissen, dass Manfred Stieglmeier neben seiner Tätigkeit als Architekt auch einen Lehrauftrag an der Technischen Universität München am Lehrstuhl für "Entwerfen und Holzbau" hat. "Da ist man natürlich holzinfiziert", sagt er. Aber nicht nur deshalb wirbt er für diesen Baustoff. Der habe sich in dem Fall auch angeboten, weil Holz ein warmes Material ist, mit dem Kinder eine hohe Vertrautheit verbinden. Dies in Verbindung mit warmen Farbtönen an den Wänden sowie einer lärmschluckenden Deckenverkleidung aus Holzwolle-Leichtbauplatten sollen eine Wohlfühlatmosphäre schaffen.

Bei der Gestaltung und Anordnung der verschiedenen Räume verfolgte der Architekt ein "offenes Konzept". Ermöglicht wird dies unter anderem durch Clusterbildung. Das heißt zum Beispiel: Ein Ruheraum in der Mitte kann von den Kindern in zwei angrenzenden Gruppenräumen gemeinsam genutzt werden. Wichtig war Stieglmeier die flexible Nutzung der Räume, um das Haus möglichst lange Zeit nutzen zu können. Es könnte daraus ja in einigen Jahrzehnten ein Bürgerhaus oder etwas ähnliches entstehen.

Aktuell aber lässt sich die Funktionalität des Gebäudes auch mit dem Kompass bestimmen: Nach Norden, zur Straße hin, liegt die "dienende Zone". Gemeint sind damit Umkleiden, Büros oder Lagerräume. Nach Süden ausgerichtet sind hingegen die für die Kinder wichtigen Räume, wo sie auch die meiste Zeit des Tages verbringen, zum Beispiel mit Spielen und Schlafen. Nicht zuletzt haben sie dort den wunderschönen Garten im Blick.

Warum das Gebäude so gelungen erscheint? Allen theoretischen Überlegungen hält Architekt Stieglmeier eine einfache, aber schlagende Beobachtung entgegen: Fordere man Kinder auf, ein Haus zu zeichnen, dann gleiche das Ergebnis verblüffend der neuen Kita an der Holtzendorffstraße mit ihrer asymmetrischen Fassade: "Das ist eine archaische Hausform."

Eine Gelegenheit, das "Haus für Kinder" zu besichtigen, bieten die Architektouren 2018 (www.byak.de) der Bayerischen Architektenkammer am Samstag, 23. Juni, zwischen 11 und 12.30 Uhr.

© SZ vom 19.06.2018

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