Es piepst, zwitschert und raschelt: Kleine Patienten, die im Krankenbett zu einer Operation gefahren werden, finden sich plötzlich mitten in einem Dschungel wieder – neben einem riesigen Affen. Im Dr. von Haunerschen Kinderspital bekommen Kinder eine VR-Brille aufgesetzt, die sie in virtuelle Traumwelten schweben lässt, damit sie nicht so viel Angst haben müssen. Der Clou daran: Sie tauchen nicht vollständig ab, sondern können Eltern, Ärzte, Kinder-Pflegefachkräfte und ihre Umgebung immer noch sehen.
Emilia ist acht Jahre alt. Bei ihr muss eine Lumbalpunktion gemacht werden. Sie liegt im Krankenbett. Und hat Angst. Mama Simona, 37, erzählt, dass Emilia seit Oktober weiß, dass sie einen viel zu hohen Hirndruck hat. Sie habe sich schon ein paarmal punktieren lassen müssen. Auch wenn sie weiß, wie das für gewöhnlich abläuft: Angst bleibt Angst.

Aber dann setzt Markus Strobl dem Mädchen eine weiße Brille auf, die sie ein wenig wie einen liegenden Cyber-Roboter aussehen lässt. Plötzlich zählt Emilia auf, was sie alles sieht: „Da ist ein Schloss“, sagt sie: „Ui, da ist ja auch ein fliegendes Pferd.“ Ein Drache läuft später natürlich auch noch durchs Bild. Und ihre Angst ist damit fast verflogen. Zwar sieht Emilia die vielen Menschen, die da um ihr Bett stehen, aber viel interessanter ist gerade ihre Märchenwelt.
Jan Gödeke ist begeistert von dieser Brille. Der stellvertretende Direktor der Kinderchirurgischen Klinik im Haunerschen wollte die in die Jahre gekommene Klinik schon immer kindgerechter gestalten. Alles sei „so funktional“, da stünde ein Bett im Weg, da sei eine Wand beschädigt, sagt er. Aber das sei eben „nicht die Welt, in der Kinder leben“. Weil Wände in der Klinik nicht einfach mal schnell umzugestalten seien, kam dem Arzt, der auch eine Professur für die Digitalisierung in der Kinderchirurgie innehat, die Idee, eine „technische Lösung“ zu suchen. Er fand den richtigen Ansprechpartner.
Vor drei Jahren, mitten in der Corona-Pandemie, hat Markus Strobl schon den ersten virtuellen Klinik-Clown für Kinder erfunden. Ein echter konnte in dieser Zeit ja nicht zu den kleinen Patienten kommen. „Fredarico“ hat ihn der 48-Jährige genannt. Der Clown mit den viel zu großen, roten Schuhen hat seitdem sechs Millionen Kindern in 80 Kliniken europaweit Freude gemacht.

„Jetzt ging es darum, Kindern auf dem Weg in den Operationssaal die Angst vor der Operation zu nehmen“, sagt der Mann, für den leuchtende Kinderaugen schon lange zum Geschäft gehören: Viele Jahre war er Marketingleiter in Zirkusunternehmen. Zusammen mit einem neunköpfigen Team, zu dem auch fünf 3D-Designer gehören, entwickelte er in insgesamt 8000 Arbeitsstunden die Mixed-Reality-App für die VR-Brille. Sechs Sinnesreisen sind entstanden: Es geht in den Dschungel, das Weltall, zu den Piraten, zu einem Korallenriff und in eine Märchenwelt; auch den Clown Fredarico können sich die Kinder als Spaßmacher aussuchen.
In der Dschungelwelt geht es bunt zu. Zahlreiche Schmetterlinge flattern auf bunten Blumen umher, ein Elefant wirft seinen Rüssel hin und her. Und dann die bunten Papageien: Sie fliegen auf einen zu. Den riesigen Affen möchte man sogar berühren. Dafür legt man Daumen und Zeigefinger aufeinander – schon kann man ihn abklatschen. Die Geräusche klingen echt. „Sind sie auch“, sagt Strobl: „Die Aufnahmen und die Bilder kommen aus einem Dschungel in Sri Lanka.“
Durch raschelnde Palmen blickt man mit der Brille auch in den Stationsgang, sieht die Menschen in der Umgebung, Türen und Wände. „Das ist auch gut so. Denn wenn die Kinder komplett abtauchen würden, würden sie ihre vertraute Umgebung nicht mehr wahrnehmen. Sie benötigen aber ihre emotionale Sicherheit und wollen wissen, wohin sie gebracht werden“, sagt Gödeke.
Angst und Stress – beides soll die Brille mildern. Tatsächlich habe eine Studie ergeben, dass Kinder, die die Brille aufgesetzt hatten, weniger Stresshormone, dafür mehr Glückshormone ausschütten würden, erklärt Gödeke. Ziel sei es, mithilfe der Brille vielleicht sogar „ganz auf Beruhigungsmittel verzichten zu können“. Schließlich seien manche Kinder sogar schon auf dem Weg zum OP-Saal eingeschlafen.
Momentan sind zwei Brillen mit dem Namen „Fredarico ride“ für Kinder von vier Jahren an in der Klinik im Einsatz. Zwölf sollen es bis zum Frühjahr 2026 sein. Die Kosten dafür lägen in einem „unteren sechsstelligen Bereich“, so Strobl. Dieser Betrag sei von einem Münchner Ehepaar als Spende finanziert worden, sagt Guggy Borgolte vom Hauner Verein, der schon viele Projekte in der Kinderklinik durch Spenden ermöglicht hat. Was die Brille kann, hat sich schon herumgesprochen, weit über die deutschen Grenzen hinaus. Anfragen gebe es auch schon für Krankenhäuser in Krisengebieten wie in Israel oder der Ukraine, sagt Strobl.
Emilia hat übrigens die Märchenwelt gewählt, ist eine mutige Prinzessin im Schloss. Angst vor ihrer Operation hat die Achtjährige nicht mehr. „Diese Brille ist toll, sie beruhigt mich“, sagt sie: „Ich glaube, wenn ich sie nicht auf hätte, dann wäre ich ganz schlimm aufgeregt.“

