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Betreuungssituation in München:Eltern bangen um Kindergarten-Plätze

Kita in Laim Ecke Hogenberg-/ Kirchmairstraße

Ein Teil der Kindergartenplätze wird in diesem Jahr später vergeben als gewohnt.

(Foto: Florian Peljak)
  • Wenige Wochen vor dem Start des neuen Kindergartenjahres wissen hunderte Familien noch nicht, wo ihre Kinder betreut werden.
  • Grüne, CSU und auch Oberbürgermeister Reiter üben Kritik an der Verwaltung.
  • Das Bildungsreferat begründet die späte Platzvergabe mit einem Erziehermangel in städtischen Kitas und der Einführung eines neuen Einschulungskorridors.

Wenige Wochen vor Beginn des neuen Kindergarten- und Schuljahres wissen offenbar noch mehrere hundert Münchner Familien nicht, wo ihre Kinder von September an betreut werden. Die Stadt betont zwar, dass grundsätzlich alle Kinder, die bei der Elternberatungsstelle gemeldet werden, einen Betreuungsplatz bekämen. Doch das zuständige Bildungsreferat räumt nun ein: "Ein Teil dieser Plätze wird zurzeit leider später als gewohnt vergeben."

Obwohl die Vergabe der Krippen-, Kindergarten- und Hortplätze bereits im April begonnen hat, erteilte allein die Elternberatungsstelle fast 1000 Zusagen erst im Juli. Hinzu kommen die Plätze, die über das Elternportal "Kitafinder" vergeben wurden. Und das Verfahren geht weiter: Aktuell liegen 231 Familien Platzangebote vor, eine Entscheidung über Zu- oder Absage muss binnen zehn Tagen getroffen werden. Wie viele Kinder tatsächlich ab September noch keinen Betreuungsplatz haben, kann die Stadt nach eigenen Angaben nicht sagen: Der Kitafinder könne hinsichtlich dieser Frage nicht ausgewertet werden, heißt es beim Bildungsreferat.

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Die Grünen im Rathaus, die genau diese Zahl per Stadtratsantrag in Erfahrung bringen wollten, stellen diese Darstellung in Frage: "Natürlich könnte uns das Bildungsreferat sagen, wie viele Eltern keine Zusage über den Kitafinder haben", sagt Fraktionschefin Katrin Habenschaden. Schließlich seien ja im Juni und Juli Briefe mit negativen Bescheiden verschickt worden. Verärgert ist Habenschaden zudem über verklausulierte Aussagen der Verwaltung wie diese: "Der Elternberatung im Grundschulbereich liegen aktuell stadtweit einige Meldungen vor - gemessen an der Gesamtzahl der Plätze jedoch unter einem Prozent." Hier wünscht sich Habenschaden mehr Klarheit: "Bei 35 000 Plätzen im Grundschulbereich heißt das, 350 Kinder sind nicht versorgt." Für betroffene Familien sei die Situation "dramatisch".

Das Bildungsreferat begründet die zum Teil sehr späte Platzvergabe mit zwei Entwicklungen: Zum einen sei der Erziehermangel so gravierend, dass allein in den städtischen Kitas derzeit etwa 3,5 Prozent aller Betreuungsplätze nicht belegt werden können. Fast jede zehnte freie Stelle, für die eine Fachkraft gesucht wird, könne bei den städtischen Einrichtungen nicht besetzt werden. Das Bildungsreferat vermutet, dass die Situation bei anderen Trägern vergleichbar ist. Zum anderen habe die kurzfristige Einführung des Einschulungskorridors dazu geführt, dass sich 450 Münchner Eltern mehr gegen eine Einschulung ihres Kindes entschieden haben und somit 450 Kindergartenplätze, mit denen die Stadt gerechnet hatte, nicht frei geworden sind.

In ganz Bayern steigt die Zahl der Rückstellungen von "Kann-Kindern"

Der neue Einschulungskorridor überlässt den Eltern die Entscheidung, ob sie ihr Kind um ein Jahr zurückstellen lassen, wenn es zwischen Anfang Juli und Ende September geboren wurde. Laut dem staatlichen Schulamt wurden heuer in München insgesamt 1400 Kinder zurückgestellt. Das Kultusministerium berichtet, dass etwa 45 Prozent der sogenannten Kann-Kinder in München nicht eingeschult werden. Die Münchner Eltern folgen damit einem Trend, das Ministerium beobachtet in ganz Bayern schon seit einiger Zeit steigende Rückstellungszahlen.

Aus den Kitas ist zu hören, dass der Erziehermangel in der Praxis weitaus problematischer ist als der Einschulungskorridor. "Der war für uns in der Phase schwierig, als wir nicht wussten, wie viele Kinder zurückgestellt werden", berichtet Otto Knauer, der für die Diakonie Jugendhilfe Oberbayern in München den Geschäftsbereich Kindertagesstätten leitet. Der Erziehermangel aber zwinge die Einrichtungen, einzelne Gruppen zu schließen oder die Zahl der Kinder zu reduzieren. "Das haben wir in diesem Jahr vermehrt. Bei anderen Trägern dürfte das ähnlich sein", sagt Knauer.

Zwar kündigt das Kultusministerium nun an, beim Einschulungskorridor nachzubessern: Um die Planungssicherheit der Kitas zu verbessern, soll künftig der Schulanmeldetermin von April auf März vorverlegt werden. Für Korridorkinder muss die Entscheidung bis zum 10. April getroffen werden, wie ein Ministeriumssprecher mitteilte. In diesem Jahr lag dieser Termin deutlich später, im Mai.

Die CSU-Stadträtin Beatrix Burkhardt befürchtet trotzdem, dass sich die Probleme weiter verschärfen: "Wenn ab September die Kostenfreiheit beim Kindergarten dazukommt, werden natürlich noch mehr Menschen ihren Anspruch geltend machen", warnt die Bildungspolitikerin. Hortplätze seien ohnehin "absolute Mangelware", der Ausbau der Ganztagsschulen komme nur langsam voran. Neun Grundschulen kommen im neuen Schuljahr beim kooperativen Ganztag hinzu - "mehr geht nicht, weil uns die Gegenfinanzierung durch den Freistaat fehlt", sagt Burkhardt.

Strukturen und Kommunikation soll sich ändern

Eine "flächendeckende Nachmittagsbetreuung an den Grundschulen" fordert auch SPD-Stadträtin Julia Schönfeld-Knor. "Dadurch würde man im Hort weniger Erzieher brauchen, die man für die Kleinsten einsetzen könnte." Die Gesamtsituation bezeichnet sie zwar als "unschön und schwierig", das System der Platzvergabe stellt sie aber grundsätzlich nicht in Frage: "Jeder, der sich bei der Elternberatung meldet, bekommt einen Platz. Es gibt noch Plätze - die Handvergabe läuft auf Hochtouren."

Das sieht Katrin Habenschaden von den Grünen anders: "Wir müssen die Strukturen verändern", sagt sie und kündigt für den Herbst ein Antragspaket zu dem Thema an. Auf jeden Fall müsse es frühere Zu- oder Absagen geben und eine klarere Kommunikation. Diese fordert auch Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD), der seiner Verwaltung ab dem nächsten Stichtag im Jahr 2020 auferlegt, die Eltern während des Vergabeprozesses zumindest immer wieder über den Bearbeitungsstand zu informieren.

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