Süddeutsche Zeitung

Kinderbetreuung:Mini-Kitas sind im Kommen

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Von Melanie Staudinger

Irgendwann hatten Christina Ramgraber und David Siekaczek genug. Zu langweilig war ihnen ihr Job im Vertrieb von Hard- und Softwareprodukten geworden. Die Betriebswirte suchten eine neue Herausforderung. Und sie wurden fündig - in der Kinderbetreuungsbranche.

Vor fünf Jahren starteten Ramgraber und Siekaczek mit ihrem Unternehmen Sira. Erst entwickelten sie Konzepte für andere und halfen beim Aufbau von Einrichtungen. Mittlerweile aber betreiben sie auch eigene Mini-Kitas im Auftrag von Unternehmen. Mini heißen sie, weil dort jeweils nur zehn Kinder betreut werden, und genauer müssten sie nicht Kita, sondern Großtagespflege genannt werden; zumindest führt die Stadtverwaltung die Einrichtungen unter dieser Bezeichnung.

Ramgraber und Siekaczek arbeiten mit unterschiedlichen Münchner Firmen zusammen. Sie schaffen zum Beispiel betriebliche Kinderbetreuungsplätze für die HypoVereinsbank, die Ludwig-Maximilians-Universität oder Rewe. Die Idee: Viele Unternehmen spüren den Fachkräftemangel. Wer kompetente Mitarbeiter umwerben will, muss deshalb einiges bieten.

Kinderbetreuung zum Beispiel, um die Vereinbarkeit von Beruf und Familie zu ermöglichen. "Es kann aber nicht jeder eine eigene Krippe aufbauen", sagt Ramgraber. Genau hier bietet die Firma Sira mit ihren Mini-Kitas eine Lösung: kleiner, weniger aufwendig und trotzdem mit qualitätsvoller Betreuung. Der finanzielle Aufwand hält sich in Grenzen: Zehn Plätze kosten 100 000 Euro. In herkömmlichen Kitas rechnet man etwa mit dem Doppelten.

Während jeder weiß, was ein Kindergarten oder eine Krippe ist, ist die Großtagespflege eher unbekannt. Dahinter verbirgt sich ein sehr persönliches Konzept. Dabei tun sich mindestens zwei Tagesbetreuungspersonen zusammen, suchen geeignete Räume und betreuen bis zu zehn Kinder von neun Monaten bis 14 Jahren gleichzeitig.

Die Einrichtungen bieten einen überschaubareren und individuelleren Rahmen als Tagesstätten mit 100 oder mehr Kindern. 62 Großtagespflegen gibt es momentan in München, sie bieten 620 Plätze. In der Mehrzahl sind es Zusammenschlüsse von Tagesbetreuungspersonen, ein Drittel wird aber bereits von Unternehmen geführt.

Für Ramgraber und Siekaczek hat die Großtagespflege in einer Großstadt wie München mehrere Vorteile. Erstens: die Standortfrage. Wer eine Mini-Kita eröffnet, muss nicht ganz so viele Anforderungen erfüllen, vor allem können die Räume kleiner sein, eigene Spielflächen draußen sind nicht nötig.

"Wir können auch in der Innenstadt Räume anmieten", einen leer stehenden Laden etwa, sagt Ramgraber. Damit tun sich große Kindertagesstätten ziemlich schwer, schlicht weil der Platz fehlt. Zweiter Pluspunkt: Planungssicherheit für Vermieter. Denn Großtagespflege-Einrichtungen unterschreiben mehrjährige Mietverträge. Erst bei mindestens zehn Jahren gibt es einen öffentlichen Zuschuss zu den Investitionskosten.

Drittens: die Toleranz der Nachbarn. Zehn Kinder fallen in einem großen Wohnhaus kaum auf. Wären es 100, wäre wohl auch der Widerstand der Anwohner größer, weil sie Lärm fürchten. Viertens: die Kosten für die Eltern. Die Stadt zahlt qualifizierten Betreuern 7,18 Euro pro Kind und Stunde.

Dazu kommt ein Mietkostenzuschuss von 38 Cent pro Kind und Stunde, wie eine Sprecherin des Sozialreferats erläutert. Eltern bezahlen für einen solchen Vollzeit-Krippenplatz 350 Euro inklusive Verpflegung.

Das ist günstiger als die Gebühren in den städtischen Krippen; dort wiederum gibt es einkommensgestaffelte Gebühren und Ermäßigungen für Geringverdiener. Und fünftens: Durch die enge Zusammenarbeit mit den Firmen können diese bei den Betreuungszeiten für die Kinder der Mitarbeiter mitreden.

Sira gibt es bereits seit 2012. Anfangs entwickelten Ramgraber und Siekaczek lediglich Konzepte für andere Unternehmen. Denn der Münchner Stadtrat erlaubte erst 2013, dass Tagesbetreuungspersonen nicht nur selbständig arbeiten können, sondern auch fest angestellt bei freien Trägern oder einer Firma. "Seitdem entwickeln wir uns Schritt für Schritt weiter", sagt Siekaczek. Vier eigene Mini-Kitas gibt es bereits, zwei sind fest im Aufbau, sechs weitere sollen 2018 eröffnen.

Dass Sira selbst zum Opfer des Fachkräftemangels werden könnte, glauben die beiden Chefs nicht. Sie suchen für neue Standorte nicht nach einzelnen Mitarbeitern, die dann willkürlich zusammengewürfelt werden, sondern nach Teams. Bewerber können sich entweder schon kennen oder sich auf einem der Sira-Stammtische, die einmal im Quartal stattfinden, kennenlernen.

"Alle können bei uns ihren Arbeitsplatz mitgestalten und sogar die Spielsachen mit einkaufen", sagt Ramgraber. In der Mini-Kita an der Waltherstraße, die in einer früheren Apotheke eingerichtet wurde, haben die Erzieherinnen zum Beispiel bequeme Schlafschalen für Babys besorgt, aus denen diese beim Mittagschlaf nicht herausrollen können. Ganz so kleine Kinder gibt es dort zwar gerade nicht. Aber die Betten wurden nun zum Bällebad umfunktioniert, ganz ohne bürokratischen Aufwand.

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SZ vom 03.11.2017
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