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Kinderbetreuung:Kinderfrauen - eine Alternative zur Krippe

Inge Zschaler-Honndorf ist im Gespräch mit zwei Kinderfrauen.

(Foto: Catherina Hess)

Die Bezeichnung mag verstaubt klingen. Doch die Unterstützung von Kinderfrauen werden in einer teuren Stadt wie München aber immer wichtiger.

Von Melanie Staudinger

Samira H. will endlich wieder unter Leute kommen. Vier Kinder hat die 45-Jährige, die ursprünglich aus Afghanistan stammt, großgezogen. Sie alle besuchen mittlerweile ein Gymnasium in München, der älteste Sohn ist schon erwachsen. Samira H. war bisher immer Hausfrau, eine Ausbildung hat sie nie gemacht.

Jetzt aber, nach 16 Jahren in Deutschland, will sie arbeiten gehen. Mit Kindern kenne sie sich aus, die Beschäftigung mit ihnen mache ihr Spaß, erzählt sie. Gemeinsam mit sieben anderen Frauen sitzt Samira H., die ihren richtigen Namen nicht in der Zeitung lesen will, in den Räumen des Vereins Tageseltern München und Umgebung in Haidhausen.

Sie sind Hausfrauen, Kinderpflegerinnen, ehemalige Bankangestellte oder Krankenschwestern. Und sie eint ein Wunsch: Sie alle wollen künftig als Kinderfrau arbeiten, also Kinder im elterlichen Haushalt betreuen.

Viele Familien sind auf zwei Einkommen angewiesen

Für diese Tätigkeit braucht man keine Ausbildung, die Eltern tragen die Verantwortung, wen sie einstellen. Ein paar Grundlagen aber können nicht schaden, über Gesetze zum Beispiel, Haftung, Hygiene und Erziehung. Die vermittelt der Tageseltern-Verein in einem kostenlosen Kurs.

Kinderfrauen - die Berufsbezeichnung mag verstaubt klingen. Die Tätigkeit an sich wird in einer teuren Stadt wie München aber immer wichtiger, in der viele Familien auf zwei Einkommen und damit auch zwei Jobs angewiesen sind. Kinderfrauen halten als Ersatz für die Krippe her, etwa weil die Eltern keinen passenden Platz gefunden haben.

Kinderfrauen hüten die Kleinen auch während jener Zeiten, die das öffentliche Schulsystem nicht abdeckt. Sie holen die Kinder um 15.30 Uhr von der Ganztagsschule ab, damit Väter und Mütter in Vollzeit arbeiten können. Und nicht zuletzt springen Kinderfrauen als Aushilfe im Notfall ein.

Das kann bei Alleinerziehenden sein, die plötzlich ins Krankenhaus müssen und deren Kinder ohne Betreuung dastehen. Das kann aber auch in Familien mit zwei Elternteilen passieren, etwa wenn der Vater auf Geschäftsreise ist und die Mutter erkrankt. "Manchmal hilft es schon, wenn die Kinderfrau zwei, drei Stunden kommt", sagt Eva Butt vom Tageselternverein.

Den Tageselternverein gibt es seit 22 Jahren

Beim Kurs in Haidhausen notieren die Teilnehmerinnen ihre Erwartungen auf einem großen Blatt Papier. Sie wollen wissen, was sie mit den Kleinkindern unternehmen, wie man Auftraggeber findet und wie man an eine Haftpflichtversicherung kommt.

Letztere zum Beispiel bietet der Tageselternverein an, den es bereits seit 22 Jahren gibt und der damals zur Selbsthilfe von Tagesmüttern und Tagesvätern gegründet wurde. Mittlerweile gehören dem Zusammenschluss 250 Mitglieder an. Sie tauschen sich untereinander aus, lassen sich beraten und weiterbilden.

Eine der wichtigsten Aufgaben des Vereins ist die Jobvermittlung. "Es ist sehr wichtig, dass die Chemie zwischen den Eltern und der Betreuungsperson stimmt", sagt Butt. Der Beruf als Kinderfrau, das wird an diesem Abend klar, eignet sich für Mütter, die gerne umschulen, in der Elternzeit nebenbei ein wenig arbeiten oder wieder in den Arbeitsalltag einsteigen möchten.

Frauen mit Migrationshintergrund haben gute Chancen, selbst wenn sie nicht perfekt Deutsch sprechen, erklärt Kursleiterin Inge Zschaler-Honndorf. Ausländische Familien suchten oft nach einer Betreuerin, die mit den Kindern in der Muttersprache der Eltern spricht. Das zum Beispiel wäre eine Chance für Samira H., die mit ihren Deutschkenntnissen sonst vielleicht Schwierigkeiten auf dem Arbeitsmarkt hätte.

© SZ vom 29.01.2016/dit

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