Kinder in München:Gefährliches Leben im Dickicht der Stadt

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Straßenverkehr, schlechte Luft und die Ignoranz Erwachsener Kindern gegenüber - die Angst der Eltern hat viele Gründe.

Von Claudia Fischer

Wenn die achtjährige Stella in der Früh das Haus verlässt, um zur Schule zu gehen, schickt ihre allein erziehende Mutter ein Stoßgebet zum Himmel: Lass ihr nichts passieren. Lass sie heil wieder nach Hause kommen. Jeden Morgen wartet sie bis zehn nach acht, ob ein Anruf von der Schule kommt. Erst wenn keiner kommt, macht sie sich selbst auf den Weg zur Arbeit.

Falsches Fußgängerverhalten

Eine der schlimmsten Horrorvorstellungen von Eltern ist, dass ihrem Kind im Straßenverkehr etwas passieren könnte. In einer Großstadt gibt es viele Autos, und es gibt viele Menschen, die sie steuern. Eine kleine Unaufmerksamkeit, kombiniert mit überschäumendem kindlichen Spieltrieb, und schon könnte es passiert sein. Nicht wenige Eltern erwägen aus diesem Grund den Umzug auf das vermeintlich sichere Land.

Die Angst ist sicher begründet. Die Statistik der Polizei verzeichnet für das Jahr 2004 insgesamt 111 Schulwegunfälle im Stadtgebiet München, was im Vergleich zum Vorjahr mit 94 Unfällen einen leichten Anstieg bedeutet. Im Überblick betrachtet bewegte sich die Zahl der Schulwegunfälle in München in den vergangenen Jahren immer um die Hunderter-Marke. Viel oder wenig? Wäre es angesichts solcher Werte besser, die Stadt München zu verlassen?

Diesen Schluss könnten Eltern aus der am häufigsten genannten Unfallursache ableiten, die die Polizei ¸¸falsches Fußgängerverhalten" nennt: ¸¸Die Kinder laufen zwischen geparkten Autos auf die Straße", so Wolfgang Dawid von der Abteilung Polizeiliche Verkehrsaufgaben des Polizeipräsidiums München. Von allen aufgeführten Unfallursachen ist dies am ehesten als typisch urbanes Fehlverhalten einzuordnen. Wo sich Autos am Straßenrand dicht an dicht drängen, ist für Leute, die gerade mal einen Meter fünfundzwanzig an die Messlatte bringen, freie Sicht nicht möglich.

Bessere Prävention in der Stadt

Generell droht im Straßenverkehr urbaner Ballungsgebiete mehr Gefahr als in jenem ländlicher Regionen. Bei einem größeren Verkehrsaufkommen ist logischerweise auch das Unfallrisiko höher. Zugleich aber gibt es in der Stadt mehr Präventions- und Aufklärungsmaßnahmen. Verkehrskasperl in der Schule, Schülerlotsen, Schulweghelfer am Zebrastreifen: Damit versuchen Stadt und Schulen, die Gefahr einzudämmen.

Doch Stellas Mutter wird weiterhin Stoßgebete zum Himmel schicken, sobald die Tür hinter ihrer Tochter zuklappt. Denn die Gefahr, die im Straßenverkehr lauert, ist ja nur eine von vielen. Es gibt viel mehr Risikofaktoren, die Eltern ängstigen. Ob Drogen, Sekten, Übergriffe sexueller Art oder schlicht die Beeinträchtigung körperlicher Gesundheit - die Großstadt hält eine ganze Palette an Gefährdungen für noch nicht gefestigte Charaktere bereit und damit Eltern in Atem. Der Rückzug in die geschützte Idylle ¸¸Land" ist eine Gegenreaktion darauf. Nicht alle Familien haben die Möglichkeiten dazu. Und viele stellen sich deshalb die Frage: ¸¸Welchen Risiken ist mein Kind in einer Großstadt wie München ausgesetzt?"

Experten contra Eltern

Erstaunlich ist, dass Eltern Risiken und Gefahren in urbanen Ballungsräumen oft anders einschätzen als die Experten. Das zeigt eine im Auftrag des bayerischen Gesundheitsministeriums von der Ludwig-Maximilians-Universität ausgeführte Studie, die jetzt veröffentlicht wurde.

Zwar rangieren in diesem Ranking sowohl bei Eltern als auch bei Experten die Verletzung bei Verkehrsunfällen sowie die Kopfverletzung beim Radfahren ohne Helm unter den ersten vier auf der insgesamt 40 Abstufungspunkte umfassenden Skala. In der Kriminalität sehen beide Teile erst an 21. Stelle ein Gefahrenpotenzial. Überschätzt werden von den Eltern Risikofaktoren wie Autoabgase: Sie stellen diese auf Platz 17, die Experten auf Platz 30. Unterschätzt werden seitens der Eltern aber Unfälle, die nichts mit dem Straßenverkehr zu tun haben, die gesundheitliche Gefährdung durch Ruß und Partikel, Bewegungsmangel sowie umweltbedingte Allergene: Diese Punkte befinden sich bei den Eltern im letzten Drittel des Rankings, während die Experten all dies unter die ersten Sieben einordnen.

Niedrige Toleranzschwellen

Bewegungsmangel wertet auch die Kinderbeauftragte der Stadt, Jana Frädrich, als eines der größten Übel, die die Großstadt, und hier insbesondere München, bietet. ¸¸Weil hier so wenig Familien mit Kindern leben, sind die Toleranzschwellen geringer geworden: Kinder müssen immer leise sein und dürfen nicht herumtoben. Außerdem haben sie schlichtweg auch wenig Lust, ihr Zimmer zu verlassen und rauszugehen, wenn draußen keine anderen Kinder sind, mit denen sie spielen können", sagt sie.

Adipositas, also Übergewichtigkeit, ist nur eine Folge davon. Zudem bleiben bei Kindern, die zu wenig draußen herumtoben können, Selbständigkeit, Motorik und kognitive Entwicklung auf der Strecke. ¸¸Gerade hier in München mit den hohen Mieten hat doch keine Familie eine so große Wohnung, dass die Kinder sich in den Räumen ausreichend Bewegung verschaffen können", so Frädrich. Bewegungsmangel als Risiko, dem Kinder in der Großstadt München ausgesetzt sind? ¸¸Auf jeden Fall", findet die Kinderbeauftragte.

Angst vor sexuellen Übergriffen

Der ¸¸klassische" Kriegsschauplatz aber, den Eltern vor allem in Metropolen vermuten, heißt sexueller Übergriff. Horrorvorstellungen vom fremden Mann, der das Kind gewaltsam in sein Auto zieht, geistern durch die Köpfe, genährt auch durch intensivere Berichterstattung über die Thematik in den vergangenen Jahren. Doch hier gilt weitgehend Entwarnung.

Schwere Übergriffe solcher Art kommen vergleichsweise selten vor: Die Polizei zählt ein bis zwei solcher Fälle pro Jahr. Übergriffe, zu denen das exhibitionistische Sich-zur-Schau-stellen zählt, gibt es hingegen in urbanem, anonymem Umfeld öfter.

Häufiger ist hier sicher auch jenes gesellschaftliche Phänomen vertreten, das durch einen Fall am Hasenbergl im vergangenen Jahr ins Licht der Öffentlichkeit gerückt ist: ¸¸Die Familienstruktur mit allein erziehender, minderbemittelter Mutter mit zwei Kindern bietet für Pädophile unter Umständen Angriffspunkte", so Peter Breitner, Leiter des Polizeidezernats 12 für Sexualdelikte. ¸¸Sie machen sich die Notlage dieser Leute zu Nutze und schleichen sich langsam in die Familie ein." Ein ähnlich leichtes Ziel für Pädophile könne auch das klassische Schlüsselkind sein - ein Phänomen, typisch eher für städtische als für ländliche Strukturen.

Für die Gefahr, die seitens Pädophiler droht, gilt dasselbe wie für die meisten anderen Risikofaktoren: Wo viele Menschen sind, treten Randgruppen massierter auf und Phänomene deutlicher zutage. Gleichzeitig steht eine breitere Palette an Möglichkeiten zur Verfügung, etwas dagegen zu unternehmen. ¸¸Es ist klar, dass bei 40.000 pädosexuell veranlagten Menschen in Deutschland in Relation mehr in Ballungsgebieten leben als in ländlichen Gegenden, weil sie hier Gleichgesinnte treffen", sagt Breitner. Hingegen wird in der Großstadt mehr und intensiver aufgeklärt. Stadtjugend-amtsleiter Hubertus Schröer hält es sogar für möglich, dass gerade in der Stadt Übergriffe eher zur Sprache kommen und zur Anzeige gelangen als auf dem Land mit den zum Teil konservativer geprägten sozialen Verflechtungen.

Wie sicher eine Stadt wie München speziell für Kinder ist, die im internationalen Städteranking des Bundeskriminalamtes in Bezug auf Gesamtkriminalität nur auf Platz 60 von 84 rangiert, lässt sich aus diesen Angaben bestenfalls erahnen. Gewiss ist nur eines: Die Angst ist ein ständiger Begleiter von Eltern in der großen Stadt. Stellas Mutter wird weiterhin jeden Morgen bis zehn nach acht zum Telefon schauen.

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