Konzert:Regenbogenfahnen im Retortenreich

Kerstin Ott

Ganz anders als die formatierten Schlagerdiven: Kerstin Ott.

(Foto: Nona Studios/NONA)

Herzlich und direkt unterwandert Kerstin Ott die eitle Schlagerwelt mit teils gesellschaftskritischen Liedern. Auf ihrer Tournee gastiert sie zweimal in München.

Von Michael Zirnstein

Es hat nicht gleich "Bumm" gemacht mit Kerstin Ott und der Schlagerwelt. Ihre erste Begegnung mit Howard Carpendale beim großen Tralala-Treff "Schlagerboom" vor einem Jahr zum Beispiel zeigt: Bei der jetzt 39 Jahre alten Sängerin ist es noch nicht der Riesenknaller, sondern ein Drücker, erst ein vorsichtiger, dann ein immer festerer. Da kam sie also mit dem großen Howie ins Gespräch. Der Routinier kannte sie nicht, und wären sie nicht hinter der Bühne gestanden, hätte er die burschikose, tätowierte Frau wohl eher für einen Fan gehalten. Ganz anderer Typ eben als die formatierten Schlagerdiven. Sie redeten, erinnert sie sich, "sehr aufgeschlossen", am Ende fragte sie ihn: "Darf ich dich jetzt drücken?"

Aus der Umarmung wurde mehr. Auch, weil Carpendale nachher nachschaute, wer diese Frau mit dem wachen Blick gewesen war. Da muss man nicht lange suchen im Internet; und jüngst gab es auf RTL eine Dokumentation, deren Titel "Durch Höhen und Tiefen" dieses Leben recht treffend beschreibt: Die kleine Kerstin wuchs, weil ihre Mutter krank war, in Heimen und bei einer Pflegefamilie auf, womit sie erst mal klarkommen musste. Aber sie fing sich, sang im Kinderchor von Rolf Zuckowski; sie machte eine Lehre zur Malerin, wurde spielsüchtig und obdachlos. Allerdings war sie auch als Hobbymusikerin und DJ aktiv, schrieb Lieder zur Gitarre, wie dieses eine über eine Freundin, die viel weint, aber nur, wenn sie keiner sieht: "Die immer lacht". Sie verteilte ein paar selbstgebrannte CDs davon. Zehn Jahre später entdeckte das Erzgebirgler-Produzentenduo Stereoact die Lach-Nummer, legte einen modernen Beat und ein paar Swusch-Effekte drunter - und das Stück drehte seine Runden durch Clubs und Kneipen, immer schneller, es wurde der erfolgreichste Song 2016, 1,2 Millionen mal verkauft, 188 Millionen Mal auf Youtube geklickt.

So simpel dieses "die immer lacht, immer lacht, immer lacht ..." ist, so tief kann es sich einbrennen. Der merkwürdig oszillierende Song hat eine verborgene Schönheit und eine Echtheit, die eigentlich gar nicht in die heutige Retortenschlagerwelt passt, in der Kerstin Ott damit gelandet ist. Mit den besseren ihrer Liebes- und Partylieder wie dem kessen Titelsong ihres aktuellen Albums "Nachts sind alle Katzen grau" könnte sie auch die Lücke des abgetretenen Deutsch-Pop-Duos Rosenstolz füllen. Dabei gehe es um mehr, sagt Howard Carpendale: "Um Menschlichkeit". Der Münchner Star-Interpret ging bei der nächsten TV-Show nun seinerseits auf Ott zu und sagte: "Nun darf ich dich aber drücken." Weil die Norddeutsche, wie er mal im SZ-Interview sagte, "einfach eine geile Type ist". Und er erlaubte ihr, sein "Nachts, wenn alles schläft" umzutexten, er sang es mit ihr im Duett. Sie dankte es ihm mit einer "Liebeserklärung" auf Facebook. Die sollte man nun nicht falsch verstehen, denn Ott lebt vollkommen selbstverständlich in einer Ehe mit ihrer Caro.

Und das ist schon ein starkes Stück in der Schlagerwelt, die so ein bisschen wie die homo-sterile Fußballbundesliga funktioniert. So war es eine kleine Sensation, als die Branchenkönigin Helene Fischer, die sich bis dahin kaum moralisch oder politisch geäußert hatte, Kerstin Ott 2017 in ihre Fernseh-Gala einlud und mit ihr "Regenbogenfarben" sang, Otts Plädoyer für eine Welt, in der jeder jeden oder jede lieben darf: "Er und er, zwei Eltern die ihr Kind zur Kita bring'n / Sie und sie tragen jetzt den gleichen Ring / Alles ganz normal." Fischer hat die Schlagerwelt "cool" gemacht, sagt Ott; aber sie hat den Schlager weltoffen gemacht.

Es ist noch nicht geschafft, wie sie in ihrem neuen Stück "Sag mir (wann beginnt endlich die Zeit)" klarmacht. Das beklagt Alltagsrassismus, Diskriminierung und Kleingeistigkeit generell; so wie "Keine Angst", inspiriert von den Ärzten mit "Lasse reden", das Geschwätz der Leute thematisiert. Das sind Themen, die ihr wichtig sind, in der Schlagerwelt aber noch viel zu selten.

Kerstin Ott, Kleine Olympiahalle München, 26./27. November, Meistersingerhalle Nürnberg, 25. November, Telefon 21 83 73 00

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