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Keilerei nach Fußballspiel:"Neue Dimension der Gewalt"

Nach der 1:4-Niederlage des TSV 1860 München II gegen Waldhof Mannheim sind mehrere hundert Fußballfans am Grünwalder Stadion aufeinander losgegangen.

M. Maier-Albang und N. Schweers

Mehrere hundert Fußballfans haben sich am Samstagnachmittag eine Schlägerei mit der Polizei geliefert. Die Beamten hatten nach dem Regionalligaspiel des TSV 1860 München II und Waldhof Mannheim eine Massenkeilerei zwischen Anhängern beider Vereine verhindern müssen. Mehrere Beamte wurden verletzt. Die Polizei sprach von einer "neuen Dimension der Gewalt".

Eine Schlägerei im Giesinger Stadion konnte nur "durch massiven Polizeieinsatz" abgewendet werden

(Foto: Foto: dpa)

Schon während der zweiten Spielhälfte im Stadion an der Grünwalder Straße waren nach Polizeiangaben Löwenfans und Anhänger der Mannheimer über Zäune geklettert und hatten sogar ein Sicherungstor aufgedrückt, um zueinander zu gelangen. Eine Schlägerei im Stadion habe man nur "durch massiven Polizeieinsatz" abwenden können, resümierte Polizeisprecher Dieter Gröbner am Sonntag. Die Einsatzkräfte griffen zu Schlagstöcken und zu Pfefferspray, um die gewaltbereiten Fans voneinander fernzuhalten.

"Es ging um Gewalt"

Provoziert haben aus Polizeisicht vor allem die Löwen-Fans. Bereits eine Viertelstunde vor Spielende hätten rund 300 gewaltbereite TSV-Anhänger das Stadion verlassen, "offensichtlich, um sich davor zu positionieren", so Gröbner. "Man sieht: Es ging ihnen nicht um das Spiel, sondern um Gewalt."

Nach Spielende eskalierte die Situation. Den Beamten standen auf der - für den Verkehr gesperrten - Grünwalder Straße zeitweise bis zu 600Fans beider Mannschaften gegenüber. Auch hier ging die Polizei mit Pfefferspray und Schlagstöcken dazwischen, um eine Massenschlägerei zu verhindern.

Da beide Mannschaften bereits im Hinspiel im August aneinander geraten waren, hatte die Polizei mit Ausschreitungen gerechnet. Nicht aber mit einer so "erschreckend hohen Gewaltbereitschaft", wie Gröbner sagt. Das Aggressionspotential sei bereits vor dem Spiel, das die Löwen 1:4 verloren, groß gewesen. So sei etwa ein Bus mit Mannheimer Fans vor dem Löwen-Treffpunkt beim Wienerwald am Stadion mit Flaschen beworfen worden. Als daraufhin die Mannheimer den Bus verlassen wollten, um auf die Löwen loszugehen, verstellte die Polizei die Türen mit einem Polizeibus.

Erstmals seit längerem haben sich am Samstag offenbar Hooligans des TSV 1860 und des FC Bayern in München zusammengetan, um gemeinsam gegen eine angereiste Gruppe vorzugehen. Eine solche stadtübergreifende Schläger-Solidarität ist der Polizei aus den 1980er-Jahren bekannt. Damals gab es die "Münchner Servicecrew", bestehend aus Hooligans der Löwen und des FC Bayern. "Das hat man jetzt offenbar wiederbelebt", sagt Klaus Röschinger, Leiter der szenekundigen Beamten beim Polizeipräsidium. Die Einsatzkräfte haben unter den Randalieren etliche Alt-Hooligans wiedererkannt. Zuvor hatten die Münchner Hooligans vereint bereits bei Auswärtsspielen in Düsseldorf und Kufstein Randale gesucht.

Bei den Auseinandersetzungen am Samstag wurden fünf Beamte leicht verletzt, als Randalierer auf sie eintraten oder -schlugen. Lediglich vier Schläger konnten festgenommen werden, da die rund 250 Beamten damit beschäftigt waren, die rivalisierenden Gruppen auseinander zu halten. "Das heißt aber nicht, dass die anderen ungeschoren davonkommen", sagt Gröbner; man werte derzeit Videoaufnahmen aus.

Beschwichtigung bei Fanbeauftragten

Die Busse der Mannheimer Fans wurden nach den Ausschreitungen aus der Stadt eskortiert.

Die Fanbeauftragten von 1860 München und Waldhof Mannheim wollen von Krawallen nichts mitbekommen haben. "Meines Wissens ist es rund um das Stadion zu keinen Ausschreitungen gekommen", sagt Robert Schmidt von Waldhof Mannheim. Lediglich in der U-Bahn-Station habe es einen kleineren Zusammenstoß gegeben, es sei gepöbelt worden.

Auch sein Kollege von 1860 beschwichtigt. "Wir hatten vor dem Spiel große Bedenken, wie sich die Mannheimer Fans verhalten würden", sagt Toni Sontheimer. Allerdings seien diese ruhig geblieben. Die eigenen Zuschauer jedoch kritisiert der Sicherheitsbeauftragte. "Eigentlich sind das gar keine Fans. Das sind Leute, die zum Fußball kommen, um Randale zu machen und den Verein in Verruf zu bringen."

Sontheimer spricht von etwa 200 Gewaltbereiten aus dem Sechziger-Lager, die nach der 1:4-Niederlage versucht hätten, in den gegnerischen Fanblock zu gelangen. Allerdings sei die Polizei sehr gut vorbereitet gewesen und habe das verhindern können. Überhaupt stellt er den Sicherheitskräften ein gutes Zeugnis aus. "Gerade im Umfeld des Stadions ist es schwierig, die Übersicht zu behalten und die Sicherheit der Fans zu gewährleisten." Sontheimer verurteilt die Übergriffe der 1860-Fans auf die Polizei scharf.

Von einem gemeinsam geplanten Übergriff von 1860 und Bayern-Fans will der Fanbeauftragte nichts wissen. "Ich hörte von Nürnberger Fans, die zur Unterstützung angereist sind, die Mannheimer brachten ja auch Frankfurter mit." Das sei aber eine normale Fanfreundschaft. Der Vorwurf der koordinierten Schlägertrupps, sei "nichts als Hetze der Polizei", behauptet ein Sechzger-Fan, der nicht namentlich genannt werden möchte.

"Bei solchen Dimensionen sind auch die Fanprojekte der Vereine machtlos", sagt wiederum Röschinger. Die Polizei erwartet aber von den Vereinen, dass sie aus dem Wochenende Konsequenzen ziehen. Dazu gehöre, dass sich der TSV 1860 deutlicher als bislang von gewaltbereiten Fans distanziere, auch Stadionverbote oder Spielverlegungen seien ein "probates Mittel". - "Man muss hier so konsequent sein wie bei der Kindererziehung."

© SZ vom 22.12.2008/hgn
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