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SZ-Serie: Bühne? Frei!:Überlebenskampf des Kiwi

Katrin Diehl, geboren in Mannheim, arbeitet als freie Journalistin und schreibt Theaterstücke.

(Foto: Frank Zuber)

Kultur-Lockdown, Tag 109: Die Journalistin und Autorin sitzt vor dem Computer und wundert sich

Gastbeitrag von Katrin Diehl

Ich glaube, es war ein Kiwi. Ein Kiwi, der sich mühte und am Ende verlor. Jedenfalls war er auf einmal weg. Wir Zoomer kennen das. Auf einmal ist einer weg, und wir sagen "Oh!". Dass jede Zoom-Sitzung nach wie vor auf ihre Unberechenbarkeit besteht, finde ich gut. Hinter der Kiwi-Kachel verbarg sich ein Kind, das eben gerne im Schutz eines Kiwis an unseren virtuellen Treffen teilnimmt. Ist voll okay.

Ich bin freie Journalistin und Autorin, schreibe fürs Theater, ob es mich auf die Bühne lässt oder nicht. Was ich sagen will: Dass jetzt alle Theater zu sind, fühlt sich für mich als Schreiberin nicht ganz neu an. Gefühlt machen immer alle Theater erst einmal dicht, wenn ein Stück fertig geworden ist. Fürs Endlich-mal-eine-Sache-zu Ende-bringen ist die Lockdown-Zeit gar nicht übel. Aber auch Erinnerungen an die Vor-C-Zeit helfen. Daran, dass diese Theater schon auch mal für einen auf gehen, dass es dieses Glück gibt, aufgeführt zu werden. Und das Netzwerk der Münchner Theatertexterinnen und Theatertexter hilft auch. Dem gehöre ich an, und da finden die Treffen in alter Regelmäßigkeit, jetzt halt per Zoom statt, eine großartige Gelegenheit, seinen vor sich hinwachsenden Text fachkundiger Kritik auszusetzen. Und wenn da eine einem zum Schluss ein "unbedingt weitermachen!" zuruft, strahlt man aus seiner Kachel.

Was den Überlebenskampf des Kiwis zusätzlich dramatisierte, war das links unten aufblinkende "Reconnecting". Ganz kurz leuchtete das dann auch noch überm Kopf eines Mädchens in einer anderen Kachel auf, dieses Mal als "Reconecting", also mit einem N zu wenig, und dann war der Kiwi weg. Wahnsinn, oder? Wir Zurückgebliebenen versuchten noch Einiges, dann machten wir weiter. Wir, das sind "Die Czaks", eine Kinder- und Jugendtheatergruppe der Münchner "Europäischen Janusz Korczak Akademie", einer jüdischen Bildungseinrichtung. Ich versorge "Die Czaks" mit Stücken, die die dann ganz wunderbar auf die Bühne hieven. Die Regisseurin der Czaks, Veronika Choroba, und ich flüstern uns einmal pro Woche per Whatsapp unser Glücksgefühl darüber zu, unser letztes Stück knapp vorm ersten Lockdown noch über die Bühne gebracht zu haben.

Jetzt halten wir per Zoom mit den Kindern Kontakt, und manchmal lade ich einen "Star" ein. Letztes Mal war es die Schauspielerin Henriette Fridoline Schmidt. Ein Junge wollte wissen, ob es auch mal sein könne, dass das, was da auf die Bühne soll, "dass man da gar nicht dahinter stehen kann, dass man weiß, das ist nicht in Ordnung ...". "Dann muss man Nein sagen", sagt Henriette. Der Bub nickt und sagt: "Klar. Yetzer HaTov." Und ich sage, "klar, Yetzer HaTov". Was das bedeutet, kann man googeln. Jedenfalls hatte das Ganze Gehalt.

Sternchenstunden der Menschheit. Im nächsten Czaks-Stück wird es um Kafka gehen. Es liegt fertig auf dem Tisch. Für jede Rolle hatte ich ein bestimmtes Kind im Kopf. Kann ich grad vergessen. In diesem Jahr haben sich die Kinder alle sehr verändert. Sie sind in den Himmel gewachsen, ein paar Jungenstimmen kieksen. Andererseits: Was spricht dagegen, dass Kafka zwei Köpfe größer ist als sein Vater?

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© SZ vom 18.02.2021
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