Lyrik:Global denken und dichten

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Lyrik: Sieht sich selbst als "Kosmopoetin": Kathrin Niemela.

Sieht sich selbst als "Kosmopoetin": Kathrin Niemela.

(Foto: Fritz Bielmeier)

Kathrin Niemela lebt in Passau, Regensburg - und der ganzen Welt. Das spiegelt sich auch in ihrem ersten Gedichtband "wenn ich asche bin, lerne ich kanji" wider.

Von Antje Weber

"Die welt da draußen wartet / nicht auf wörter - wartet auf wandel", schrieb Kathrin Niemela im September 2017 im Café La Poesía in Buenos Aires - ob in ein Notizbuch, ob in ihr Handy oder ein Laptop, wir wissen es nicht. Sicher ist nur, dass die Zeilen nun auf Seite 50 im ersten Gedichtband der Autorin abgedruckt sind. Sicher ist auch, dass die Welt inzwischen nicht gerade ungeduldig, sondern eher beklommen auf weiteren Wandel wartet. Auf Wörter wartet sie vielleicht auch nicht, doch es ist gut, dass sie da sind - auch die von Kathrin Niemela, die im letzten Vers jenes Gedichts mit dem Titel "Café La Poesía" schreibt: "ich kratze frei, was ich verscharren will".

Kathrin Niemela, 1973 in Regensburg geboren, lebt ebendort wie auch in Passau - und in der ganzen Welt. "Lebhaft irgendwo" schreibt sie auf ihrer Webseite über sich als "Kosmopoetin", die im Brotberuf in der Medizintechnik arbeitet. Die Gedichte ihres ersten Bandes "wenn ich asche bin, lerne ich kanji" zeugen tatsächlich von einem vor-pandemisch intensiven Globetrottertum: Sie sind in Paris, Santiago de Chile, Baltimore, Riga, Tokyo oder eben Buenos Aires entstanden, erzählen von Kaliningrad oder Wien.

Für einen Zyklus des Bandes erhielt die Autorin den Jurypreis des Irseer Pegasus

Die Texte sind inhaltlich und atmosphärisch an die Orte ihres Entstehens angedockt, wie im Gedicht "Bad in Shibuya", das die titelgebende Zeile enthält und unter anderem auf "Kanji" als japanische Schriftzeichen verweist. Doch die Gedanken des lyrischen Ichs mäandern stets weiter. Immer wieder geht es um dessen eigene Verortung in der Welt - "ich schneide mich am sein". Oder, gerne sprachspielerisch, um die Liebe: "dazwischen wir, irgendwo lieben geblieben", im weltweiten digitalen Raum. Der wird häufig mitthematisiert; wir "scrollten am sommer" oder "posten hygge", liest man etwa in dem Zyklus "die süße unterm marmeladenschimmel" - für diesen Zyklus hat Kathrin Niemela im vergangenen Jahr übrigens den Jurypreis des Irseer Pegasus erhalten.

Von der Gegenwart wandern diese mit vielen literarischen Zitaten unterfütterten Gedichte jedoch auch immer wieder in die Vergangenheit. Zeilen über den Großvater, im Krieg "fast krepiert", finden sich ebenso wie Reflexionen über die ostpreußische Vergangenheit der Familie: "verweht über jahre wird schweigen sprache / sammeln sich wörter für das ende von was". Immer wieder wird in den nur vordergründig luftig leicht wirkenden Versen dabei das Bemühen dieser Autorin sichtbar, die Welt im Wandel besser zu begreifen. Und sich schwierigen Fragen zu stellen: "wie verworrenem / ordnung geben, ohne dass / das geheimnis zerbricht?"

Kathrin Niemela: "wenn ich asche bin, lerne ich kanji", Parasitenpresse Köln 2021, 88 Seiten. Niemela liest mit Birgit Merk und Katharina Kohm am Samstag, 2. April, 16 Uhr, in der Münchner Buchhandlung Literatur Moths (Rumfordstr. 48, Eintritt frei, Anmeldung: moths@li-mo.com).

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