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Katholische Kirche:Marx' Rücktrittsgesuch muss Aufarbeitung folgen

Rücktrittsgesuch von Kardinal Marx abgelehnt

Mit seinem "bemerkenswerten Schritt" habe Marx Maßstäbe gesetzt, finden die Unterzeichner des Aufrufs.

(Foto: Lennart Preiss/dpa)

Ein Netzwerk kirchlicher Reformgruppen lobt Kardinal Marx' Vorstoß - fordert von ihm nun aber auch "konkrete Schritte" im Umgang mit Missbrauchsverbrechen.

Von Bernd Kastner

Ein Netzwerk zahlreicher kirchlicher Reformgruppen aus dem Erzbistum München und Freising ruft Kardinal Reinhard Marx auf, Missbrauch unabhängig aufarbeiten zu lassen und Frauen in der Kirche gleichberechtigt zu behandeln. Anlass des Appells ist der Rücktrittswunsch von Marx, der von Papst Franziskus am Donnerstag abgelehnt wurde. Marx, der bis vor einem Jahr auch Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz war, wollte mit dem Amtsverzicht Verantwortung übernehmen für persönliche Fehler und institutionelles Versagen der katholischen Kirche insbesondere im Umgang mit dem Missbrauchsskandal. Die kirchlichen Reformgruppen loben ihn dafür: "Mit seinem bemerkenswerten Schritt hat er Maßstäbe gesetzt, an denen sich auch die übrigen deutschen Bischöfe und Kirchenverantwortlichen messen lassen müssen."

Das "Netzwerk für eine zukunftsfähige katholische Kirche im Erzbistum München und Freising" teilt laut eigener Mitteilung die Sorge des Kardinals vor Tendenzen innerhalb der Kirche, die Ursachen für systemische Fehler auszuklammern und zu versuchen, die Aufarbeitung des Versagens auf eine Verbesserung der Verwaltung zu reduzieren. Die schnelle Antwort des Papstes auf den Rücktrittswunsch des Kardinals sieht das Netzwerk als "Rückenstärkung" für Marx und seinen bisherigen Reformkurs. Der Papst habe damit signalisiert, dass es mehr als einen personellen Wechsel in der Kirche brauche, nämlich vor allem mentale, pastoral-theologische und spirituelle Veränderungen.

Das Netzwerk lobt aber nicht nur, es formuliert auch Forderungen an Marx. Man erwarte nun "konkrete Schritte und neue Standards" für das Erzbistum: "Alle Missbrauchsverbrechen werden von Unabhängigen transparent untersucht und aufgearbeitet, Tatverantwortliche und Vertuschende werden ausnahmslos benannt und zur Verantwortung gezogen. Betroffene erhalten faire Ausgleichs- und Aufarbeitungsangebote." Zudem müssten Frauen endlich "eine gleichberechtigte Position in allen kirchlichen Diensten und Ämtern" einnehmen: "Nur wenn anerkannt wird, dass Männer und Frauen auch in der Kirche die gleiche Würde und die gleichen Rechte haben, kann heute und in Zukunft die Botschaft Jesu glaubwürdig verkündet und gelebt werden."

Der Aufruf kommt von einem breiten Bündnis - und richtet sich nicht nur ans Bistum

Verantwortliche im Erzbistum sollten sich zudem für Veränderungen aus dem synodalen Weg heraus einsetzen und "sich gegen diskriminierende und rückwärtsgewandte Positionen innerhalb der katholischen Kirche und des Kirchenvolks stellen". Hintergrund dieser Forderung sind Anfeindungen, denen reformorientierte Priester und Gläubige immer wieder ausgesetzt sind, zuletzt etwa im Anschluss an die Segnung homosexueller Paare.

Über das eigene Bistum hinaus richtet das Münchner Netzwerk einen Appell an die Bischofskonferenz, das Zentralkomitee der deutschen Katholiken und die Teilnehmenden des Synodalen Weges, endlich "die systemischen Ursachen geistlichen und sexualisierten Missbrauchs" anzugehen: "Verstehen Sie den veröffentlichten Briefwechsel zwischen Kardinal Marx und Papst Franziskus als einen weiteren deutlichen Weckruf, in welch massiver Glaubwürdigkeitskrise sich die katholische Kirche nicht nur in Deutschland, sondern weltweit befindet!"

Unterzeichnet haben den Aufruf vom Wochenende Vertreterinnen und Vertreter dieser Gruppen und Organisationen: Wir sind Kirche, Maria 2.0, Münchner Kreis (ein Zusammenschluss reformorientierter Priester und Diakone), Gemeindeinitiative, Priester im Dialog, Kommission Frauen im Kolping-Verband, Ordens-Frauen für Menschenwürde, Katholischer Deutscher Frauenbund, Initiative Sauerteig aus Garching an der Alz, Katholische Frauengemeinschaft.

Was Marx zu den Geschehnissen sagt

Marx selbst äußerte sich bei einem Gottesdienst am Sonntag in der Frauenkirche. Die Äußerung in seinem Brief an den Papst, die Kirche sei "an einem gewissen 'toten Punkt", sei keine Kritik, sondern "einfach nur ein Aufruf, ein Weckruf" gewesen. "Ist nicht manches an der Sozialgestalt der Kirche vorüber?", fragte Marx in seiner Predigt. "Nicht das Evangelium, nicht der Einsatz für die Kranken, nicht der Einsatz für den Nächsten, nicht die Feier der Eucharistie. Aber manches an Gehabe und an Selbstbewusstsein, das auf die Institution und auf die Macht und auf den Einfluss ausgerichtet ist, den wir hätten oder haben wollen - all das ist vielleicht doch vorüber."

Zu seinem Rücktrittsgesuch und dessen Ablehnung durch den Papst sagte Marx: "Die Turbulenzen, das Auf und Ab des inneren Ringens und der Diskussionen der Öffentlichkeit" hätten ihn bewegt. "Aber jetzt gilt es weiterzugehen, in der großen Hoffnung, dass wir nicht allein sind, sondern dass Er der Weg und die Wahrheit und das Leben ist."

© SZ vom 14.06.2021
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