Interview mit Katharina Thalbach„Ich bin das Alphatier, das ist ja klar!“

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Die Schauspielerin und Regisseurin Katharina Thalbach wurde 1954 in Ost-Berlin geboren. Unverwechselbar ist ihre leicht knarzige Stimme, einerlei ob auf der großen Bühne oder in Kino- und Fernsehfilmen. 
Die Schauspielerin und Regisseurin Katharina Thalbach wurde 1954 in Ost-Berlin geboren. Unverwechselbar ist ihre leicht knarzige Stimme, einerlei ob auf der großen Bühne oder in Kino- und Fernsehfilmen.  (Foto: Bernd von Jutrczenka/dpa)

Mit dem Paten Vito Corleone verglichen zu werden, empfindet sie als Kompliment. Schauspielerin und Regisseurin Katharina Thalbach bedeutet die Familie viel. Aber wie steht es mit den Männern?

Interview von Barbara Hordych

International bekannt wurde Katharina Thalbach 1979 in Volker Schlöndorffs oscarprämierter „Blechtrommel“, in der ihr der kleine Oskar Matzerath Brausepulver aus dem Bauchnabel schleckt. Heute spielt sie oft die schrullige Alte. Mit ihrer Tochter Anna und Enkelin Nellie ist die 71-Jährige gerade auf Tournee mit dem literarischen Abend „Weihnachten bei Familie Thalbach“.

Frau Thalbach, sind Weihnachtsmänner die idealen Männer? Schneien herein, bringen Geschenke und gehen wieder? 

Katharina Thalbach: Nö. Ich brauche den Weihnachtsmann nicht, ich habe den idealen Mann gefunden.

Seit fünf Jahren sind Sie mit Uwe Hamann verheiratet…

Deshalb soll der Weihnachtsmann das mal machen, wie er es denkt, aber ohne mich.

Was halten Sie vom traditionellen Familienbild Vater, Mutter, Kind?

Das muss jeder für sich entscheiden. Ich finde Weihnachten mit Kindern etwas sehr Schönes. Weil sich mit kleinen Kindern die ganzen Geheimnisse, die Spiele lohnen. Da sind wir Erwachsenen viel abgeklärter, da kommt es oft nur noch auf Geschenke an, das finde ich langweiliger. Deshalb bin ich so froh, Weihnachten unterwegs zu sein.

Während andere Plätzchen backen, fahren Sie im Advent quer durch Deutschland mit Ihrem Weihnachtsprogramm, München, Stuttgart, Berlin...

Dadurch habe ich genau die Weihnachten, wie ich sie gerne habe. Weihnachten mit Wörtern. Und meine Mädels sind mit dabei.

Wie muss man sich das konkret vorstellen?

Meine Tochter bringt stets für die Hotels schöne kleine Deko mit, die bauen wir auf. Abends müssen wir immer noch zwei, drei Lieder singen und dann ins Bettchen gehen.

Das weibliche Gesicht des Thalbach-Clans: Katharina zwischen Tochter Anna (links) und Enkelin Nellie (rechts) präsentieren gemeinsam ihre Lesung „Weihnachten bei Familie Thalbach“ .
Das weibliche Gesicht des Thalbach-Clans: Katharina zwischen Tochter Anna (links) und Enkelin Nellie (rechts) präsentieren gemeinsam ihre Lesung „Weihnachten bei Familie Thalbach“ . (Foto: Boris Breuer)

Sie laden das Publikum zu Weihnachten bei den Thalbachs ein. Wie sieht Ihre eigene Feier aus?

Über Weihnachten bin ich in Hamburg, weil ich am zweiten Weihnachtstag in der Elbphilharmonie auftrete. Da kommen auch die Mädels. Wir haben dort viele Freunde, bei denen wir eingeladen sind. An Heiligabend gehen wir wunderschön essen, wir machen es uns sehr gemütlich.

Gibt es ein Weihnachtsritual bei Ihnen?

Wir schauen die Verfilmung von Dickens Weihnachtsgeschichte, unbedingt die mit den Muppets. Mindestens einmal, manchmal auch mehrmals. Weil das der schönste Weihnachtsfilm überhaupt ist. Den sehe ich mit meiner Enkeltochter Nellie seit sie drei Jahre alt ist.

Als Sie mit Tochter und Enkeltochter in der Fernsehkomödie „Wir sind die Rosinskis“ auftraten, hieß es, als Oma seien Sie die weibliche Variante von Vito Corleone aus dem „Paten“. Können Sie sich darin wiedererkennen?

Das ist ein großes Kompliment! Das kannte ich nicht, aber es freut mich sehr.

Die weibliche Linie macht sich in Ihrer Familie stark bemerkbar.  

Ich habe ein großes Herz fürs Matriarchat. Das bewährt sich durchaus immer wieder, es gibt ja Kulturen, bei denen die Weitergabe von der Mutter zur Tochter noch heute funktioniert. Und das funktioniert meistens besser als das Patriarchat.

Bei Ihnen lässt sich das weit zurückverfolgen: Bereits Ihre früh gestorbene Mutter war Schauspielerin. Danach fungierte Bertolt Brechts Witwe Helene Weigel als Ihre Mentorin.   

Absolut, ja. Sie holte mich schon mit 13 Jahren als Meisterschülerin ans Berliner Ensemble. Eine große Schauspielerin, eine wunderbare Intendantin und ein bemerkenswerter Mensch.

Katharina Thalbach, hier mit David Bennent in der berühmten Brausepulver-Szene aus Volker Schlöndorffs „Blechtrommel“ von 1979.
Katharina Thalbach, hier mit David Bennent in der berühmten Brausepulver-Szene aus Volker Schlöndorffs „Blechtrommel“ von 1979. (Foto: IMAGO/CAP/MFS/IMAGO/Capital Pictures)

Sie spielten mit 15 die Hure Betty in der ‚Dreigroschenoper‘ am Berliner Ensemble. Ihre Tochter Anna trat mit 6 Jahren an Ihrer Seite in Brechts ‚Mutter Courage‘ auf, Enkelin Nellie war 17, als sie mit Ihnen beiden Bühnenpremiere hatte. Ungewöhnlich früh? 

Für uns ist das normal. Was etwas mit der Familie zu tun hat. Ich spiele auch mit meinen Brüdern gerne zusammen, oder wir spielten, und unser Vater hat Regie geführt …

…der Theaterregisseur Benno Besson, den Bertolt Brecht 1948 ans Berliner Ensemble holte…

Das ist bei uns vergleichbar mit diesen Zirkusdynastien. Aber der Zusammenhalt unter uns Weibern ist besonders stark, ja.

Mal weg von den Gemeinsamkeiten, welche Gegensätze gibt es?

Meine Tochter ist sehr feinstoffmäßig veranlagt, hat ein glückliches Händchen für kleine Basteleien, und einen außergewöhnlichen Sinn für Mode und das Dekorative. Dagegen bin ich ein Bauer. Meine Enkeltochter hat ein Herz für die Welt, das ist wirklich auffällig. Nicht nur für die Familie, sondern auch für das große Ganze, da ist sie sehr liebevoll mit der ganzen Menschheit.

Und Sie selbst?

Es ist schwierig, sich selbst zu charakterisieren. Ich bin das Alphatier, das ist ja klar (lacht). Aber es ist wie bei den Elefanten. Ich führe, würde aber niemals einschränken.

Wenn Sie zu dritt eine weibliche Theaterphalanx bilden, sind Sie dann durchsetzungsfähiger in hierarchischen Theaterhäusern?

Das funktioniert bei uns anders. Wenn wir zusammen Theater spielen, dann ist das an der Komödie am Kurfürstendamm, und die ist ein Privattheater. Das sind andere Strukturen, die würde ich nicht Hierarchie nennen. Eine Hierarchie gibt es höchstens zwischen Regie und Schauspiel. Wenn ich da inszeniere, bin ich halt das Alphatier und die Bestimmerin. Das ist dann so, für alle.

Keine Irritationen, wenn die Großmutter oder Mutter Ansagen macht?

Ich bin ja ein lieber Bestimmer. So bin ich von Natur aus, ich habe einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn. Die beiden dürfen mich bei der Arbeit halt nie mit Oma oder Mama ansprechen, da bin ich für sie wie für alle anderen die Kathi. Sie müssen mich nicht siezen, aber (lacht) es ist kurz davor.

Drei Generationen Thalbach: Nellie, Katharina und Anna 2014  im Stück „Roter Hahn im Biberpelz“ auf der Bühne der Komödie am Kurfürstendamm. 
Drei Generationen Thalbach: Nellie, Katharina und Anna 2014  im Stück „Roter Hahn im Biberpelz“ auf der Bühne der Komödie am Kurfürstendamm.  (Foto: imago stock)

Ihnen allen spielt in die Hände, dass Sie jung Mutter geworden sind. Es ermöglicht Ihnen, gemeinsam aufzutreten.

Das sehe ich als Geschenk. Nur die Nellie lässt sich noch etwas Zeit. Aber das ist natürlich ihre Sache.

Wie präsent ist der christliche Gedanke in Ihren Weihnachtsgeschichten?

Da kommt man gar nicht drumherum. Selbst wenn man Atheist ist, existiert der christliche Gedanke, und der ist lehrreich. Darauf baut unsere ganze Kultur auf.

Das Programm ist ein Weihnachts-Bestseller – wie halten Sie es für sich „Alle Jahre wieder“ spannend?

Indem wir die Geschichten auswechseln. Trotzdem hat jede ihre Lieblingsgeschichte, die bleibt. Bei mir ist es die vom ‚Weihnachtsdackel‘ von Herbert Rosendorfer, die muss sein. Aber auch das Märchen ‚Das kleine Mädchen mit den Schwefelhölzern‘ von Andersen ist immer dabei.

Die Geschichte dieses Mädchens, das einen Erfrierungstod stirbt und seine Großmutter bittet, es mit in den Himmel zu nehmen, bricht einem beinahe das Herz…

Mir auch. Das Märchen liest Nellie, und da steigen mir jedes Mal die Tränen in die Augen.

Weihnachten bei Familie Thalbach, Mittwoch, 14. Dezember, 19.30 Uhr, Prinzregententheater

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