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Kultur in München:Die Kunst, mit Pappkartons zu polarisieren

"Kunst ist die kleinste und feinste Form, mit der du eine Geschichte erzählen, eine Emotion erzeugen kannst", sagt Matthias Edlinger.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Früher drehte Matthias Edlinger Musikvideos. Heute macht er Kunstwerke aus dem, was andere wegwerfen.

Hip-Hop-Beats wummern. Kameraschwenk auf einen gigantischen Tourbus aus Pappkarton. Davor liefern sich Musiker und Polizisten eine Auseinandersetzung. Während die Geschichte an Fahrt aufnimmt, zeigt die Kamera mehr und mehr Kulisse: Polizeiwagen, Autos, Straßenbahn und Häuserzeilen - eine ganze Welt aus beige-brauner Pappe.

Regisseur Matthias Edlinger hat mit seinem Musikvideo für die Demograffics eine Hommage an ein bekanntes Video des US-Rappers Method Man geschaffen. Nach einem Konzert in München hatte dieser einen Einbruch in seinen Tourbus angezeigt. Zwei Minuten später durchsuchten die Beamten den Bus und wollten dem Musiker Drogenbesitz anhängen. Method Man filmte, das Video ging viral. Edlinger begann seine Pappstadt zu bauen.

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Die Arbeit als Musikvideoregisseur hat der Münchner inzwischen aufgeben, die Branche sei nicht mehr lukrativ, sagt er. Geblieben ist ihm aber die Pappe. Damit macht er jetzt Kunst. In seinem Atelier am Ostbahnhof kramt Edlinger in einer beachtliche Kartonagen-Sammlung. An den Wänden hängen Collagen, die an Graffiti und Street-Art erinnern. Schnell skizzierte Porträts, vereint mit Fotografien und Ausschnitten aus Magazinen, der Hintergrund immer und immer wieder beige-brauner Karton.

Während Edlinger in seiner Rohstoffsammlung wühlt, zieht er ab und zu eines der Stücke heraus und freut sich, als wäre er zwischen Papiermüll auf einen Schatz gestoßen. "Der hier zum Beispiel", sagt Edlinger, breites Grinsen im Gesicht, "stammt aus dem Papiercontainer des Lovelace." In dem Münchner Pop-up-Hotel hat er zuletzt ausgestellt. Auf das vermeintlich schnöde beige-braune Ungetüm hat irgendjemand "Brezenstückerl, Paprika" gekritzelt, und Edlinger lacht darüber, als gäbe es da eine versteckte Pointe.

Für ihn steckt in dem hingeschmierten "Brezenstückerl" eine Menge Information. Vielleicht schon der Anfang einer guten Geschichte. "Da steht Stückerl, nicht Brezenstücke. Du kannst dir also schon sicher sein, dass der Karton nicht irgendwo aus Hamburg kommt, sondern eher aus Bayern." Und wenn man so überlegt, wer Brezenstückerl und Paprika in rauen Mengen braucht, landet man schnell bei einer Großküche. Der Karton spricht sozusagen mit Edlinger. Ein Klick-Moment.

Wenn das passiert, kann er mit dem Werkstoff arbeiten, ihn als Untergrund verwenden oder dreidimensionale Objekte daraus bauen. Seelenloser, fabrikneuer Karton hingegen geht gar nicht. Immerhin will er auch mit den verwendeten Materialien Geschichten erzählen. Und wer Geschichten erzählen will, braucht Vergangenheit.

Fast jede Beschreibung eine Liebeserklärung

Es ist dieser Drang zu erzählen, der den 45-Jährigen in seiner Arbeit antreibt. Das war so, als er gemeinsam mit seinem Freund Jörg Steinleitner Romane schrieb, und es war so, als er für Musiker und Bands wie Blumentopf, Fatoni, Demograffics, Claire oder Slut Musikvideos drehte. Das hat er so lange gemacht, bis Spotify der Musikindustrie vors Schienbein getreten hat. Die Zahlen der Plattenverkäufe gingen zurück und mit ihnen auch die Budgets für Musikvideodrehs. "Die Standardbudgets haben damals bei 40 000 Euro gelegen, heute sind es um die 1500." Mitarbeiter für Licht, Ton und Kamera kann man davon nicht mehr bezahlen. Von der Musikvideoregie lässt sich heute nicht mehr leben.

Haupteinnahmequelle sind für Edlinger mittlerweile vor allem Werbeaufträge. Für die Zukunft setzt er auf seine Karton-Kunst. Ob das funktioniert? Irgendwann einmal hat Edlinger einen Preis unter eine seiner Arbeiten gehängt. Ein Besucher habe sich tierisch darüber aufgeregt. "Ich hätte nicht gedacht, dass es jemanden so wütend macht, dass da ein Stück Karton an der Wand hängt", sagt er. Es sei aber auch eine Art Ritterschlag gewesen, dass seine Arbeiten so polarisieren.

"Kunst ist die kleinste und feinste Form, mit der du eine Geschichte erzählen, eine Emotion erzeugen kannst", sagt Edlinger. Das funktioniere auch mit reduzierten Mitteln. Gerade bietet er bei einer Online-Auktion auf Verpackungskarton für Campbells-Tomato-Soup aus den Sechzigerjahren. Ein Stück davon will er ausstellen. Der Titel steht: "Andy Warhol". Zwei Stichworte und im Gehirn des Betrachters entsteht ein Bild.

Edlinger, Ringelpulli, Sneakers, Baseballcap, kramt weiter in den Kartonagen, springt von einer Ecke in die nächste und redet dabei, als lieferten sich die immer neuen Assoziationen in seinem Kopf ein Wettrennen mit seinem Mund. Nach und nach zieht er einzelne Stücke in verschiedenen Stärken, Qualitäten und Größen hervor, erklärt Vorzüge und Nachteile. Fast jede der Beschreibungen klingt wie eine Liebeserklärung. Mit dem Karton sei es fast wie mit Wein, sagt Edlinger. Er zeigt auf einen Stapel und wechselt in einen nasalen Singsang: "Das da drüben ist der 96er Fatoni." Ein Stück gebrauchte braune Pappe, Erinnerungen, ein ganzes Universum an möglichen Geschichten.

Ausstellung "It's a Cardboard Life", bis 12. Mai, Üblacker-Häusl, Preysingstraße 58.

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